Turin Audio Tour: Brücken, Wissen und Geheimnisse zwischen Geschichte und Moderne
Die Straßen Turins verbergen Geheimnisse, die älter sind als der Nebel, der sie oft umhüllt. Zwischen der Majestät der Porta Palatina und der strengen Anmut der Kirche San Gioacchino verbirgt sich eine Geschichte vergessener Revolten und versteckter Symbole, die nur darauf warten, von denen entdeckt zu werden, die es wagen, wirklich hinzusehen. Begeben Sie sich auf eine selbstgeführte Audiotour durch die historischen Viertel und die weniger bekannten Gassen von Aurora. Entdecken Sie Geschichten und Details, die den Augen eiliger Touristen entgehen. Was geschah in der Nacht, als das Tor der Porta Palatina eilig versiegelt wurde? Welche mysteriöse Gestalt schlich während einer inzwischen legendären Totenwache durch die Kirchenschiffe? Warum trafen sich auf einem bestimmten Platz im Viertel Aurora jeden Donnerstag Männer, bewaffnet mit Schlüsseln? Von einem Denkmal zum nächsten rüttelt jeder Schritt den Staub der Zeit auf und entfacht das Staunen. Lassen Sie das geheime Turin vor Ihren Augen enthüllen. Drücken Sie Play und beginnen Sie das Abenteuer.
Tourvorschau
Über diese Tour
- scheduleDauer 90–110 minsEigenes Tempo
- straighten4.0 km FußwegDem geführten Pfad folgen
- location_on
- wifi_offFunktioniert offlineEinmal herunterladen, überall nutzen
- all_inclusiveLebenslanger ZugriffJederzeit wiederholen, für immer
- location_onStartet bei Campus Luigi Einaudi
Stopps auf dieser Tour
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Vor Ihnen schwebt etwas, das wirkt wie eine weiße Wolke auf Abwegen: ein riesiges Dach, das sich über modernen Glasbauten ausbreitet. Wenn Sie es suchen, orientieren Sie sich am…Mehr lesenWeniger anzeigen
Vor Ihnen schwebt etwas, das wirkt wie eine weiße Wolke auf Abwegen: ein riesiges Dach, das sich über modernen Glasbauten ausbreitet. Wenn Sie es suchen, orientieren Sie sich am auffälligen Dach zwischen dem Grün und dem Fluss Dora. Genau da stehen wir: am Campus Luigi Einaudi, wo Turin gern mal seine Zukunftsstimme aufdreht. Hier war früher nicht Uni, sondern Industrie angesagt. In diesem Bereich dominierte Italgas, und im Viertel Vanchiglietta wurde ordentlich geschuftet. Dann kam der große Umbau, und mit ihm ein Name, den Architektur-Fans so ehrfürchtig aussprechen wie andere „Pasta“: Norman Foster. Der Mann scheint eine persönliche Fehde mit geraden Linien zu führen, denn hier ist kaum etwas schnurgerade. Ergebnis: Im Jahr zweitausendzwölf wurde der Campus eröffnet, und C-N-N, der amerikanische Nachrichtensender Cable News Network, zählte ihn zu den zehn schönsten Universitätsgebäuden der Welt. Nicht schlecht für ein ehemaliges Fabrikrevier. Die Anlage ist wie ein gläsernes Labyrinth, nur freundlicher: sieben Gebäude richten sich auf eine runde Piazza aus, also einen Platz, und sind durch Stege verbunden. Das ist praktisch der architektonische Handschlag zwischen Studierenden und Lehrenden, inklusive Umwegen für kurze Gespräche oder den dringend nötigen Kaffee aus der Mensa. Und dieses Dach oben, so hell wie aufgeschlagene Sahne, fängt das Licht von allen Seiten ein. Selbst die zerstreutesten Turiner merken: Da passiert was. Die Fenster sind riesig, fast als würde man mit dem Blick im Grünen lernen. Der Campus öffnet sich zur Dora, schaut zu den Hügeln und bekommt sogar die Mole Antonelliana und die Basilica di Superga ins Blickfeld. Drinnen gibt es Seminarräume, Lernzonen und Labore, einen ansteigenden Hörsaal, eine Tiefgarage und als Star die Biblioteca Norberto Bobbio mit sechshundertfünfzigtausend Bänden: ein ganzer Berg Wissen. Hier dreht sich alles um Rechtswissenschaften, Politik und wirtschaftlich-soziale Themen. Und das Gebäude ist auf Energiesparen ausgelegt, also so geplant, dass es mit möglichst wenig Energie auskommt. Vor gar nicht langer Zeit hörte man hier vor allem Fabrikgeräusche. Heute klingt es nach Stadt im Wandel.
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Du erkennst die Biblioteca Norberto Bobbio sofort: ein moderner Eingang mit großen Glasflächen, und dieses knallorange Schild, das sich in der Tür spiegelt. Subtil ist anders - aber genau deshalb läuft hier niemand aus Versehen vorbei. Willkommen in der Biblioteca Norberto Bobbio, so etwas wie die Regentin unter Turins Bibliotheken. Sie ist die größte in ganz Piemont. Und weil man für so viel Wissen Platz braucht, hat die Universität Turin ein früheres Industrieareal am Fluss Dora umgebaut und daraus den futuristischen Campus Luigi Einaudi gemacht. Entworfen wurde das Ganze von Norman Foster plus Partners - ja, genau der Foster, bei dem Gebäude oft aussehen, als hätten sie gerade gelernt zu fliegen. Stell dir den Ort vor ein paar Jahrzehnten vor: Statt Studierenden und Büchern Italgas-Arbeiter, ölverschmierte Hände, Fabrikhallen, Betrieb. Heute herrscht hier die Ruhe der Forschung, mit ökologischen Materialien und viel Holz, das nach „gerade erst eingebaut“ riecht - und das aus streng kontrollierter Forstwirtschaft stammt. Die Natur sagt: Grazie. Drinnen wartet ein Reich von über zehntausend Quadratmetern auf drei Etagen. Die Bestände sind in fünf Bereiche gegliedert, jeder benannt nach einer Turiner Größe der Wissenschaft. Und das sind nicht bloß Regale, das sind Lebenswerke mit ordentlich Sammeltrieb. Da ist zum Beispiel Salvatore Cognetti de Martiis, ein Zauberer der Ökonomie. Seine Sammlung machte die Cognetti-de-Martiis-Bibliothek schon damals zur reichsten Italiens für Sozialwissenschaften. Sozialwissenschaften, das ist alles, was Gesellschaften untersucht: Politik, Wirtschaft, Zusammenleben. Dazu Monografien, also dicke Fachbücher zu genau einem Thema, und Statistikberge, bei denen Soziologen leuchtende Augen bekommen. Weiter geht’s in den Bereich Federico Patetta: alte Drucke, Militärkarten, sogar satirische Zeitschriften aus früheren Zeiten. Und dort spukt auch Francesco Ruffini durchs Inhaltsverzeichnis - Professor, Jurist, und einer der wenigen, die neunzehnhunderteinunddreißig den Treueeid auf den Faschismus verweigerten. In seinem Bereich wachsen die Gesetzesbände übrigens jedes Jahr weiter, wie Pilze - nur schwerer zu verdauen. Gioele Solari, Professor für Rechtsphilosophie, deckt ein erstaunliches Spektrum ab: Soziologie, Kulturanthropologie, Gefängnisforschung und Gender Studies, also Forschung zu Geschlechterrollen und Ungleichheiten. Und falls du dich über „C zwei“ und „C drei“ wunderst: Das sind Standortcodes, damit man im Büchermeer nicht strandet. Der jüngste, und am stärksten europäisch ausgerichtete Bereich ist Gianni Merlini: entstanden aus Kooperationen mit dem Centre for Federalism Studies und dem European University Institute. Ideal, wenn man verstehen will, wie Europa Schritt für Schritt gebaut wurde - Band für Band. Man fragt sich nur, ob manche Politiker diese Wälzer wenigstens als Türstopper nutzen. Und dann der Schatzschrank: der Bereich für alte und seltene Bestände. Hier werden Unikate, seltene Schenkungen und Bücher aufbewahrt, die nach vergangenem Jahrhundert duften. Wenn es dort mal raschelt, ist das übrigens nicht zwingend ein Geist - vielleicht ist es auch nur der Bibliothekar, der leise vor sich hin schnarcht. Kurz gesagt: Das ist nicht nur ein Lernort, sondern eine Art Zeitmaschine aus Papier. Bereit, dich ein bisschen zu verlieren? Nur nicht zu sehr - der nächste Halt wartet schon.
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Vor Ihnen steht eine strahlend weiße Barockfassade: kräftige Säulen, und direkt über dem Hauptportal zwei Statuen, als würden sie gleich „Benvenuti!“ rufen. Dazu die Schatten der Äste an der Wand - ein bisschen Theaterkulisse, ganz ohne Eintrittskarte. Diese Kirche hat nämlich eine Vorgeschichte, die in Turin locker als Seifenoper durchgehen würde. Stellen Sie sich vor: Im Jahr achtzehnhundertfünfundachtzig wird die alte Basilika der Confraternita del Santissimo Nome di Gesù abgerissen. Confraternita, das ist eine religiöse Bruderschaft, also eine Gemeinschaft von Laien, die sich organisiert, betet und hilft. Der Grund für den Abriss? Platz für eine neue Straße: die Via Pietro Micca. Modern gedacht, aber gnadenlos zu alten Mauern. Die Bruderschaft steht plötzlich ohne Zuhause da. Und dann kommt die Wendung: Eine neue Kirche entsteht im Viertel Vanchiglietta, zwischen dem Corso Regina Margherita und einem Quartier, das damals noch nicht gerade auf jeder Postkarte landete. Im Jahr neunzehnhundertdrei ging der Bruderschaft das Geld aus, und sie übergab das Gelände an die Kurie. Kurie heißt: die zentrale Verwaltung der Diözese, also die „Schaltzentrale“ des Bistums. Ab da war das hier nicht nur ein Zufluchtsort für wenige, sondern eine Pfarrkirche, also die Kirche einer Gemeinde. Neunzehnhundertsechsundzwanzig kam der Glockenturm dazu, entworfen von Paolo Napione. Seine Spitze wirkt, als wolle sie mit den Bäumen ringsum um die Wette ragen. Und es ging weiter: Neunzehnhunderteinundfünfzig wurde erweitert - aus einem Kirchenschiff wurden drei. Ein Schiff ist der lange Hauptraum einer Kirche; hier tanzen Pfeiler und Bögen fast wie in barocker Choreografie. Drinnen sehen Sie im Mittelschiff ein Tonnengewölbe, also eine Decke wie ein halber Tunnel, und restaurierte Fresken, Wandmalereien direkt im Putz. Am Hauptaltar wachen Engelstatuen von Giacomo Buzzi Reschini. Draußen tragen die Säulen die Heiligen Processus und Martinianus - ein Gruß an frühere Zeiten. Heute sind hier die Missionarischen Schwestern Mariens Hilfe der Christen und die Karmelitinnen der Heiligen Teresa zuhause. Wenn Sie also eintreten, sind Sie selten allein - willkommen geheißen, mit offenen Armen. Und, nun ja: mit Flügeln.
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Vor Ihnen stehen zwei hohe Zwillinge aus Backsteinrot und grauem Putz, kantig gebaut und oben mit kleinen Spitzen gekrönt. Schauen Sie nur Richtung der belebten Kreuzung: Mit ein…Mehr lesenWeniger anzeigen
Vor Ihnen stehen zwei hohe Zwillinge aus Backsteinrot und grauem Putz, kantig gebaut und oben mit kleinen Spitzen gekrönt. Schauen Sie nur Richtung der belebten Kreuzung: Mit ein bisschen Fantasie wirken die beiden wie zwei riesige Zuckerdosen, die hier die Piazza bewachen. Fehlt nur noch, dass jemand den Deckel hebt und Turin Puderzucker überstreut. Wir sind am Rondò Rivella, mitten im Stadtgetriebe, an einem Ort, der immer so tut, als wüsste er einen Witz, den er Ihnen gleich erzählt. Diese Türme stammen aus dem Jahr neunzehnhundertneunundzwanzig und tragen die Handschrift von Eugenio Vittorio Ballatore di Rosana. In Turin war er ein Star, vor allem bei Leuten, die Art Nouveau liebten. Art Nouveau, das ist dieser schwungvolle Jugendstil mit geschwungenen Linien und floralen Mustern, als hätte ein Gebäude Lust zu tanzen. Hier machte Ballatore aber etwas anderes: Er wollte die monumentalen Stadteingänge der großen Straßen des neunzehnten Jahrhunderts neu interpretieren, so wie man sie von der Via Roma oder dem Corso Gabetti kennt, nur eben im Art Deco. Art Deco bedeutet: klare Geometrie, starke Konturen, eleganter Glanz und damals absolut modern. Und warum heißen sie Torri Rivella? Wegen Francesco Rivella, einem genialen Pelzunternehmer, der sein berühmtes Atelier hierher verlegte. Stellen Sie sich das vor: elegante Damen, Autos wie aus alten Filmen, und das leise Rascheln von Nerz. Kundschaft aus aller Welt kam vorbei. Rivella war nicht nur Händler, er war Werbeprofi: Er färbte Biberpelze nach den kühnsten Moden und flutete Zeitungen und Magazine mit Anzeigen, deutlich bevor irgendwer „Influencer“ sagte. Das Beste: Obwohl die Türme wie Zwillinge wirken, unterscheiden sie sich in den Art-Deco-Details und in der Form ihrer Spitzen. Fast, als würden sie in Sachen Eleganz konkurrieren, während sie aus der Ferne zur Mole Antonelliana und zur Kuppel des Doms hinüberblicken wie zwei Wachposten im Frack. Und mal ehrlich: Wer wollte nicht wenigstens einen Tag lang in so einer schicken Zuckerdose wohnen?
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Vor dir steht dieses große, verschnörkelte Gebäude aus Eisen und Glas, und mitten drauf thront eine runde Uhr wie der Dirigent eines sehr lebhaften Orchesters. Direkt darunter wimmelt es von bunten Ständen. Wenn du dich fragst, ob du richtig bist: Keine Sorge. Das hier ist Porta Palazzo, das pochende Herz des Viertels Aurora. Heute wirkt das Ganze wie ein Markttheater unter freiem Himmel, wo Aromen, Geschichten und Dialekte durcheinanderreden wie alte Freunde an einem viel zu kleinen Tisch. Aber springen wir mal weit zurück: Genau hier lag früher der nördliche Eingang ins römische Turin. Die Römer nannten das Tor Porta Principalis Dextera. Davon sind heute nur noch Ruinen übrig, aber damals marschierte man hier hinein ins Zentrum von Julia Augusta Taurinorum, achtundzwanzig Jahre nach Christus. Ein Tor, das seit zwei Jahrtausenden „Hast du schon gehört?“ spielt? Dieses hier gibt sich Mühe. Der Star der Gegenwart ist der Platz, auf dem du stehst: ein achteckiger Riese und der größte Platz der Stadt, ganze einundfünfzigtausenddreihundert Quadratmeter. Offiziell heißt er Piazza della Repubblica, aber Turin sagt fast liebevoll: Porta Palazzo. Im achtzehnten Jahrhundert ließ Herzog Vittorio Amedeo der Zweite, so eine Art Bau-Influencer seiner Zeit, den Architekten Filippo Juvarra ran. Ergebnis: dieses Kreuz aus Straßen, Arkaden und großen Ideen, das man bis heute erkennt. Im zwanzigsten Jahrhundert bekam der Platz sein Wahrzeichen: die Uhrüberdachung, eine Metallkonstruktion von neunzehnhundertsechzehn. Sie hat Kriege und Bomben überstanden und, kein Witz, auch die „Wahrheiten“ mancher Händler. Denn außerhalb sprach man vom mercà dij busiard, piemontesisch für „Markt der Lügner“: da gab’s Ware in jeder Qualität und Preise, bei denen sogar Hühner lachen würden. Und trotzdem: Das ist nur ein Teil. Du stehst mitten in Europas größtem Freiluftmarkt, einem Kulturmosaik, in dem afrikanische, asiatische, süditalienische und viele weitere Akzente alles verkaufen können: Gemüse, Kleidung, Töpfe, Rosen. Kurios: Zweitausendelf entstand hier das Palafuksas, ein modernes Einkaufszentrum aus Glas und Metall. Beim Graben fand man unterirdische Eiskeller, Relikte aus der Zeit, als man Eis mit dem Wasser der Dora Riparia herstellte. Tiefkühltruhe war damals: Abenteuer mit Muskelkater. Und Porta Palazzo erzählt auch von harter Realität und Hoffnung. In den sechziger Jahren wurde der Platz zum Treffpunkt italienischer Binnenmigration: Sonntags kamen Menschen, um Arbeit als Tagelöhner zu finden. Dazu entstanden Hilfsinitiativen wie SERMIG (Servizio Missionario Giovani, auf Deutsch etwa Missionsdienst der Jugend) und Kirchen, die für Bedürftige offenstanden. Später kamen Migrantinnen und Migranten aus aller Welt dazu, und aus der Gegend wurde ein echtes „Melting Pot“, ein Schmelztiegel aus Kulturen, Farben und Düften. Apropos Düfte: Da sind die Fischhalle, der Fleischmarkt, die historische Galleria Umberto Primo aus Glas und Eisen, die den Platz mit der Basilica Mauriziana verbindet. Und mit etwas Glück hörst du jemanden ein altes piemontesisches Lied anstimmen oder du erwischst dich beim Summen von Gipo Farassino, dem berühmten Gioanin d Pòrta Pila, also dem „Johnny von Porta Palazzo“. Dieser Platz ist eine Zeitmaschine mit Marktständen. Hast du schon entschieden, was du probierst? Vielleicht seirass, ein piemontesischer Frischkäse, über den man hier sogar gesungen hat. Los, wir sehen uns an der nächsten Station. Und wenn du mehr über den Namen, den Platz oder den Markt wissen willst: Schreib deine Frage in den Chat unten.
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Vor dir steht eine stattliche Kirche aus hellem Stein. Die Fassade wirkt fast wie mit dem Lineal gezogen: klare waagerechte Streifen, in der Mitte ein rundes Rosettenfenster, und daneben ragt der hohe Glockenturm wie ein erhobener Zeigefinger in den Himmel. Schau geradeaus: Da sind fünf große Rundbögen, und gleich hinter der Einfahrt warten die wuchtigen Eingangstüren, als würden sie sagen: Na, traust du dich? Stell dir Torino am Ende des neunzehnten Jahrhunderts vor: Auf dem Corso Giulio Cesare rumpeln Kutschen vorbei, vom Markt an der Porta Palazzo kommt dieses dauerfröhliche Stimmengewirr herüber, und genau hier ist noch freie Fläche. Im Jahr achtzehnhundertsechsundsiebzig findet ein Pfarrer namens Giovanni Cairola: Jetzt reicht’s, die Nachbarschaft braucht eine neue Kirche. Cairola soll ziemlich stur gewesen sein, aber auf die beste Art: so jemand, der sich festbeißt und am Ende tatsächlich etwas Großes hinstellt. Dafür holt er den Ingenieur Carlo Ceppi dazu, einen Mann, der Kirchen gern so plante, als müssten sie auch notfalls eine Burgbelagerung überstehen. So entsteht die Idee für die monumentale Chiesa di San Gioacchino. Und der Name ist kein Zufall: Geehrt wird nicht nur der heilige Joachim, sondern auch der damalige Papst Leo der Dreizehnte, der bürgerlich Gioacchino Pecci hieß. Torino liebt solche Namensdoppel, das ist wie ein Familienrezept mit geheimen Zutaten. Als die Kirche im Jahr achtzehnhundertzweiundachtzig endlich eröffnet, bleibt die Stadt kurz stehen. Für damalige Verhältnisse ist das hier riesig: siebenundfünfzig Meter lang, sechsundzwanzig Meter breit, und der Glockenturm bringt es auf etwa fünfundvierzig Meter Höhe, höher als so mancher Palazzo in der Umgebung. Acht Glocken kommen im Jahr achtzehnhundertvierundachtzig dazu. Man erzählt, ihr Klang habe in den Bars ringsum die Kaffeetassen zum Zittern gebracht. In Torino wäre das fast schon ein offizielles Qualitätsmerkmal. Der Stil ist Ceppi-typisch: ein Kenner-Mix aus Alt und Neu, mit Anklängen an die romanische Architektur der Abruzzen und an die Frührenaissance. Die Fassade besteht aus Stein aus Sarnico, robust und zugleich erstaunlich hell. Und das Rosettenfenster, mit schmiedeeisernen Verzierungen, fängt das Licht so ein, als hätte es einen eigenen Magneten. Die Geschichte hat allerdings auch harte Kapitel. Im Dezember achtzehnhundertzweiundvierzig und dann im Juli achtzehnhundertdreiundvierzig wird die Kirche im Zweiten Weltkrieg schwer bombardiert: Die Decke ist teilweise zerstört, Säulen stürzen ein, und ein großes Kruzifix wird aus seiner Position gerissen. Aber Torino wäre nicht Torino, wenn man danach die Schultern zucken würde. Zwischen neunzehnhundertsechsundvierzig und neunzehnhundertneunundfünfzig baut man alles wieder auf, Stein für Stein, Gesims für Gesims. Ein Gesims, das ist diese vorspringende Abschlusskante an der Wand, und hier wird sie sogar in Stahlbeton neu gemacht, ungefähr so allgegenwärtig in Torino wie ein Bicerin, dieses lokale Heißgetränk aus Kaffee, Schokolade und Sahne. Innen öffnet sich der Raum in drei Schiffe, also drei lange Hallen nebeneinander, getragen von achtzehn Säulen aus rotem Marmor aus Verona. Der Blick geht zur Kassettendecke: Das sind viele vertiefte Felder, hier genau neunzig. Ursprünglich war sie aus amerikanischem Lärchenholz, nach dem Krieg wird sie neu aufgebaut, mit den alten Stuckverzierungen, also dekorativem Gips, der wie geschnitzter Stein wirkt. Vorn in der Apsis, das ist der halbrunde Abschluss hinter dem Altar, siehst du elf Nischen. Dort stehen San Gioacchino und eine ganze Heiligen-Gesellschaft, darunter auch Don Bosco und der Cottolengo. Das Lustige daran: Als man sie hier verewigte, waren sie noch nicht einmal offiziell Heilige. Torino hat eben gern früh recht. Wenn du in der Nähe der Tür bist: links steht eine gebrochene Säule, absichtlich so belassen als Erinnerung an neunzehnhundertdreiundvierzig. Rechts findest du die Büste von Pfarrer Cairola, der sich das vermutlich mit einem zufriedenen Nicken anschauen würde. Und im Boden, unter dem erhöhten Fußboden verborgen, liegt ein altes Mosaik mit der Aufschrift „venite adoremus“, auf Deutsch: „Kommt, lasst uns anbeten“. Dazu kommen große Fresken an den Wänden, zwei Seitenkapellen zum Heiligsten Herzen Jesu und zum Unbefleckten Herzen Mariens, geschmückt mit kostbaren Marmoren, kleinen tempelartigen Aufbauten und Gemälden. Links gibt es außerdem die Kapelle der Madonna Addolorata, mit einem neugotischen Altar, als hätte sich ein nordisches Märchen hierher verirrt. Und dann noch ein Kraftpaket: die Orgel der Firma Mascioni aus dem Jahr neunzehnhundertvierundsechzig. An Festtagen hat die genug Wumms, um gefühlt sogar dem Glockenturm zu widersprechen. Rundherum gehört viel Alltag dazu: Oratorium, Säle, ein Studentenhaus und sogar ein Fußballfeld für Fünf-gegen-Fünf, denn in Torino findet man immer Platz für einen Ball. Wenn du magst, gehen wir gleich weiter zur nächsten Station. Und falls du die Entstehung, den Bau oder die Architektur noch genauer verstehen willst: Schreib mir im Chat, dann packen wir die Details gemeinsam aus.
Eigene Seite öffnen →Vor dir liegt ein großer grüner Park, rechts davon moderne Wohnhäuser, und weiter hinten zeichnen sich die Alpen ab. Zur Orientierung: Richte dich nach der weiten Rasenfläche mit…Mehr lesenWeniger anzeigen
Vor dir liegt ein großer grüner Park, rechts davon moderne Wohnhäuser, und weiter hinten zeichnen sich die Alpen ab. Zur Orientierung: Richte dich nach der weiten Rasenfläche mit den jungen Bäumen und den Wegen, direkt am Fuß der weißen Gebäude. Da vorne beginnt Aurora. Du stehst mitten in einem der echtesten, lebendigsten und am meisten diskutierten Viertel Turins: Aurora, oder wie die Turiner im Dialekt sagen: „el Borgh dël’Aurora“. Das ist kein Viertel, das geschniegelt stillhält. Es verändert sich ständig und sammelt dabei Geschichten wie andere Leute Kühlschrankmagnete. Aurora zieht sich entlang der Dora Riparia und besteht aus fünf verschiedenen Kernen. Und es hat zwei Seelen, die dauernd miteinander reden: Tradition und Innovation, alte Fabriken und neues Nachtleben. Da ist zuerst Borgo Dora, der älteste Teil. Dort findet bis heute der Balon statt, ein Flohmarkt, bei dem Sammler und Neugierige zwischen engen Gassen und Werkstätten nach Schätzen stöbern. Gleich in der Nähe steht die Piccola Casa della Divina Provvidenza, besser bekannt als Cottolengo: Seit fast zwei Jahrhunderten nimmt sie Menschen auf, die Hilfe brauchen. Weiter westlich liegt Valdocco. Dort klingeln die Glocken am Santuario di Maria Ausiliatrice, und Don Bosco hat mit seinen Oratorien Orte geschaffen, an denen junge Leute zusammenkommen konnten. Wenn „Gemeinschaft“ irgendwo geübt wurde, dann hier. Und Porta Palazzo? Vergiss Ruhe. Das ist der größte Freiluftmarkt Europas: ein Durcheinander aus Sprachen, Gewürzen, exotischem Obst und gestikulierenden Händen. Mittendrin setzt die PalaFuksas, eine moderne Markthalle, einen Hauch Gegenwartskunst in dieses bunte Chaos. In der Borgata Aurora pulste früher Turins Industrie: Kanäle, Werkstätten, Textilfabriken. Heute bleiben davon urbane Kunst, Galerien und umgenutzte Räume. Sogar „Casa Aurora“ steht an einem Ort, der erst Bauernhof war, dann Fabrik und später ein Komplex mit Büros und Fitness. Und der Name Aurora? Der stammt tatsächlich von diesem Bauernhof aus dem neunzehnten Jahrhundert. Von mittelalterlichen Wassermühlen an der Dora über Werkstätten im achtzehnten Jahrhundert bis zu den seidenen Pionierfabriken der Savoyer: Aurora hat alles erlebt, sogar den Ruf als „Arbeiterviertel Italiens“. Im neunzehnten Jahrhundert strömten Arbeiter in die Betriebe, und die Straßen tickten nach Sirenen und Straßenbahnen. Als in den achtziger Jahren viele Industrien verschwanden, entstand das Arsenale della Pace: eine ehemalige Waffenfabrik, die durch die Geduld vieler Freiwilliger zum Zufluchtsort wurde. Dahinter steht SERMIG (Servizio Missionario Giovani), eine Gemeinschaft, die hier Hoffnung, Brot und ein Stück Frieden organisiert. Heute zieht der Osten nach vorn: Uni-Projekte, die Nuvola Lavazza und alte Industriebauten, die zu Museen, Büros und Bistros werden. Im Westen treffen Akzente aus tausend Sprachen auf Düfte aus Afrika und Asien, mit all den Herausforderungen und der Schönheit des täglichen Miteinanders. Hier wird ständig neu belebt: Gärten, soziale Dienste, Schulen für Jung und Alt, und die Biblioteca Italo Calvino wartet auf Leser. Und wenn dir ein alter Turiner begegnet, frag nach dem Turin Eye, dem Heißluftballon, der hier früher aufstieg: bis auf hundertfünfzig Meter, für einen Blick über die Stadt. Aurora hat an jeder Ecke etwas zu erzählen. Und vielleicht steht auch schon ein „Balonista“, also ein Flohmarkthändler, bereit, dir einen Rabatt zu geben, wenn du charmant genug wirkst. Weiter geht’s - Turin steht nicht still. Wenn dich Name, Lage oder Angebote genauer interessieren, schreib im Chat, dann erzähle ich dir gern mehr.
Eigene Seite öffnen →Vor Ihnen liegt die Ponte Mosca. Wenn Sie sie schnell „erkennen“ wollen: Schauen Sie zum Fluss. Da spannt sich eine breite Brücke aus hellem Stein, mit einem großen, flach…Mehr lesenWeniger anzeigen
Vor Ihnen liegt die Ponte Mosca. Wenn Sie sie schnell „erkennen“ wollen: Schauen Sie zum Fluss. Da spannt sich eine breite Brücke aus hellem Stein, mit einem großen, flach gedrückten Bogen, der wie ein steinerner Handschlag die Bäume, Straßen und Ufer auf beiden Seiten verbindet. Stellen Sie sich diesen Ort vor rund zweihundert Jahren vor: Hämmern, Schubkarren, Baustellenrufe - und darunter die Dora Riparia, die ordentlich Tempo macht. Damals gab es hier nur einen wackligen Holzsteg. Turin brauchte aber einen Zugang, der sicher war und Eindruck machte, besonders für alle, die aus der historischen Contrada d’Italia kamen, die heute Via Milano heißt. Also: Schluss mit Provisorium, her mit Monument. Im Jahr achtzehnhundertachtzehn, zwischen napoleonischen Nachwirkungen und dem Willen des Hauses Savoyen, beschloss die Stadt: Wir nehmen uns jetzt mal richtig ernst. So nach dem Motto: „Wir bauen eine Brücke, über die das ganze Königreich reden wird!“ Den Auftrag bekam Carlo Bernardo Mosca. Nein, nicht aus Moskau, obwohl der Name wirklich danach klingt - Mosca war Turiner durch und durch. Nach Entwürfen, Diskussionen und den üblichen bürokratischen Bauchschmerzen legte man im Jahr achtzehnhundertdreiundzwanzig den Grundstein. Mit offizieller Zeremonie, Würdenträgern, Adel und, weil man damals nichts dem Zufall überließ, sogar mit Münzen unter dem Fundament als Glücksbringer. Leicht war es nicht: Die Arbeiten stockten, wurden unterbrochen, verzögert. Wenn Sie sich an die Balustrade lehnen - das ist das steinerne Geländer - kann man die Seufzer der Bauleute fast noch hören. Aber am fünfzehnten August achtzehnhundertdreißig, nach sieben langen Jahren, wurde die Brücke eröffnet und galt sofort als kühnes Ingenieursstück des neunzehnten Jahrhunderts. Viele bewunderten sie, manche erwarteten den großen Knall. Und jetzt kommt die Anekdote: Mosca soll, um alle zu beruhigen, unter der Brücke in ein Boot gestiegen sein - mit seiner ganzen Familie. Frei nach dem Prinzip: Wenn sie runterkommt, dann wenigstens mit Publikum. Die Brücke hielt. Und wie! Fast zweihundert Jahre später trägt sie Autos, Busse und sogar die Straßenbahnlinie vier. Damals musste man für den Bau sogar die natürlichen Kurven der Dora ein wenig verändern - als hätte Turin seinen Fluss geschniegelt, damit er zur Feier geschniegelt aussieht. Gebaut ist alles aus Malanaggio-Stein, fünfundvierzig Meter lang, mit den Vorplätzen zusammen einhundertneunundzwanzig Meter, und so breit wie die Via Milano: dreizehn Komma sieben null Meter. Die Gehwege bestehen aus edlem Cumiana-Stein. Und das Gewölbe - also der tragende Bogen innen - setzt sich aus dreiundneunzig Steinblöcken zusammen, so präzise behauen, dass Lego dagegen fast nach Feierabend aussieht. Im Jahr achtzehnhundertachtundsechzig, ein Jahr nach Moscas Tod, bekam die Brücke offiziell seinen Namen. Seitdem ist sie das steinerne Willkommen am nördlichen Stadteingang. Und wenn die Beleuchtung sie in Szene setzt, wirkt sie fast, als hinge sie zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Und nein: Das ist keine „russische“ Brücke. Hier spricht man Turiner Ehrgeiz - und sehr, sehr widerstandsfähigen Stein.
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Vor Ihnen steht eine große, moderne Konstruktion in stahlgrauer Optik: mächtige Metallbögen reihen sich über die Dora wie eine Truppe freundlicher Riesen auf. Am leichtesten finden Sie sie dort, wo der Holzsteg den Fluss förmlich umarmt und rautenförmige Träger so wirken, als hätten Ingenieure einen kleinen Zukunftstunnel in die Luft gesetzt. Und jetzt kommt der Teil, bei dem diese Brücke heimlich zum Kraftsportler wird. Die Ponte Carpanini sieht zwar geschniegelt-modern aus, hat aber einen ziemlich spektakulären Trick drauf: Wenn die Dora anschwillt und Ärger macht, hebt sich die Brücke in wenigen Minuten um eins Komma dreißig Meter an. Wie das geht? Mit Hydraulikpressen, also kräftigen Hebezylindern, die mit Öldruck arbeiten, versteckt wie Muskeln unter der Stahlhaut. Das klingt nicht gerade leise: Dieses metallische Rattern sagt dem ganzen Viertel Aurora ganz klar, dass hier gleich keine Autos, keine Fahrräder und niemand im Weg sein sollten. Die Brücke macht ihren großen Sprung und rettet sich vor dem Wasser. Denn sie ist der Nachfolger einer älteren Dame: der Brücke, die nach Prinzessin Clotilde von Savoyen benannt war. Im Jahr zweitausend hat die Dora gewütet und die Brücke aus dem neunzehnten Jahrhundert einfach mitgerissen. Eine klaffende Lücke mitten im Quartier. Für die alte Brücke stand damals Ingenieur Pecco, und für die neue legten die Architekten De Ferrari und Ossola los, zusammen mit Teams von SAICAIM Spa, gesprochen S-A-I-C-A-I-M S-P-A, und SISEA Spa, gesprochen S-I-S-E-A S-P-A. Sechzehn Monate Baustelle: riesige Stahlträger wurden herangeschafft wie die Knochen eines frisch wiederentdeckten Dinosauriers. Und die Steine der abgerissenen Brücke? Die setzte man in die neuen Widerlager ein, also in die massiven seitlichen Stützbauten, auf denen die Brücke aufliegt. Heute trägt sie den Namen Domenico Carpanini, eines ehemaligen Vizebürgermeisters mit großem Herzen. Beim Hinübergehen merkt man: Hier ist alles ordentlich getrennt, Fahrspur, Radweg, Gehweg. Und am Holzpodest Richtung Fluss gibt es sogar Sitzplätze, falls man der Dora beim Geschichten-Erzählen zuschauen will. Die Brücke bleibt dabei ganz gelassen. Sie weiß ja: Wenn es ernst wird, kann sie wieder aufstehen.
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Vor Ihnen steht ein neoklassizistisches Gebäude mit einer Vorhalle, also einem Portikus: Das ist so eine Art überdachter Eingangsbereich, hier sogar mit drei Rundbögen. In der Mitte sitzt ein großes eisernes Tor. Und wenn Sie ganz sicher sein wollen: Schauen Sie auf die Zufahrt, die von steinernen Kugeln eingerahmt wird. Ja, genau hier ist der Cimitero di San Pietro in Vincoli. Jetzt einmal Kopfkino: Turin im Jahr siebzehnhundertsiebenundsiebzig. König Vittorio Amedeo der Dritte beschließt, dass man Verstorbene nicht mehr in Kirchen bestattet. Der Grund war so bodenständig wie überzeugend: Die Luft da drin war… sagen wir, nicht gerade ein Parfumgeschäft. Also entsteht hier der erste wirklich „moderne“ Friedhof der Stadt, entworfen vom Architekten Dellala di Beinasco. Damals lag das Ganze noch außerhalb der Stadtmauern, ziemlich einsam. Nur: Das hielt nicht lange. Kaum gebaut, war der Platz schon zu klein, wie eine überfüllte U-Bahn im Feierabendverkehr. Und weil man nicht immer ordentlich und tief genug bestattete, soll das vor allem im Sommer ein sehr… eindrückliches Geruchserlebnis gewesen sein. Kein Turiner wollte das auf dem Balkon serviert bekommen. Berühmt wurde der Ort auch, weil hier Hingerichtete begraben wurden. Die Turiner gaben ihm einen Spitznamen: San Pé dij còj, „Sankt Peter der Kohlköpfe“. Ein Wortspiel, weil Vincoli im Piemontesischen ähnlich klingt wie cavoli, also Kohl. Und wehe, wer in den Kategorien durcheinanderkam: Es gab eigene Bereiche für Ungetaufte, Selbstmörder und sogar für Henker. Klingt wie ein Krimi, oder? Im Jahr achtzehnhundertzweiundfünfzig explodierte das Pulvermagazin des nahegelegenen Militärarsenals. Der Friedhof wurde schwer beschädigt und kurz darauf endgültig geschlossen. Danach: Vandalismus, schwarze Messen, Geistergeschichten. Die berühmteste Statue war der „Verschleierte Tod“, so lebensecht, dass man fast mit ihm reden wollte. Heute steht sie in der Galleria di Arte Moderna, da erschreckt sie höchstens noch Kunstkritiker. Inzwischen wird hier nicht mehr getrauert, sondern gearbeitet und gespielt: Theater, Künstler, Workshops. Und noch ein Blick nach oben: Die Kapitelle, also die verzierten „Köpfe“ der Säulen, zeigen geflügelte Totenschädel und Girlanden. Ein kleiner Hinweis aus Turin: Wer lange leben will, nimmt das Leben am besten mit einer Prise Ironie. Wenn Sie neugierig auf den Bau, den Spitznamen oder die Geschichten sind: Schreiben Sie im Chat, ich, Andy, erzähle gern mehr.
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Vor Ihnen steht ein großes, knallrotes Gebäude mit vielen gleichmäßigen Fenstern. Rechts setzt ein moderner Anbau aus Glas und Metall noch einen drauf. Wenn Sie sich fragen, ob Sie richtig sind: Genau das ist das Haus, das zwischen den Palästen ein bisschen so wirkt, als würde es freundlich grinsen. Sie stehen vor der Biblioteca civica Italo Calvino, also der städtischen Bibliothek, benannt nach dem italienischen Schriftsteller Italo Calvino. Heute bewacht sie Geschichten, aber früher ging es hier im Viertel Valdocco deutlich handfester zu. Vor ein paar Jahrhunderten gab es hier kein Flüstern zwischen Bücherregalen, sondern Mühlenlärm: die Molassi mahlten schon seit dem Mittelalter Getreide. Danach kamen Gerbereien. Eine Gerberei ist eine Werkstatt, in der Tierhäute zu Leder verarbeitet werden, mit allem, was dazu gehört: Arbeit, Chemie und ein Geruch, der sich garantiert nicht an Öffnungszeiten hält. Ab dem siebzehnten Jahrhundert schossen Fabriken aus dem Boden, wie Hefeteig im Brot. In den engen Straßen rumpelten Wagen, und die Dora floss gleich daneben und lieferte Wasser für Handwerker und Arbeiter. Sogar König Vittorio Amedeo der Dritte spielte indirekt mit, weil seine Zeit dem Viertel zusätzlichen Schwung gab. Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts betrat der Star die Bühne: die Durio-Gerberei. Man sieht die Durio-Brüder förmlich vor sich, flinke Hände, ordentliche Schnurrbärte, und dann ihre Erfindung: die Schnellgerbung, also ein Verfahren, das Leder viel schneller nutzbar machte. Das machte sie in ganz Italien bekannt. Und weil Erfolg Platz braucht, wurde ausgebaut: achtzehnhundertzweiundachtzig, dann neunzehnhundertzwölf und neunzehnhundertfünfzehn. Neunzehnhundertzwanzig sollte alles ganz groß umgekrempelt werden, aber die Bürokratie war stärker. Später wurden die Maschinen still, vieles verfiel. Doch in den zweitausenderjahren kam die Wendung: Die schlimmsten Teile riss man ab, ein Abschnitt direkt am Ufer der Dora blieb erhalten und wurde mit modernen Elementen zur Bibliothek umgebaut. Drinnen erwarten Sie helle Räume, ein Konferenzsaal für Veranstaltungen auch außerhalb der üblichen Zeiten, also besser nicht aus Versehen einschließen lassen. Es gibt Bereiche für Kinder, Kunstwerke von Giorgio Griffa und Marco Gastini, und draußen wachen zwei Skulpturen von Luigi Stoisa über die Plätze. Wo früher Leder entstand, wachsen heute Ideen. Das ist doch mal eine saubere Verwandlung.
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