Vor Ihnen schwebt etwas, das wirkt wie eine weiße Wolke auf Abwegen: ein riesiges Dach, das sich über modernen Glasbauten ausbreitet. Wenn Sie es suchen, orientieren Sie sich am auffälligen Dach zwischen dem Grün und dem Fluss Dora. Genau da stehen wir: am Campus Luigi Einaudi, wo Turin gern mal seine Zukunftsstimme aufdreht.
Hier war früher nicht Uni, sondern Industrie angesagt. In diesem Bereich dominierte Italgas, und im Viertel Vanchiglietta wurde ordentlich geschuftet. Dann kam der große Umbau, und mit ihm ein Name, den Architektur-Fans so ehrfürchtig aussprechen wie andere „Pasta“: Norman Foster. Der Mann scheint eine persönliche Fehde mit geraden Linien zu führen, denn hier ist kaum etwas schnurgerade. Ergebnis: Im Jahr zweitausendzwölf wurde der Campus eröffnet, und C-N-N, der amerikanische Nachrichtensender Cable News Network, zählte ihn zu den zehn schönsten Universitätsgebäuden der Welt. Nicht schlecht für ein ehemaliges Fabrikrevier.
Die Anlage ist wie ein gläsernes Labyrinth, nur freundlicher: sieben Gebäude richten sich auf eine runde Piazza aus, also einen Platz, und sind durch Stege verbunden. Das ist praktisch der architektonische Handschlag zwischen Studierenden und Lehrenden, inklusive Umwegen für kurze Gespräche oder den dringend nötigen Kaffee aus der Mensa. Und dieses Dach oben, so hell wie aufgeschlagene Sahne, fängt das Licht von allen Seiten ein. Selbst die zerstreutesten Turiner merken: Da passiert was.
Die Fenster sind riesig, fast als würde man mit dem Blick im Grünen lernen. Der Campus öffnet sich zur Dora, schaut zu den Hügeln und bekommt sogar die Mole Antonelliana und die Basilica di Superga ins Blickfeld. Drinnen gibt es Seminarräume, Lernzonen und Labore, einen ansteigenden Hörsaal, eine Tiefgarage und als Star die Biblioteca Norberto Bobbio mit sechshundertfünfzigtausend Bänden: ein ganzer Berg Wissen.
Hier dreht sich alles um Rechtswissenschaften, Politik und wirtschaftlich-soziale Themen. Und das Gebäude ist auf Energiesparen ausgelegt, also so geplant, dass es mit möglichst wenig Energie auskommt. Vor gar nicht langer Zeit hörte man hier vor allem Fabrikgeräusche. Heute klingt es nach Stadt im Wandel.



