Vor dir steht dieses große, verschnörkelte Gebäude aus Eisen und Glas, und mitten drauf thront eine runde Uhr wie der Dirigent eines sehr lebhaften Orchesters. Direkt darunter wimmelt es von bunten Ständen. Wenn du dich fragst, ob du richtig bist: Keine Sorge. Das hier ist Porta Palazzo, das pochende Herz des Viertels Aurora.
Heute wirkt das Ganze wie ein Markttheater unter freiem Himmel, wo Aromen, Geschichten und Dialekte durcheinanderreden wie alte Freunde an einem viel zu kleinen Tisch. Aber springen wir mal weit zurück: Genau hier lag früher der nördliche Eingang ins römische Turin. Die Römer nannten das Tor Porta Principalis Dextera. Davon sind heute nur noch Ruinen übrig, aber damals marschierte man hier hinein ins Zentrum von Julia Augusta Taurinorum, achtundzwanzig Jahre nach Christus. Ein Tor, das seit zwei Jahrtausenden „Hast du schon gehört?“ spielt? Dieses hier gibt sich Mühe.
Der Star der Gegenwart ist der Platz, auf dem du stehst: ein achteckiger Riese und der größte Platz der Stadt, ganze einundfünfzigtausenddreihundert Quadratmeter. Offiziell heißt er Piazza della Repubblica, aber Turin sagt fast liebevoll: Porta Palazzo. Im achtzehnten Jahrhundert ließ Herzog Vittorio Amedeo der Zweite, so eine Art Bau-Influencer seiner Zeit, den Architekten Filippo Juvarra ran. Ergebnis: dieses Kreuz aus Straßen, Arkaden und großen Ideen, das man bis heute erkennt.
Im zwanzigsten Jahrhundert bekam der Platz sein Wahrzeichen: die Uhrüberdachung, eine Metallkonstruktion von neunzehnhundertsechzehn. Sie hat Kriege und Bomben überstanden und, kein Witz, auch die „Wahrheiten“ mancher Händler. Denn außerhalb sprach man vom mercà dij busiard, piemontesisch für „Markt der Lügner“: da gab’s Ware in jeder Qualität und Preise, bei denen sogar Hühner lachen würden. Und trotzdem: Das ist nur ein Teil. Du stehst mitten in Europas größtem Freiluftmarkt, einem Kulturmosaik, in dem afrikanische, asiatische, süditalienische und viele weitere Akzente alles verkaufen können: Gemüse, Kleidung, Töpfe, Rosen.
Kurios: Zweitausendelf entstand hier das Palafuksas, ein modernes Einkaufszentrum aus Glas und Metall. Beim Graben fand man unterirdische Eiskeller, Relikte aus der Zeit, als man Eis mit dem Wasser der Dora Riparia herstellte. Tiefkühltruhe war damals: Abenteuer mit Muskelkater.
Und Porta Palazzo erzählt auch von harter Realität und Hoffnung. In den sechziger Jahren wurde der Platz zum Treffpunkt italienischer Binnenmigration: Sonntags kamen Menschen, um Arbeit als Tagelöhner zu finden. Dazu entstanden Hilfsinitiativen wie SERMIG (Servizio Missionario Giovani, auf Deutsch etwa Missionsdienst der Jugend) und Kirchen, die für Bedürftige offenstanden. Später kamen Migrantinnen und Migranten aus aller Welt dazu, und aus der Gegend wurde ein echtes „Melting Pot“, ein Schmelztiegel aus Kulturen, Farben und Düften.
Apropos Düfte: Da sind die Fischhalle, der Fleischmarkt, die historische Galleria Umberto Primo aus Glas und Eisen, die den Platz mit der Basilica Mauriziana verbindet. Und mit etwas Glück hörst du jemanden ein altes piemontesisches Lied anstimmen oder du erwischst dich beim Summen von Gipo Farassino, dem berühmten Gioanin d Pòrta Pila, also dem „Johnny von Porta Palazzo“.
Dieser Platz ist eine Zeitmaschine mit Marktständen. Hast du schon entschieden, was du probierst? Vielleicht seirass, ein piemontesischer Frischkäse, über den man hier sogar gesungen hat. Los, wir sehen uns an der nächsten Station. Und wenn du mehr über den Namen, den Platz oder den Markt wissen willst: Schreib deine Frage in den Chat unten.


