Vor Ihnen stehen zwei hohe Zwillinge aus Backsteinrot und grauem Putz, kantig gebaut und oben mit kleinen Spitzen gekrönt. Schauen Sie nur Richtung der belebten Kreuzung: Mit ein bisschen Fantasie wirken die beiden wie zwei riesige Zuckerdosen, die hier die Piazza bewachen. Fehlt nur noch, dass jemand den Deckel hebt und Turin Puderzucker überstreut.
Wir sind am Rondò Rivella, mitten im Stadtgetriebe, an einem Ort, der immer so tut, als wüsste er einen Witz, den er Ihnen gleich erzählt. Diese Türme stammen aus dem Jahr neunzehnhundertneunundzwanzig und tragen die Handschrift von Eugenio Vittorio Ballatore di Rosana. In Turin war er ein Star, vor allem bei Leuten, die Art Nouveau liebten. Art Nouveau, das ist dieser schwungvolle Jugendstil mit geschwungenen Linien und floralen Mustern, als hätte ein Gebäude Lust zu tanzen. Hier machte Ballatore aber etwas anderes: Er wollte die monumentalen Stadteingänge der großen Straßen des neunzehnten Jahrhunderts neu interpretieren, so wie man sie von der Via Roma oder dem Corso Gabetti kennt, nur eben im Art Deco. Art Deco bedeutet: klare Geometrie, starke Konturen, eleganter Glanz und damals absolut modern.
Und warum heißen sie Torri Rivella? Wegen Francesco Rivella, einem genialen Pelzunternehmer, der sein berühmtes Atelier hierher verlegte. Stellen Sie sich das vor: elegante Damen, Autos wie aus alten Filmen, und das leise Rascheln von Nerz. Kundschaft aus aller Welt kam vorbei. Rivella war nicht nur Händler, er war Werbeprofi: Er färbte Biberpelze nach den kühnsten Moden und flutete Zeitungen und Magazine mit Anzeigen, deutlich bevor irgendwer „Influencer“ sagte.
Das Beste: Obwohl die Türme wie Zwillinge wirken, unterscheiden sie sich in den Art-Deco-Details und in der Form ihrer Spitzen. Fast, als würden sie in Sachen Eleganz konkurrieren, während sie aus der Ferne zur Mole Antonelliana und zur Kuppel des Doms hinüberblicken wie zwei Wachposten im Frack. Und mal ehrlich: Wer wollte nicht wenigstens einen Tag lang in so einer schicken Zuckerdose wohnen?


