Du erkennst die Biblioteca Norberto Bobbio sofort: ein moderner Eingang mit großen Glasflächen, und dieses knallorange Schild, das sich in der Tür spiegelt. Subtil ist anders - aber genau deshalb läuft hier niemand aus Versehen vorbei.
Willkommen in der Biblioteca Norberto Bobbio, so etwas wie die Regentin unter Turins Bibliotheken. Sie ist die größte in ganz Piemont. Und weil man für so viel Wissen Platz braucht, hat die Universität Turin ein früheres Industrieareal am Fluss Dora umgebaut und daraus den futuristischen Campus Luigi Einaudi gemacht. Entworfen wurde das Ganze von Norman Foster plus Partners - ja, genau der Foster, bei dem Gebäude oft aussehen, als hätten sie gerade gelernt zu fliegen. Stell dir den Ort vor ein paar Jahrzehnten vor: Statt Studierenden und Büchern Italgas-Arbeiter, ölverschmierte Hände, Fabrikhallen, Betrieb. Heute herrscht hier die Ruhe der Forschung, mit ökologischen Materialien und viel Holz, das nach „gerade erst eingebaut“ riecht - und das aus streng kontrollierter Forstwirtschaft stammt. Die Natur sagt: Grazie.
Drinnen wartet ein Reich von über zehntausend Quadratmetern auf drei Etagen. Die Bestände sind in fünf Bereiche gegliedert, jeder benannt nach einer Turiner Größe der Wissenschaft. Und das sind nicht bloß Regale, das sind Lebenswerke mit ordentlich Sammeltrieb.
Da ist zum Beispiel Salvatore Cognetti de Martiis, ein Zauberer der Ökonomie. Seine Sammlung machte die Cognetti-de-Martiis-Bibliothek schon damals zur reichsten Italiens für Sozialwissenschaften. Sozialwissenschaften, das ist alles, was Gesellschaften untersucht: Politik, Wirtschaft, Zusammenleben. Dazu Monografien, also dicke Fachbücher zu genau einem Thema, und Statistikberge, bei denen Soziologen leuchtende Augen bekommen.
Weiter geht’s in den Bereich Federico Patetta: alte Drucke, Militärkarten, sogar satirische Zeitschriften aus früheren Zeiten. Und dort spukt auch Francesco Ruffini durchs Inhaltsverzeichnis - Professor, Jurist, und einer der wenigen, die neunzehnhunderteinunddreißig den Treueeid auf den Faschismus verweigerten. In seinem Bereich wachsen die Gesetzesbände übrigens jedes Jahr weiter, wie Pilze - nur schwerer zu verdauen.
Gioele Solari, Professor für Rechtsphilosophie, deckt ein erstaunliches Spektrum ab: Soziologie, Kulturanthropologie, Gefängnisforschung und Gender Studies, also Forschung zu Geschlechterrollen und Ungleichheiten. Und falls du dich über „C zwei“ und „C drei“ wunderst: Das sind Standortcodes, damit man im Büchermeer nicht strandet.
Der jüngste, und am stärksten europäisch ausgerichtete Bereich ist Gianni Merlini: entstanden aus Kooperationen mit dem Centre for Federalism Studies und dem European University Institute. Ideal, wenn man verstehen will, wie Europa Schritt für Schritt gebaut wurde - Band für Band. Man fragt sich nur, ob manche Politiker diese Wälzer wenigstens als Türstopper nutzen.
Und dann der Schatzschrank: der Bereich für alte und seltene Bestände. Hier werden Unikate, seltene Schenkungen und Bücher aufbewahrt, die nach vergangenem Jahrhundert duften. Wenn es dort mal raschelt, ist das übrigens nicht zwingend ein Geist - vielleicht ist es auch nur der Bibliothekar, der leise vor sich hin schnarcht.
Kurz gesagt: Das ist nicht nur ein Lernort, sondern eine Art Zeitmaschine aus Papier. Bereit, dich ein bisschen zu verlieren? Nur nicht zu sehr - der nächste Halt wartet schon.


