Vor dir steht eine stattliche Kirche aus hellem Stein. Die Fassade wirkt fast wie mit dem Lineal gezogen: klare waagerechte Streifen, in der Mitte ein rundes Rosettenfenster, und daneben ragt der hohe Glockenturm wie ein erhobener Zeigefinger in den Himmel. Schau geradeaus: Da sind fünf große Rundbögen, und gleich hinter der Einfahrt warten die wuchtigen Eingangstüren, als würden sie sagen: Na, traust du dich?
Stell dir Torino am Ende des neunzehnten Jahrhunderts vor: Auf dem Corso Giulio Cesare rumpeln Kutschen vorbei, vom Markt an der Porta Palazzo kommt dieses dauerfröhliche Stimmengewirr herüber, und genau hier ist noch freie Fläche. Im Jahr achtzehnhundertsechsundsiebzig findet ein Pfarrer namens Giovanni Cairola: Jetzt reicht’s, die Nachbarschaft braucht eine neue Kirche. Cairola soll ziemlich stur gewesen sein, aber auf die beste Art: so jemand, der sich festbeißt und am Ende tatsächlich etwas Großes hinstellt. Dafür holt er den Ingenieur Carlo Ceppi dazu, einen Mann, der Kirchen gern so plante, als müssten sie auch notfalls eine Burgbelagerung überstehen.
So entsteht die Idee für die monumentale Chiesa di San Gioacchino. Und der Name ist kein Zufall: Geehrt wird nicht nur der heilige Joachim, sondern auch der damalige Papst Leo der Dreizehnte, der bürgerlich Gioacchino Pecci hieß. Torino liebt solche Namensdoppel, das ist wie ein Familienrezept mit geheimen Zutaten.
Als die Kirche im Jahr achtzehnhundertzweiundachtzig endlich eröffnet, bleibt die Stadt kurz stehen. Für damalige Verhältnisse ist das hier riesig: siebenundfünfzig Meter lang, sechsundzwanzig Meter breit, und der Glockenturm bringt es auf etwa fünfundvierzig Meter Höhe, höher als so mancher Palazzo in der Umgebung. Acht Glocken kommen im Jahr achtzehnhundertvierundachtzig dazu. Man erzählt, ihr Klang habe in den Bars ringsum die Kaffeetassen zum Zittern gebracht. In Torino wäre das fast schon ein offizielles Qualitätsmerkmal.
Der Stil ist Ceppi-typisch: ein Kenner-Mix aus Alt und Neu, mit Anklängen an die romanische Architektur der Abruzzen und an die Frührenaissance. Die Fassade besteht aus Stein aus Sarnico, robust und zugleich erstaunlich hell. Und das Rosettenfenster, mit schmiedeeisernen Verzierungen, fängt das Licht so ein, als hätte es einen eigenen Magneten.
Die Geschichte hat allerdings auch harte Kapitel. Im Dezember achtzehnhundertzweiundvierzig und dann im Juli achtzehnhundertdreiundvierzig wird die Kirche im Zweiten Weltkrieg schwer bombardiert: Die Decke ist teilweise zerstört, Säulen stürzen ein, und ein großes Kruzifix wird aus seiner Position gerissen. Aber Torino wäre nicht Torino, wenn man danach die Schultern zucken würde. Zwischen neunzehnhundertsechsundvierzig und neunzehnhundertneunundfünfzig baut man alles wieder auf, Stein für Stein, Gesims für Gesims. Ein Gesims, das ist diese vorspringende Abschlusskante an der Wand, und hier wird sie sogar in Stahlbeton neu gemacht, ungefähr so allgegenwärtig in Torino wie ein Bicerin, dieses lokale Heißgetränk aus Kaffee, Schokolade und Sahne.
Innen öffnet sich der Raum in drei Schiffe, also drei lange Hallen nebeneinander, getragen von achtzehn Säulen aus rotem Marmor aus Verona. Der Blick geht zur Kassettendecke: Das sind viele vertiefte Felder, hier genau neunzig. Ursprünglich war sie aus amerikanischem Lärchenholz, nach dem Krieg wird sie neu aufgebaut, mit den alten Stuckverzierungen, also dekorativem Gips, der wie geschnitzter Stein wirkt.
Vorn in der Apsis, das ist der halbrunde Abschluss hinter dem Altar, siehst du elf Nischen. Dort stehen San Gioacchino und eine ganze Heiligen-Gesellschaft, darunter auch Don Bosco und der Cottolengo. Das Lustige daran: Als man sie hier verewigte, waren sie noch nicht einmal offiziell Heilige. Torino hat eben gern früh recht.
Wenn du in der Nähe der Tür bist: links steht eine gebrochene Säule, absichtlich so belassen als Erinnerung an neunzehnhundertdreiundvierzig. Rechts findest du die Büste von Pfarrer Cairola, der sich das vermutlich mit einem zufriedenen Nicken anschauen würde. Und im Boden, unter dem erhöhten Fußboden verborgen, liegt ein altes Mosaik mit der Aufschrift „venite adoremus“, auf Deutsch: „Kommt, lasst uns anbeten“.
Dazu kommen große Fresken an den Wänden, zwei Seitenkapellen zum Heiligsten Herzen Jesu und zum Unbefleckten Herzen Mariens, geschmückt mit kostbaren Marmoren, kleinen tempelartigen Aufbauten und Gemälden. Links gibt es außerdem die Kapelle der Madonna Addolorata, mit einem neugotischen Altar, als hätte sich ein nordisches Märchen hierher verirrt.
Und dann noch ein Kraftpaket: die Orgel der Firma Mascioni aus dem Jahr neunzehnhundertvierundsechzig. An Festtagen hat die genug Wumms, um gefühlt sogar dem Glockenturm zu widersprechen.
Rundherum gehört viel Alltag dazu: Oratorium, Säle, ein Studentenhaus und sogar ein Fußballfeld für Fünf-gegen-Fünf, denn in Torino findet man immer Platz für einen Ball.
Wenn du magst, gehen wir gleich weiter zur nächsten Station. Und falls du die Entstehung, den Bau oder die Architektur noch genauer verstehen willst: Schreib mir im Chat, dann packen wir die Details gemeinsam aus.


