Vor Ihnen breitet sich ein weites rechteckiges Areal aus, das mit einem geometrischen Gittermuster aus Steinplatten gepflastert ist und an einer Seite von einer massiven Steinfassade mit spitzen Dachverzierungen flankiert wird.
Wenn Sie hier stehen, wirkt der Boden unter Ihnen völlig unverrückbar und fest. Doch diese scheinbare Stabilität verbirgt ein fließendes Geheimnis. Direkt unter diesen Pflastersteinen strömt der Fluss Darro. Als die neuen christlichen Machthaber Anfang des sechzehnten Jahrhunderts die Stadt übernahmen, brauchten sie einen großen, repräsentativen Platz, um ihre Autorität zu demonstrieren. Ihre Lösung war drastisch. Zwischen 1506 und 1515 ließen sie den natürlichen Flusslauf einfach einwölben und unter tonnenschwerem Stein verschwinden. Es war eine regelrechte architektonische Auslöschung der bisherigen Landschaft, um eine völlig neue städtische Ordnung buchstäblich über die alte zu bauen.
Die eindrucksvolle Steinfassade, die den Platz dominiert, gehört zur Real Chancillería, die wir vorhin besucht haben. Jahrhundertelang fanden auf diesem Platz nicht nur Turniere und Stierkämpfe statt, sondern hier wurde auch die harte königliche Macht durch öffentliche Hinrichtungen demonstriert.
Doch der begrabene Fluss ließ sich nicht so einfach zähmen. Immer wieder drängte das Wasser gewaltsam an die Oberfläche. Im Jahr 1835 führte ein gewaltiger Sturm zu einer katastrophalen Überschwemmung, die den gesamten Platz überflutete. Lange Zeit glaubte man, dass diese Flut auch den monumentalen Nymphenbrunnen zerstörte, ein riesiges zehn Meter breites Bauwerk mit wasserspeienden Nymphen und einem königlichen Wappen.
Die Wahrheit ist jedoch weitaus profaner. Der Brunnen überstand die Flut fast unbeschadet. Ein damaliger Stadtarchitekt empfand das Monument schlichtweg als störend für die freie Sichtachse und ließ es aus Kostengründen abreißen, um die Steine für Dämme zu verwenden. Die Reste dieses einst prachtvollen Brunnens liegen noch heute verborgen in der unterirdischen Infrastruktur unter der Fläche, auf der Sie gerade stehen.
Der Fluss wehrte sich weiterhin gegen sein steinernes Gefängnis. Das furchteinflößendste Ereignis fand 1887 statt. Der Druck des unterirdischen Wassers wurde so immens, dass das Steingewölbe des Platzes buchstäblich in die Luft flog. Zeitungen berichteten von einem höllischen Knall, als eine gewaltige Wassersäule fast zwanzig Meter hoch in den Himmel schoss und die Balkone der umliegenden Häuser zerstörte. Nur durch das mutige Eingreifen von Feuerwehr und engagierten Bürgern konnte damals Schlimmeres verhindert werden.
Heute fließt der Darro zumeist friedlich unter dem massiven Stein, ein unsichtbares Element, das diese Stadt geprägt und manchmal auch erschüttert hat. Wenn Sie nun an das östliche Ende des Platzes schauen, sehen Sie dort ein weiteres Zeugnis dieser tiefgreifenden städtischen Verwandlung, die Kirche Santa Ana. Lassen Sie uns gemeinsam zu diesem faszinierenden Gebäude hinübergehen, das sich direkt am Rand dieses Platzes befindet.



