
Vor Ihnen erhebt sich das Tor der Granatäpfel, ein massives, aus grob behauenen Steinquadern gefügtes Bauwerk in Form eines römischen Triumphbogens, gekrönt von drei in Stein gemeißelten, geöffneten Granatäpfeln. Treten Sie ruhig etwas näher heran. Dieses Tor markiert den Beginn des Weges hinauf zur Alhambra. Ursprünglich stand genau hier ein mächtiger islamischer Wehrturm, das Bib al-Jaudaq, der einen tiefen Verteidigungsgraben bewachte. Doch als der Kaiser 1526 nach Granada kam, sollte die alte Welt der maurischen Könige einer neuen, imperialen Vision weichen.
Der Architekt Pedro Machuca wurde beauftragt, den wehrhaften Charakter der Festung förmlich auszuradieren. Der steile Verteidigungsgraben wurde einfach zugeschüttet und gepflastert, um einen bequemen, breiten Zugang für die Karren zu schaffen, die das Baumaterial für die neue, christliche Alhambra heranschaffen sollten. Schauen Sie einmal auf Ihr Display. Sie sehen dort dieses imposante Tor im Stil eines römischen Triumphbogens, das Machuca entwarf. Es war eine bewusste Machtdemonstration. Ein Triumphbogen war in der Antike ein freistehendes Monument, das für den glorreichen Sieg römischer Feldherren errichtet wurde. Hier sollte diese Form den Sieg der Christen über die Mauren architektonisch zementieren. Ganz oben prangt das kaiserliche Wappen, flankiert von den allegorischen Figuren für Frieden und Überfluss.

Frieden und Überfluss... das war das Versprechen des Kaisers an die neu eroberten Ländereien. Doch die Realität sah ganz anders aus. Die Region wurde bald von Zwangskonversionen und kultureller Unterdrückung zerrissen. Pedro Machuca, der Architekt mit den grandiosen Visionen, erlebte die Fertigstellung seines Werkes nicht mehr. Er starb 1550. Und das gesamte gigantische Bauprojekt wurde 1568 abrupt abgebrochen. Der Grund war der Aufstand der Morisken, also jener Muslime, die unter Zwang zum Christentum konvertiert waren und sich nun wehrten. Das große imperiale Projekt blieb über Jahrhunderte hinweg ein unvollendetes Symbol architektonischer Anmaßung.
Wenn Sie durch den mittleren Bogen blicken, sehen Sie den schattigen Waldweg. Dort drinnen steht eine kleine Bronzestatue des amerikanischen Autors Washington Irving. Als er 1829 genau durch dieses Tor schritt, fand er keine intakte Festung vor, sondern eine verfallene Ruine voller Hausbesetzer und Soldaten. Seine Erzählungen entfachten später eine internationale Faszination für diese Orte.
Dass wir dieses Bauwerk heute überhaupt noch betrachten können, grenzt an ein Wunder. Zwischen 1810 und 1812 besetzten französische Truppen unter Napoleon die Alhambra und nutzten sie als Kaserne. Als die Armee schließlich abziehen musste, verminten die Soldaten die Festungsmauern und Tore mit Sprengstoff. Sie wollten den ganzen Komplex in Stücke reißen. Alles schien verloren. Doch in letzter Sekunde riskierte ein kriegsversehrter spanischer Korporal namens José García sein eigenes Leben, um heimlich die Zündschnüre zu löschen, bevor sie detonieren konnten. Nur durch seinen Mut blieb das Tor für künftige Generationen erhalten.
Da das Tor praktischerweise rund um die Uhr geöffnet ist, könnten Sie den Waldweg zur Alhambra jederzeit erkunden. Doch für unsere Tour bleiben wir vorerst in der Stadt. Unser nächstes Ziel ist nur etwa sieben Minuten zu Fuß entfernt. Wir machen uns nun auf den Weg zum Tor von Bibarrambla.



