
Betrachten Sie diesen massiven rechteckigen Palast aus glattem hellem Stein, dessen strenge symmetrische Fassade von einem markanten kleinen Uhrenturm aus dunklem Metall auf dem Dach gekrönt wird.
Wir haben vorhin das Denkmal der Katholischen Könige gesehen. Als Isabella und Ferdinand diese Stadt eroberten, wussten sie, dass Schwerter allein nicht ausreichen würden, um ihre Macht dauerhaft zu verankern. Sie mussten das Antlitz der Stadt neu formen. Und genau hier, mit diesem Gebäude, taten sie das. Sie brachten die unerbittliche Strenge der königlichen Justiz nach Granada. Die Königliche Kanzlei war das höchste Gericht für alle Gebiete südlich des Flusses Tajo und machte Granada zur drittwichtigsten Stadt Spaniens.
Wenn Sie auf Ihren Bildschirm schauen und das zweite Bild betrachten, sehen Sie die feinen Details dieser unerbittlichen Vorderseite. Die Geschichte dieser Fassade ist geradezu ein Drama der Eitelkeit. Als der neue Präsident des Gerichts im Jahr 1584 ankam, fand er eine brandneue, elegante Renaissance-Fassade vor. Doch sie war ihm einfach nicht monumental genug. Ohne zu zögern ließ er das gerade erst fertiggestellte Kunstwerk abreißen, um die heutige manieristische Fassade zu errichten. Manierismus, das war ein Baustil der späten Renaissance, der auf kühle Strenge und dramatische Effekte setzte. Der Präsident wollte einen wahren Tempel der Gerechtigkeit schaffen, der den Bürgern schon beim Anblick großen Respekt einflößte.

In diesen Mauern lag eine fast magische Macht. Hier wurde das Königliche Siegel aufbewahrt. Das Protokoll verlangte, dass dieses Siegel mit der exakt gleichen Ehrfurcht behandelt wurde wie der König aus Fleisch und Blut selbst. Das führte zu einer wunderbaren Geschichte. Ein mächtiger Adeliger, der Marqués del Salar, besaß den seltenen Titel eines Granden von Spanien, was bedeutete, dass er das Privileg hatte, in Anwesenheit des Königs seinen Hut aufbehalten zu dürfen. Eines Tages spazierte er mit aufgesetztem Hut in den Gerichtssaal. Die Richter waren empört. Sie verurteilten ihn zu einer enormen Geldstrafe, weil er dem Siegel keinen Respekt gezollt hatte. Der König bestätigte das Urteil, verfügte aber völlig unerwartet, dass das Geld der Strafe direkt in den Bau der prachtvollen Treppe fließen sollte, die noch heute den Innenhof schmückt.
Doch dieses Gericht hatte auch eine dunkle Seite. An das Gebäude angeschlossen war das gefürchtete königliche Gefängnis. Dort arbeitete der Scharfrichter von Granada, eine düstere Gestalt, die Legenden zufolge stets in einen schwarzen Umhang gehüllt war. Hier wurde auch der Garrote Vil aufbewahrt, ein eiserner Würgekragen, der für Hinrichtungen verwendet wurde. In diesen Hallen fand später der Prozess gegen die liberale Heldin Mariana Pineda statt, die von einem unerbittlichen Beamten zum Tode verurteilt wurde.
Dieses imposante Gebäude war ein mächtiges Werkzeug, um eine völlig neue Kultur über die alte Stadt zu legen und absolute Kontrolle zu demonstrieren. Aber diese monumentale Veränderung bedeutete auch den tragischen Ausschluss anderer. Wenn wir tiefer in die Seele Granadas eintauchen, dürfen wir jene nicht vergessen, die an den Rand gedrängt wurden. Unser nächstes Ziel, das Sephardische Museum, ist nur etwa vier Gehminuten von hier entfernt und gibt den vertriebenen jüdischen Stimmen Raum. Übrigens, falls Sie das Innere der Kanzlei bewundern möchten, das Gebäude ist von Montag bis Freitag zwischen halb neun Uhr morgens und zwei Uhr nachmittags geöffnet.



