
Vor Ihnen erhebt sich die Kathedrale von Granada mit ihrer massiven sandfarbenen Steinfassade, die wie ein gewaltiger Triumphbogen geformt ist, in dessen Mitte drei tiefe Rundbögen ruhen, während sich links davon ein einzelner markanter Glockenturm in die Höhe streckt. Willkommen an einem Ort, der wie kaum ein anderer erzählt, wie eine eroberte Stadt Stein für Stein neu geschrieben wurde.
Ursprünglich stand genau hier das spirituelle Zentrum des muslimischen Granadas, die große Hauptmoschee. Nach der Eroberung der Stadt sollte hier eine christliche Kirche im gotischen Stil entstehen, also mit den damals üblichen spitzen Bögen und himmelwärts strebenden Linien. Doch dann kam das Jahr fünfzehnhundertsechsundzwanzig. Kaiser Karl der Fünfte verbrachte seine Flitterwochen mit seiner neuen Frau, Isabella von Portugal, hier in Granada. Er verliebte sich so sehr in die Stadt, dass er beschloss, die eher bescheidenen Pläne seiner Großeltern komplett über den Haufen zu werfen. Er wollte kein einfaches Gotteshaus, sondern ein gigantisches kaiserliches Mausoleum, das die ganze Christenheit in den Schatten stellen sollte.
Und hier wird die Geschichte zu einem faszinierenden architektonischen Versteckspiel. Der erste Architekt hatte nämlich bereits die Fundamente im alten, gotischen Stil gelegt. Als dann der neue Architekt, Diego de Siloé, das Projekt übernahm, stand er vor einem scheinbar unlösbaren Problem. Er sollte den neuen, von der klassischen römischen Antike inspirierten Renaissance Stil umsetzen, steckte aber auf einem gotischen Grundriss fest.
Siloés Lösung war ein geradezu genialer Taschenspielertrick. Er ummantelte die bereits stehenden gotischen Pfeiler einfach mit klassischen korinthischen Pilastern, also flachen, in die Wand eingearbeiteten Ziersäulen. Er hat die Arbeit seines Vorgängers buchstäblich hinter einer neuen Fassade versteckt, um eine völlig neue kulturelle Verschmelzung zu erzwingen. Wenn Sie kurz auf Ihr Display schauen, sehen Sie die beeindruckende äußere Struktur, die aus diesem jahrhundertelangen Aufeinandertreffen der Baustile hervorgegangen ist.

Im Inneren entwarf Siloé eine völlig neuartige, kreisrunde Hauptkapelle, die er nahtlos in den rechteckigen Raum einfügte. Es ist wirklich atemberaubend. Schauen Sie noch einmal in die App, um einen Blick in das Innere der Kuppel zu werfen, die wie ein himmlisches Zelt mit goldenen Sternen auf einem tiefblauen Feld bemalt ist.

Doch all dieser imperiale Ehrgeiz hatte seinen Preis. Sehen Sie den einzelnen Turm? Eigentlich sollten es zwei einundachtzig Meter hohe Türme werden. Aber man hatte die schweren gotischen Fundamente auf dem sandigen, instabilen Boden nahe des Flusses Darro gebaut. Als der Turm wuchs, gab der Boden nach. Nach einem späteren Erdbeben musste man die Spitze sogar wieder abtragen, um einen Einsturz zu verhindern. So blieb der Turm bei siebenundfünfzig Metern stehen.
Diese Kathedrale ist ein steinernes Monument des katholischen Triumphs, das buchstäblich auf den Fundamenten der muslimischen Vergangenheit ruht. Unser nächster Halt führt uns nun in eine ganz andere Welt. In nur vier Minuten Fußweg erreichen wir die Madrasa von Granada, wo wir von diesem monumentalen Machtanspruch zum zarten Geist der islamischen Gelehrsamkeit wechseln, der diese Straßen einst prägte. Falls Sie die Kathedrale später von innen besichtigen möchten, sie ist von Montag bis Samstag zwischen zehn und achtzehn Uhr fünfzehn und sonntags ab fünfzehn Uhr geöffnet.



