
Treten Sie ein in diesen weitläufigen, von filigranen Säulengängen gesäumten Innenhof, in dessen Mitte ein großes, rundes Marmorbecken ruht, das von zwölf steinernen Löwenfiguren getragen wird. Wir sind an unserem letzten Halt angekommen, dem berühmten Hof der Löwen. Dies ist das schlagende Herz der Alhambra und der absolute Höhepunkt der Architektur der Nasriden.
Dieser Palast wurde im vierzehnten Jahrhundert von Sultan Muhammad dem Fünften erbaut. Er wollte einen intimen, privaten Rückzugsort schaffen, der an das irdische Paradies erinnert. Und das Zentrum dieses Paradieses ist der Brunnen vor Ihnen. Das aus einem einzigen Block Macael-Marmor gehauene Becken wird von zwölf stilisierten Löwen gestützt. Ihre Herkunft ist bis heute ein kleines Geheimnis. Einige Gelehrte glauben, dass diese Figuren noch viel älter sind und aus dem Palast eines jüdischen Wesirs aus dem elften Jahrhundert gerettet wurden. Die Vorstellung, dass diese Löwen den Fall alter Reiche überstanden haben und hier eine neue Heimat fanden, ist faszinierend.
Wenn Sie den Blick heben, sehen Sie die unglaublich feinen Stuckarbeiten, die die Bögen und Pavillons schmücken. Besonders beeindruckend sind die sogenannten Mukarnas, kunstvolle, dreidimensionale Verzierungen, die wie zarte Stalaktiten von den Decken tropfen. Es wirkt, als wäre der Stein schwerelos geworden.
Doch diese Schwerelosigkeit und Schönheit wären beinahe für immer verloren gegangen. Im Laufe der Jahrhunderte veränderten neue Herrscher den Palast nach ihren eigenen Vorstellungen, und wie wir am Tor der Granatäpfel gehört haben, wurde die gesamte Anlage fast von napoleonischen Truppen in die Luft gesprengt. Nur dank des Mutes von José García überdauerte diese feine Architektur die rohe Gewalt. In der App haben wir ein Vorher-Nachher-Bild für Sie, das zeigt, wie dieser Ort zwischen 1862 und 1910 den frühen Fotografen als zeitloses Motiv diente. Später zog dieser romantische Verfall Schriftsteller wie Washington Irving an. Er lebte eine Zeit lang in diesen verlassenen Hallen und nahm sogar sein Frühstück direkt hier in diesem Innenhof ein.
Schauen Sie sich nun einmal die kleinen, in den Marmorboden eingelassenen Wasserkanäle genauer an. Beobachten Sie, wie das Wasser aus den vier angrenzenden Sälen sanft zusammenfließt und sich in der Mitte beim Löwenbrunnen trifft. Diese vier Ströme symbolisieren die Flüsse des Paradieses. Sie verbinden den gesamten Palast, genauso wie die Geschichte all die Epochen und Kulturen dieser Stadt miteinander verbindet.
Der Palast ist übrigens jeden Tag von halb neun Uhr morgens bis zwanzig Uhr abends für Besucher geöffnet. Ich lade Sie ein, hier noch ein wenig zu verweilen, dem leisen Plätschern des Wassers zuzuhören und diesen wundervollen Ort in aller Ruhe auf sich wirken zu lassen. Es war mir eine große Freude, Sie heute zu begleiten.



