Direkt vor dir siehst du einen hohen, runden Kirchturm aus Backstein mit schmalen Fenstern und einem spitzen Dach samt Kreuz, der sich zwischen alten Häusern erhebt - schau einfach nach oben und er wird dich sofort anlächeln.
Stell dir vor, du stehst mitten im wilden Gewirr der Altstadt von Tiflis, umgeben von krummen Gassen, knarzenden Holzhäusern und dann - plopp - taucht dieser stolze Turm der Nieder Bethlehemi-Kirche wie ein Kuchenstück zwischen all dem auf. Vor vielen Jahrhunderten, etwa im 14. Jahrhundert, wurde hier bereits gebetet, aber die heutige Kirche wuchs und wuchs besonders im 19. Jahrhundert. Damals gehörte sie jedoch einer ganz anderen Gemeinschaft: Sie war das Herz der armenischen Gläubigen, die sie auch Koosanats Sourb Stepanos Vank nannten.
Doch hör zu, wie die Geschichte zu knistern beginnt: Nach 1988 passierte etwas, das man am liebsten wie einen schlechten Krimi erzählen würde - die Kirche bekam plötzlich einen neuen “Besitzer:“ Sie wurde der georgisch-orthodoxen Gemeinde übergeben. Von nun an wechselte sie, wie ein Held im Theaterstück, ihre Identität. Aber nicht auf die sanfte Art - nein, das ging mit ordentlich Getöse, Lärm und vielen verschwundenen Spuren der Vergangenheit.
Stell dir vor, du bist Uhrmacher und plötzlich verlangt jemand, du sollst alle Zahnräder austauschen - und dabei bloß nichts zurücklassen, das ans Alte erinnert! So ging es auch hier: Von 1989 bis 1995 wurde alles, was an Armenien erinnerte, entfernt oder zerstört. Deshalb fehlen heute die filigranen Reliefs, die armenischen Inschriften, der wunderschöne Marmorkhachkar in der Apsis, sogar der Boden vor dem Eingang wurde neu gemacht. Fenster wurden zugemauert, Inschriften abgeschlagen, Altäre niedergerissen und Erinnerungsplatten einfach entsorgt.
Doch - und hier kommt der eigentliche Clou - die Kirche steht trotzdem immer noch. Zwar ganz im georgischen Kleid mit einer neuen Freske am Eingang, aber sie hat diese Wandlungen wie ein starker Baum überstanden, der sich im Sturm biegt, aber nicht bricht. Man kann hier fast schon das Flüstern der beiden Welten hören: einerseits stolz georgisch, aber irgendwo in den Mauern murmelt noch ein armensischer Gruß.
Und, hast du’s bemerkt? Kaum ein Ort in Tiflis erzählt so lebendig von Geheimnissen, von Umbrüchen und davon, wie die Vergangenheit immer wieder einen Weg findet, durch jede neue Farbe und jeden Pinselstrich zu zwinkern. Wenn du jetzt ganz genau hinhörst, spürst du vielleicht diesen alten Hauch Geschichte an deiner Schulter vorbeiziehen…


