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Lippstadt Audio-Tour: Tempel, Handel und zeitlose Schätze

Audioguide10 Stopps

Mittelalterliche Türme und neonbeleuchtete Innovation kollidieren unter Lippstadts Skyline – der Stadt, in der alte Geheimnisse noch immer in schattigen Gassen und Vorstandsetagen gleichermaßen widerhallen. Diese selbstgeführte Audio-Tour führt Sie durch Lippstadts gepflastertes Herz und versteckte Ecken und gibt Ihnen Einblicke in Legenden und Geschichten, die die meisten Besucher nie hören. Warum explodierte einst ein Skandal hinter den steinernen Mauern der Großen Marienkirche? Welche verblasste Rebellion ging vom Lippstädter Fleischeramt aus und veränderte die Stadt für immer? Und welche unerwartete Verbindung zieht den Hightech-Pionier Hella in das verworrene Netz alter Stadtintrigen? Schreiten Sie vorbei an Sandstein und Stahl und verfolgen Sie die stillen Schlachten, geflüsterten Intrigen und kreativen Blitze, die diese Stadt geformt haben. Jeder Schritt enthüllt Drama – das Adrenalin der Revolte, die Stille des Geheimnisses und den elektrischen Puls der Innovation. Entdecken Sie Lippstadts unerzählte Geschichte. Beginnen Sie Ihren Spaziergang dort, wo die Geschichte noch in jedem Schatten flackert.

Tourvorschau

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Über diese Tour

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    Dauer 70–90 minsEigenes Tempo
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    3.5 km FußwegDem geführten Pfad folgen
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  • wifi_off
    Funktioniert offlineEinmal herunterladen, überall nutzen
  • all_inclusive
    Lebenslanger ZugriffJederzeit wiederholen, für immer
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    Startet bei Jacobikirche

Stopps auf dieser Tour

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  1. Jacobikirche
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    Vor Ihnen erhebt sich die verputzte Fassade der Jacobikirche, geprägt von einem massiven quadratischen Westturm mit steinernen Eckkanten, der von einer markanten glockenförmigen…Mehr lesenWeniger anzeigen
    Eine beeindruckende Südostansicht der historischen Jacobikirche, die ihren massiven Architekturstil und die markante Haube offenbart (2024).
    Eine beeindruckende Südostansicht der historischen Jacobikirche, die ihren massiven Architekturstil und die markante Haube offenbart (2024).Photo: Ath, Wikimedia Commons, CC0. Cropped & resized.

    Vor Ihnen erhebt sich die verputzte Fassade der Jacobikirche, geprägt von einem massiven quadratischen Westturm mit steinernen Eckkanten, der von einer markanten glockenförmigen Haube gekrönt wird. Lippstadt ist ein Ort, der seine Monumente nicht einfach kampflos aufgibt. Dieses Gebäude hat einen unerbittlichen Zyklus von Zerstörung und Wiederaufbau durchlebt und wirklich alles überstanden, von brutaler militärischer Besatzung bis hin zum völligen baulichen Verfall. Jedes Mal, wenn das Ende unvermeidlich schien, traten die Bürger vor und bauten es wieder auf. Doch das vielleicht faszinierendste Detail dieser Architektur ist ein Rätsel tief im Inneren. Mitten im Kirchenraum befindet sich ein extrem tiefer Brunnen. Warum baut man einen Wasserzugang direkt in eine gotische Hallenkirche, also in einen weiten, dreischiffigen Raum ohne abtrennendes Querschiff? Die Antwort ist so praktisch wie unheimlich. Die Kirche ist nach Jakobus dem Älteren benannt, der passenderweise der Schutzpatron der Brunnenbauer ist. Aber dieser massive Wehrturm vor uns erzählt die eigentliche Geschichte. Im dreizehnten Jahrhundert war er nicht nur als Ort für Glocken konzipiert. Mit seinen extrem dicken Mauern war er in unruhigen Zeiten ein sicherer Fluchtpunkt und Aussichtsturm für die Bürger. Ein eigener Brunnen im Inneren bedeutete ganz einfach, dass man eine lange Belagerung überstehen konnte, ohne zu verdursten. Bis heute beflügeln diese gewaltigen Mauern die Fantasie. Es hält sich hartnäckig die Legende, dass dort noch unentdeckte Schätze verborgen sind. Ich rate Ihnen dennoch davon ab, jetzt mit einem Hammer nachzusehen. Die Festungsidee war baulich brillant, konnte aber Katastrophen nicht immer abwenden. Während des Dreißigjährigen und später des Siebenjährigen Krieges beschlagnahmten feindliche Truppen das Gotteshaus. Sie brauchten keinen Ort für feierliche Gebete, sie brauchten ein profanes Lagerhaus. Unter anderem lagerten sie hier unzählige Fässer mit Schießpulver. Sie ahnen vermutlich, wie diese Geschichte ausgeht. Ein Pulverfass explodierte mit verheerender Wucht, riss große Teile des Daches in Stücke und ließ das schwere steinerne Gewölbe krachend einstürzen.

    Der imposante, wehrhafte Westturm der Jacobikirche, der einst als rettender Fluchtpunkt diente und heute in modernem Glanz erstrahlt (2004).
    Der imposante, wehrhafte Westturm der Jacobikirche, der einst als rettender Fluchtpunkt diente und heute in modernem Glanz erstrahlt (2004).Photo: Achim Raschka, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Cropped & resized.

    Die Reparaturmaßnahme der Gemeinde nach dieser Explosion im achtzehnten Jahrhundert war reiner Pragmatismus. Da das Geld knapp war, flickte man die zerstörten Lücken teilweise einfach mit Fachwerk. Eine sehr günstige, aber erstaunlich kluge architektonische Lösung, die noch heute von der damaligen Not zeugt und das Gebäude vor dem endgültigen Ruin bewahrte. Im frühen neunzehnten Jahrhundert stand die Kirche dann tatsächlich kurz vor ihrer endgültigen Vernichtung. Die Behörden erklärten das stark baufällige Gebäude für nutzlos, und der Abriss war bereits beschlossene Sache. Doch die Bürger von Lippstadt weigerten sich schlichtweg. Sie organisierten einen erbitterten Widerstand gegen die Obrigkeit, bis die Regierung 1836 schließlich nachgab und die dringend benötigte Sanierung erzwang. Dieser eiserne Wille setzte sich bis ins Jahr 2004 fort. Als das Gebäude wegen massiver Feuchtigkeitsschäden geschlossen werden sollte, kämpfte die Gemeinde erneut und verwandelte die Kirche in ein modernes Veranstaltungszentrum. Heute hängen im Turm fünfunddreißig Bronzeglocken aus dem Jahr 1985, die viermal täglich über die Altstadt erklingen. Von antiken Überlebensstrategien zu modernen Fundamenten, hier zeigt sich wahrer baulicher Erfindergeist. Unser nächster Halt, die Sparkasse Lippstadt, ist nur einen kurzen, zweiminütigen Spaziergang entfernt.

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  2. Sparkasse Lippstadt
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    Zu Ihrer Linken sehen Sie die Sparkasse Lippstadt, ein markantes, kubisches Gebäude mit einer glatten hellen Steinfassade, breiten dunklen Fensterfronten und dem unverkennbaren…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Zu Ihrer Linken sehen Sie die Sparkasse Lippstadt, ein markantes, kubisches Gebäude mit einer glatten hellen Steinfassade, breiten dunklen Fensterfronten und dem unverkennbaren roten S-Logo über dem Eingang.

    Wir haben gerade die historischen Mauern der Jacobikirche hinter uns gelassen, aber das Überleben einer Stadt hängt nicht nur von Religion ab, sondern auch von harter Währung. Hier zeigt sich der wahre Innovationsgeist von Lippstadt. Über Jahrhunderte hinweg haben die Bürger dieser Stadt nicht nur Zerstörungen überstanden, sondern immer wieder den Antrieb gefunden, wirtschaftlich zu wachsen und ihre Gemeinschaft neu zu erfinden. Dieser Drang nach Fortschritt brauchte ein verlässliches Fundament, und genau hier kommt dieses Institut ins Spiel.

    Gegründet im Jahr 1842, ist diese Bank seit Generationen der finanzielle Motor der Region. Man ruht sich hier allerdings ungern auf der Vergangenheit aus. Durch eine Reihe von Fusionen, zuletzt im Jahr 2023, schuf man die Sparkasse Hellweg-Lippe. Mit einer gigantischen Startbilanzsumme von rund 5,2 Milliarden Euro wurde sie schlagartig zum größten Kreditinstitut in ganz Südwestfalen. Unter dem Motto Zusammen Wachsen baute der langjährige, nun im Ruhestand befindliche Chef Jürgen Riepe und sein Nachfolger Peter Königkamp ein massives Finanznetzwerk auf. Sogar das riesige ehemalige Hauptgebäude an der Erwitter Straße war irgendwann nicht mehr passend, weshalb es 2014 pragmatisch in eine Gewerbefläche mit Biomarkt und Physiotherapiepraxis umgewandelt wurde, in der die Sparkasse einfach als Teilmieterin blieb.

    Aber wo viel Geld fließt, gibt es auch Reibung. In den späten 2010er Jahren strich die Bank reihenweise sogenannte Prämiensparverträge. Das sind spezielle langfristige Sparpläne, bei denen die Kunden jedes Jahr steigende prozentuale Boni auf ihre Einzahlungen erhielten. In der damaligen Niedrigzinsphase wurden diese einst lukrativen Verträge für die Bank zu einem massiven Verlustgeschäft. Die plötzlichen Kündigungen führten zu einem enormen Aufschrei und unzähligen Rechtsstreitigkeiten mit Verbraucherschützern, die Nachzahlungen forderten.

    Hinzu kam politische Kritik im Jahr 2020, als die lokale Linkspartei die hohen Überziehungszinsen als unsozial anprangerte, besonders da zu diesem Zeitpunkt jedes sechste Kind in der Stadt in Armut lebte.

    Und dann gab es da noch echte Kriminalgeschichte. Im Januar 2008 wurde eine Filiale im Stadtteil Bad Waldliesborn von einem bewaffneten Serientäter überfallen. Dieser maskierte Mann hatte die Bank wochenlang bis ins kleinste Detail ausgekundschaftet. Der Fall blieb über dreizehn Jahre lang ein ungelöstes Rätsel, bis die Raubserie 2021 vor einem Millionenpublikum in der Fernsehsendung Aktenzeichen XY ungelöst mit Phantombildern und einer Belohnung von 36.500 Euro neu aufgerollt wurde.

    Abseits von Bankräubern und Zinsstreitigkeiten investiert die Sparkasse jedoch stark in die Jugend. Ein charmantes Highlight war 2019, als ein von der Bank betreutes Schülerinnen-Team mit dem treffenden Namen S-WonderWomen beim regionalen Börsenspiel durch ihr exzellentes Gespür für den Aktienmarkt die Silbermedaille und 750 Euro Preisgeld gewann.

    Falls Sie echte Bankgeschäfte erledigen müssen, das Gebäude ist wochentags von neun bis halb eins und nachmittags geöffnet, freitags durchgehend bis fünfzehn Uhr, und am Wochenende geschlossen.

    Wir machen nun einen kurzen, zweiminütigen Spaziergang zu einer anderen Bank, der Volksbank Beckum-Lippstadt, die eine weitaus skurrilere Geschichte zu bieten hat.

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  3. Zu Ihrer Linken sehen Sie die Volksbank Beckum-Lippstadt. Ein Ort an dem es im wahrsten Sinne des Wortes hin und wieder knallt. Diese Bank, deren Wurzeln durch viele Fusionen bis…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Zu Ihrer Linken sehen Sie die Volksbank Beckum-Lippstadt. Ein Ort an dem es im wahrsten Sinne des Wortes hin und wieder knallt. Diese Bank, deren Wurzeln durch viele Fusionen bis ins Jahr 1914 zurückreichen, ist fest in der Gemeinschaft verankert.

    Das genossenschaftliche Modell bedeutet, dass man hier nicht nur Geld lagert, sondern auch den lokalen Erfindergeist und das Zusammenleben fördert. Das führt zu herrlich unkonventionellen Investitionen. Zum Beispiel spendete die Bank dem Lippstädter Turnverein 1.500 Euro. Der genaue Zweck? Bluetoothfähige Musikanlagen. Anscheinend brauchten die lauten Hula-Hoop, Tabata und Zumba Kurse dringend mehr Bass. Eine absolut nachvollziehbare Priorität.

    Diese kompromisslose Lippstädter Entschlossenheit zeigt sich auch auf höchster politischer Ebene. Die Bank sponsert regelmäßig das lokale Silvesterkonzert. Eines Jahres kam es hinter den Kulissen zu einem absurden Machtkampf. Ministerpräsident Hendrik Wüst wollte die begehrte Neue Philharmonie Westfalen für den Landtag buchen. Lippstadts Bürgermeister Arne Moritz wollte sie für das Stadttheater. Das von der Volksbank geförderte Konzert stand auf der Kippe. Moritz ballte laut Überlieferung die Fäuste und sagte dem Ministerpräsidenten klipp und klar: Hendrik, du kannst gerne Kanzlerkandidat werden, aber das Silvesterkonzert findet hier in Lippstadt statt. Basta.

    Manchmal zieht die Bank auch selbst rigoros Grenzen. Im April 2021 sorgte sie bundesweit für Kontroversen, als sie der Berliner Filmproduktionsfirma OVALmedia quasi über Nacht das Firmenkonto kündigte. Dem von einem gebürtigen Lippstädter geleiteten Unternehmen wurde vorgeworfen, Verschwörungserzählungen zu verbreiten und Impfgegner zu unterstützen. Ohne ein langwieriges Gerichtsurteil abzuwarten, beendete die Bank die Geschäftsbeziehung einseitig und drehte den Geldhahn zu. Man fackelt hier in der Provinz offensichtlich nicht lange.

    Echte Flammen und Zerstörung gab es allerdings im Januar 2023. Mitten in der Nacht riss eine gewaltige Explosion die Anwohner der Filiale im Ortsteil Lippborg aus dem Schlaf. Mindestens drei Täter hatten den Geldautomaten gesprengt. Die Wucht der Detonation war so enorm, dass Trümmerteile der Inneneinrichtung und zersplitterte Fensterrahmen weit über den Vorplatz flogen. Die Täter entkamen in einem dunklen BMW über die Autobahn, und das Gebäude war so extrem beschädigt, dass ein Statiker anrücken musste, um die Einsturzgefahr zu prüfen. Die Bank stand buchstäblich vor einem Trümmerhaufen.

    Doch auch hier zeigte sich der unermüdliche Wille, die Dinge wieder aufzubauen und zu erhalten. Um zukünftige Herausforderungen wie den akuten Mangel an Fachkräften zu meistern, beschloss man in der Vertreterversammlung 2025 die Fusion mit der VR Bank Westfalen-Lippe. Die Vorstände Stefan Hoffmann und Marco Pietsch machten sofort eine beruhigende Ansage an die fast 128.000 Kunden: Es gibt keine fusionsbedingten Kündigungen, alle Filialen bleiben erhalten und auch die Kontonummern ändern sich nicht.

    Falls Sie selbst ein Konto eröffnen oder einfach nur die Schalterhalle betrachten wollen, unter der Woche ist hier tagsüber geöffnet, am Donnerstag sogar bis 18 Uhr, aber am Wochenende bleibt geschlossen. Wir machen uns nun auf den Weg zur Kleinen Marienkirche, wo uns die stillen Überreste eines alten Klosters erwarten. Es ist ein entspannter, achtminütiger Spaziergang. Folgen Sie mir einfach.

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  1. Auf der rechten Seite sehen Sie die Kleine Marienkirche, eine beeindruckende Struktur aus massiven grauen Steinmauern, deren leere, spitzbogige Fensteröffnungen in den Himmel…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Auf der rechten Seite sehen Sie die Kleine Marienkirche, eine beeindruckende Struktur aus massiven grauen Steinmauern, deren leere, spitzbogige Fensteröffnungen in den Himmel ragen und die heute völlig ohne Dach auskommt.

    Dieses Gelände verdanken wir dem Edelherrn Bernhard dem Zweiten zur Lippe, der um 1185 sowohl diese Stadt am Reißbrett entwarf als auch das hiesige Kloster stiftete. Er übergab für den Bau angeblich genau das Grundstück, auf dem sein eigenes Elternhaus gestanden hatte.

    Ursprünglich war dies die Heimat von Augustinerinnen. Diese Nonnen lebten nach unerbittlich strengen Regeln, die den völligen Verzicht auf persönlichen Besitz und einen festen, täglichen Rhythmus ständiger Gebete vorschrieben. Es war ein Leben der absoluten Hingabe und Disziplin, streng abgeschirmt von der Außenwelt.

    Obwohl das Projekt als hochheilige Mission begann, lief der Bau eher schleppend. Das Geld fehlte permanent. Es dauerte stolze hundertfünfzig Jahre und verbrauchte sechs verschiedene Baumeister, bis der gotische Hallenbau endlich vollendet war.

    Ihren Namen Kleine Marienkirche erhielt sie kurioserweise nur aus einem einzigen Grund. Während ihrer endlosen Bauzeit war die benachbarte Große Marienkirche schlichtweg schon längst fertiggestellt worden.

    Diese stillen Ruinen sind ein weiteres Zeugnis für die ständige Neuerfindung dieser Stadt. Ein gewaltiges Unwetter beschädigte das Gebäude im Jahr 1819 massiv. Doch der endgültige Todesstoß für die Nutzung als Gotteshaus war weitaus profaner.

    Der damalige Amtsarzt stellte fest, dass ständige Überschwemmungen des Kircheninneren auch die dortigen Gräber unter Wasser gesetzt hatten. Das führte zu einem derart pestilenzartigen Gestank, dass man ihn keinem anständigen Christenmenschen mehr zumuten konnte. Die Gemeinde gab auf und zog 1820 endgültig aus.

    Wegen massiver Einsturzgefahr wurden Dächer und Gewölbe abgetragen, und der komplette Abriss war eigentlich beschlossene Sache. Doch 1855 schritt König Friedrich Wilhelm der Vierte von Preußen ein. Der Monarch, der als Romantiker auf dem Thron galt, verweigerte schlicht die Abrissgenehmigung. Er ordnete stattdessen an, die Kirche in genau diesem verfallenen Zustand als malerische Kulisse für die Nachwelt zu erhalten.

    Im zwanzigsten Jahrhundert erlebte der Ort dann eine völlig unerwartete Renaissance. Orchester nutzten die besondere Akustik der dachlosen Mauern für Freiluftkonzerte. Zeitzeugen berichten, dass Nachbarskinder die Ruine als Abenteuerspielplatz nutzten und furchtlos an den mittelalterlichen Wänden hochkletterten. Als dann jedoch massive Steine herabfielen, war es mit der Unbeschwertheit vorbei und das Innere wurde gesperrt. Ein Gutachter schlug 1964 sogar vor, ein modernes Dach über die Ruine zu bauen, was die Denkmalschützer aber strikt ablehnten. Der romantische Ruinencharakter durfte auf keinen Fall angetastet werden.

    Heute stehen diese Mauern als stilles, nacktes Skelett und erzählen von Jahrhunderten des Überlebens und des Wandels. Wir machen uns nun auf den Weg zu einem Ort, der von einer viel jüngeren und ungleich tragischeren Zerstörung zeugt, denn die ehemalige Synagoge ist nur etwa zwei Gehminuten von hier entfernt. Falls Sie das Gelände hier später noch genauer inspizieren wollen, die Anlage ist übrigens jeden Tag von halb acht morgens bis halb sieben abends geöffnet.

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  2. Vor Ihnen steht ein schlichter, rechteckiger Bau mit grauer Putzfassade, der an seiner fensterlosen Seitenwand unübersehbar das große, weiße Wandbild eines siebenarmigen Leuchters…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Vor Ihnen steht ein schlichter, rechteckiger Bau mit grauer Putzfassade, der an seiner fensterlosen Seitenwand unübersehbar das große, weiße Wandbild eines siebenarmigen Leuchters trägt. Diese Überreste verbergen eine tief reichende kulturelle Geschichte, die weit über Lippstadt hinausreicht. Hier sang einst die Mutter von Erich Mendel im Synagogenchor, was ihn so prägte, dass er später in den USA eine der weltweit größten Sammlungen jüdischer Musik aufbaute. Auch die Straße ehrt mit David Gans einen brillanten Verstand aus Lippstadt, der als erster deutsch-jüdischer Wissenschaftler mit Größen wie Johannes Kepler korrespondierte. Es ist ein Erbe, das oft übersehen wird, aber das intellektuelle Fundament dieser Stadt massiv gestärkt hat.

    Doch diese blühende Gemeinschaft wurde in der Nacht vom neunten auf den zehnten November 1938 brutal ausgelöscht, als die Synagoge während der Novemberpogrome von den Nationalsozialisten geplündert und in Brand gesteckt wurde. Die örtliche Feuerwehr stand lediglich daneben und schützte ausschließlich die Nachbargebäude, während das Gotteshaus bis auf die Grundmauern niederbrannte.

    Was nach dem Krieg folgte, war architektonische und historische Amnesie par excellence. Das ehemals prächtige Gebäude mit seinen markanten Treppengiebeln wurde entstellt, diente Nachbarn zeitweise als Hühnerstall und später als profaner Lagerraum, der komplett von einem neu gebauten Wohnhaus vor der Tür verdeckt wurde. Aus den Augen, aus dem Sinn.

    Doch der Wille, die Erinnerung an diese Gemeinschaft am Leben zu erhalten, ließ sich nicht einfach zubetonieren. Im Garten überstand ein unscheinbares Nebengebäude die Zerstörung. Als man es vor einigen Jahren ausräumte, fand man auf alten Holztüren kritzelige Schülerschriften in Sütterlin... einer altdeutschen Schreibschrift, die heute kaum noch jemand lesen kann. Ein winziger Satz stach heraus: Grünebergs sind verrückt. Ein banaler, kindlicher Streich, der sich auf eine hiesige jüdische Familie bezog.

    Die israelische Künstlerin Michal Fuchs formte genau diesen Satz in leuchtendes Neon um. Und als man bei Bauarbeiten an der Ostwand zufällig die Nische des ehemaligen Thora-Schreins... also den heiligen Schrank, in dem die handgeschriebenen Schriftrollen der Gemeinde aufbewahrt wurden... entdeckte, platzierte man die Leuchtschrift präzise dort. Ein alltäglicher Kinderstreich wurde durch geschicktes Design zu einem fast sakralen Denkmal für die Menschen erhoben, die hier lebten.

    Heute ist dieser Ort, an dem 2010 auch das große Wandbild der Menorah an der Fassade ergänzt wurde, wieder ein lebendiges Kulturzentrum. Engagierte Bürger haben die Ruine gerettet und in Abstimmung mit der jüdischen Gemeinde in Paderborn einen Raum geschaffen, der Respekt und Erneuerung atmet. Die Mauern fielen, aber die Geschichte blieb. Wenn wir nun weitergehen, richten wir unseren Blick auf jene Orte, an denen die materielle Erinnerung dieser Stadt sicher aufbewahrt wird. Unser nächster Halt, das Stadtmuseum Lippstadt, ist nur einen gemütlichen dreiminütigen Spaziergang entfernt.

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  3. Zu Ihrer Linken sehen Sie ein hellblaues Gebäude mit markantem Giebeldach, das durch seine strengen Reihen gelblich-brauner Fensterläden und ein kunstvoll verziertes, weiß…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Zu Ihrer Linken sehen Sie ein hellblaues Gebäude mit markantem Giebeldach, das durch seine strengen Reihen gelblich-brauner Fensterläden und ein kunstvoll verziertes, weiß gerahmtes Bogenportal auffällt. Das ist das Stadtmuseum Lippstadt, ursprünglich ein Patrizierhaus, also ein repräsentativer Wohnsitz für die wohlhabende Oberschicht, aus dem siebzehnten Jahrhundert.

    Wenn man diese makellose Fassade bewundert, ist es kaum zu glauben, dass das Gebäude Mitte der neunzehnhundertfünfziger Jahre dermaßen baufällig war, dass man allen Ernstes überlegte, es einfach abzureißen. Aber die Bürger dieser Stadt haben das nicht hingenommen. Ein eigens gegründeter Förderverein kaufte das Haus und rettete in einer fünfjährigen Restaurierung die im Inneren verborgenen Rokoko-Stuckdecken. Rokoko, das ist dieser extrem detailreiche und verspielte Architekturstil aus dem achtzehnten Jahrhundert. Den Einzug des Museums in diese Räumlichkeiten im Jahr neunzehnhundertneunundzwanzig verdanken wir vor allem dem Verleger Carl Laumanns. Er kämpfte als Vorsitzender des Heimatbundes unermüdlich für diese Einrichtung und gilt heute völlig zu Recht als Vater des Museums.

    Doch die Geschichte dieses Ortes hat eine tiefgründige und sehr dunkle Seite. Wir kommen ja gerade von der Synagoge. Dieses Museum steht an der ehemaligen Judenstraße. Die Nationalsozialisten benannten sie neunzehnhundertdreiunddreißig in Rathausstraße um, um die jüdische Geschichte aus dem Straßenbild zu tilgen. Die bittere Ironie ist, dass heute genau dieses Haus eines der wichtigsten Zeugnisse der jüdischen Gemeinde bewahrt. Es beherbergt einen Grabstein des allerersten jüdischen Friedhofs, der neunzehnhundertsechsundachtzig durch puren Zufall im Schlamm der Lippe entdeckt wurde.

    Das Museum selbst musste ebenfalls dramatische Rückschläge hinnehmen. Obwohl Lippstadt von den direkten Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs weitgehend verschont blieb, verlor das Museum in den chaotischen Nachkriegsjahren durch Plünderungen und miserable Lagerung vier Fünftel seiner Bestände. Die mühsam aufgebaute Sammlung war fast völlig zerstört.

    Aber das zwang die Leitung zu einer pragmatischen und geradezu genialen Lösung. In den späten siebziger Jahren erkannte der damalige Direktor, dass die leeren Rokoko-Räume dringend passendes Kunsthandwerk brauchten. Weil historisches Silber oder Porzellan völlig unerschwinglich geworden waren, kaufte er kurzerhand historische Fächer. Die waren damals auf dem Kunstmarkt noch günstig zu haben. Durch diesen cleveren Schachzug besitzt Lippstadt heute eine der umfangreichsten Fächersammlungen in Nordrhein-Westfalen. Dazu gesellen sich Entwürfe von Marie Steinbecker, einer bemerkenswerten Frau, die sich im frühen zwanzigsten Jahrhundert gegen jede gesellschaftliche Norm durchsetzte, um Kunst als Frau zu ihrem Beruf zu machen.

    Falls Sie diese Sammlung sehen möchten, das Museum ist mittwochs von fünfzehn bis achtzehn Uhr und sonntags von elf bis achtzehn Uhr geöffnet. Lassen Sie uns nun zum Epizentrum der religiösen Revolution dieser Stadt weitergehen, der Großen Marienkirche, die nur knapp zwei Gehminuten entfernt ist.

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  4. Die Große Marienkirche zu Ihrer Linken erkennen Sie sofort an ihrer glatten, weiß verputzten Fassade, dem massiven, rechteckigen Hauptturm und der unverwechselbaren, dunkelgrauen…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Die Große Marienkirche zu Ihrer Linken erkennen Sie sofort an ihrer glatten, weiß verputzten Fassade, dem massiven, rechteckigen Hauptturm und der unverwechselbaren, dunkelgrauen barocken Zwiebelhaube, also der bauchigen Turmspitze.

    Das hier ist nicht nur ein Bauwerk, es ist der historische Schauplatz einer absoluten Revolution. Im Jahr 1523 kehrte ein katholischer Mönch namens Johannes Westermann nach Lippstadt zurück. Er hatte direkt bei Martin Luther in Wittenberg studiert und brachte theologische Ideen mit, die purer Zündstoff waren. Seine Predigten waren ein derartiger Erfolg, dass die kleinere Nachbarkirche aus allen Nähten platzte und er hierher, in die weitaus geräumigere Große Marienkirche, umziehen musste, um die gewaltigen Menschenmassen unterzubringen.

    Westermanns Lehren wurden bald darauf als Lippstädter Katechismus gedruckt, ein grundlegendes Lehrbuch für den christlichen Glauben und zugleich das allererste evangelische Buch in ganz Westfalen. Die Bürger dieser Stadt nahmen ihre neue Konfession so ernst, dass sie sich Jahre später offen dem mächtigen Herzog von Kleve widersetzten. Sie wagten einen regelrechten Aufstand, um ihren lutherischen Pfarrer zu behalten.

    Dieser eiserne Wille der Lippstädter, ihre Gemeinschaft auch in den dunkelsten Zeiten zu verteidigen, zeigt sich nirgendwo lauter als hoch oben im Turm. Wir schreiben das Jahr 1640, mitten im grausamen Dreißigjährigen Krieg. Bronze war extrem selten. Überall in Europa wurden Kirchenglocken massenhaft aus den Türmen gerissen und eingeschmolzen, um daraus tödliche Kanonen zu gießen. Doch was machten die Lippstädter? Sie kratzten unter enormen finanziellen Opfern ihr letztes Geld zusammen und beauftragten zwei Wandergießer, zwei gewaltige neue Bronzeglocken für diese Kirche zu schaffen. Anstatt der Zerstörung nachzugeben, gossen sie sich ein dauerhaftes, klingendes Symbol ihres Zusammenhalts.

    Dieser unermüdliche Drang zum Erhalt prägt dieses Bauwerk bis in die Gegenwart. Bei einer umfassenden Sanierung in den 1970er Jahren passierte ein furchtbares Missgeschick, und das historische bunte Glasfenster aus dem neunzehnten Jahrhundert ging in weiten Teilen zu Bruch. Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis diese künstlerische Wunde heilte. Die Gemeinde beauftragte einen renommierten zeitgenössischen Künstler, ein neues Fenster zu entwerfen. Mit meisterhaftem handwerklichem Geschick nahm er die wenigen geretteten Glasscherben des alten Werks und verschmolz sie nahtlos mit einem modernen, abstrakten Design.

    Wahre Beständigkeit bedeutet eben nicht, dass niemals etwas zerbricht, sondern dass man fähig ist, aus den Fragmenten etwas Neues zu erschaffen. Falls Sie die faszinierende Architektur im Inneren erkunden möchten, die Kirche öffnet ihre Türen fast jeden Tag von 10 Uhr bis halb sechs am Abend und sonntags ab zwölf Uhr. Wir machen uns nun auf den Weg zur historischen Heimat einer einst sehr mächtigen Handwerkervereinigung. Schlendern Sie weiter zum Lippstädter Fleischeramt, das nur einen kurzen, zweiminütigen Spaziergang entfernt liegt.

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  5. Schauen Sie auf das markante, kreisrunde Wappensiegel vor Ihnen, das mit seiner historischen Beschriftung und den detailreichen Einprägungen von Sankt Lukas samt Beil und Ochsen…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Schauen Sie auf das markante, kreisrunde Wappensiegel vor Ihnen, das mit seiner historischen Beschriftung und den detailreichen Einprägungen von Sankt Lukas samt Beil und Ochsen die Identität dieses Ortes unverrückbar markiert. Nach der imposanten Großen Marienkirche, die wir gerade gesehen haben, stehen Sie nun vor dem historischen Metzgeramtshaus.

    Im Jahr 1656 fegte ein verheerender Flächenbrand, der Große Stadtbrand, durch Lippstadt und legte einen Großteil der Innenstadt sowie das erste Hauptquartier der Metzger in Schutt und Asche. Doch die Bürger gaben nicht auf, sondern bauten das Gebäude genau hier wieder auf. Das beweist einmal mehr den unbändigen Willen dieser Stadt, nach Rückschlägen einfach weiterzumachen.

    Das Metzgeramt ist eine mittelalterliche Zunft, also ein streng organisierter Handwerkerverband, der seine Blutslinie ununterbrochen bis in das Jahr 1574 zurückverfolgen kann. Damals wurde ihre älteste Satzung, die sogenannte Nottuln, verfasst. Ironischerweise überstand dieses Dokument jahrhundertelang Brände und Belagerungen, nur um dann in den chaotischen letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs 1945 gestohlen zu werden. Seitdem fehlt von der Originalschrift jede Spur.

    Was mich an dieser Gruppe am meisten fasziniert, ist nicht nur ihre Ausdauer, sondern ihre schlaue Problemlösung. Als die französischen Besatzungsbehörden 1810 die Auflösung aller Zünfte und die Zwangsversteigerung ihrer Immobilien anordneten, inszenierten die Metzger ein brillantes bürokratisches Theaterstück. Bei der Auktion trat ein Amtsbruder namens Franz Brülle als Höchstbietender auf. Er musste jedoch nie bezahlen. Rein zufällig tauchten Papiere auf, die belegten, dass das Amt bei Brülle Schulden in exakt der Höhe des Kaufpreises hatte. Um danach keinen Verdacht zu erregen, benannten sie sich einfach in eine städtische Feuerwehr um. Ein absolut cleverer Schachzug.

    Trotz all dieser überstandenen Krisen wäre das Gebäude vor Kurzem beinahe eingestürzt. Der Grund war ein fataler moderner Architekturfehler. In den 1980er Jahren ersetzten gut meinende Restauratoren schadhaftes Holz durch Epoxidharz, das damals als absolutes Wundermittel galt. Unter dieser Kunststoffversiegelung verrotteten die tragenden Balken jedoch in rasendem Tempo. Erst 2014 konnte das historische Bauwerk durch eine massive Notrenovierung gerettet werden, was verhinderte, dass der jahrhundertealte Hauptsitz in sich zusammenfiel.

    Das Haus dient noch heute als Treffpunkt der Nachfahren dieser findigen Metzger. Falls Sie einen Blick hineinwerfen möchten, das Gebäude ist von Dienstag bis Freitag zwischen acht und achtzehn Uhr sowie am Samstagvormittag geöffnet, sonntags und montags bleibt es geschlossen.

    Unser nächstes Ziel führt uns nun zu den Wurzeln eines modernen Industriegiganten, wofür wir einen kleinen Fußmarsch vor uns haben. Die Firma Hella ist etwa achtzehn Minuten von hier entfernt.

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  6. Hella
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    Zu Ihrer Rechten sehen Sie einen weitläufigen funktionalen Industriekomplex mit einer markanten Glasfassade und Metallstrukturen, der unübersehbar von dem großen blauen Hella…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Zu Ihrer Rechten sehen Sie einen weitläufigen funktionalen Industriekomplex mit einer markanten Glasfassade und Metallstrukturen, der unübersehbar von dem großen blauen Hella Schriftzug gekrönt wird. Wir sind ein gutes Stück gelaufen seit dem Metzgeramt, aber dieser gewaltige Campus ist jeden Schritt wert. Das hier ist nicht einfach nur eine Fabrik. Es ist ein globaler Gigant der Automobilbeleuchtung. Und die Geschichte dahinter... nun, sie beginnt nicht mit Autos.

    Im Jahr 1899 übernahm ein jüdischer Kaufmann namens Sally Windmüller die Futtermittelhandlung seines Vaters. Tierfutter. Ein solider, aber wenig glanzvoller Markt. Doch Windmüller hatte ein bemerkenswertes Gespür für technische Gelegenheiten. Als ein benachbarter Lampenhersteller pleiteging, kaufte er geschickt dessen Maschinen auf. So vollzog er den gewaltigen Sprung von Hafer und Heu zu Ballhupen und Kutschenlampen. Das nenne ich wahre Innovationskraft.

    1908 brachte er eine Karbidlampe auf den Markt und nannte sie Hella. Warum Hella? Es war eine liebevolle Hommage an seine Frau Helene, gepaart mit einem brillanten Wortspiel auf das deutsche Wort heller. Seine Frau leuchtete ihm buchstäblich den Weg.

    Windmüller verließ das Unternehmen bereits 1921, und bald darauf übernahm die Fabrikantenfamilie Hueck die Kontrolle. Was folgte, war ein dunkles Kapitel der Industrie. Während des Zweiten Weltkriegs zwang das Unternehmen über 330 jüdische Frauen aus einem Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald direkt auf diesem Gelände zur Rüstungsproduktion. Es ist eine grauenhafte Realität, dass ein von einem Juden gegründetes Unternehmen von diesem Regime missbraucht wurde. Doch hier zeigt sich die schiere Ausdauer dieser Geschichte. Das Regime fiel, aber der Name von Sally Windmüllers geliebter Frau blieb weltweit erhalten. Dieses greifbare, verborgene jüdische Erbe überdauerte den Hass und strahlt heute an Millionen von Fahrzeugen weltweit.

    Nach dem Krieg durfte das Unternehmen schnell wieder öffnen. Die durch Demontage verursachten Schäden betrugen winzige 8616 Mark, was heute etwa 33.000 Euro entspricht. Das ist heute kaum noch der Preis für einen gut ausgestatteten Kompaktwagen. Aus diesen bescheidenen Nachkriegsanfängen heraus meisterte Hella brillante technische Lösungen. Sie erfanden das asymmetrische Abblendlicht, brachten Xenonscheinwerfer auf die Straßen und entwickelten modernste LEDs. Heute können bis zu 30.000 einzelne Pixel in einem einzigen Scheinwerfer intelligent angesteuert werden. Im Jahr 2021 gipfelte dieser Erfolg, als die Anteile für atemberaubende 3,4 Milliarden Euro an den französischen Konzern Faurecia verkauft wurden.

    Windmüller hat hier im Grunde einen kleinen wirtschaftlichen Samen gepflanzt, der sämtliche historischen Stürme überstand. Apropos Samen... wir haben noch einen allerletzten Halt auf unserer Tour. Machen Sie sich nun auf einen zehnminütigen Spaziergang zur Deutschen Saatveredelung gefasst. Dort zeige ich Ihnen, wie die klugen Köpfe von Lippstadt die buchstäblichen Samen der Zukunft säen.

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  7. Wir sind an unserer letzten Station angekommen. Vor zehn Minuten standen wir noch vor den Werkstoren von Hella und haben über Autoscheinwerfer gesprochen. Jetzt stehen wir vor der…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Wir sind an unserer letzten Station angekommen. Vor zehn Minuten standen wir noch vor den Werkstoren von Hella und haben über Autoscheinwerfer gesprochen. Jetzt stehen wir vor der Deutschen Saatveredelung AG, kurz DSV. Ich weiß, was Sie denken. Von hochmodernen Autoteilen zu einem Haufen winziger, unscheinbarer Körner. Aber lassen Sie sich nicht täuschen. Was hier passiert, ist feinstes Bio-Engineering.

    Die Geschichte dieses Unternehmens beginnt nicht einmal hier in Westfalen. Die DSV wurde 1923 in Landsberg an der Warthe gegründet, dem heutigen Gorzów Wielkopolski in Polen. Es war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die Menschen hungerten, und das Ziel war simpel, nämlich den Landwirten besseres Saatgut zu geben, um die Lebensmittelversorgung zu sichern. Nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs musste das Unternehmen fliehen und fand schließlich hier in Lippstadt eine neue Heimat.

    Das passt perfekt zu dieser Stadt, finden Sie nicht auch? Schauen wir uns an, was diese Firma eigentlich macht. Nehmen wir die Weizensorte Akteur, einen sogenannten Elitequalitätsweizen. Klingt nach einem Weizen, der einen Maßanzug trägt. Aber im Ernst, dieser Weizen vereint extreme Winterhärte, Trockentoleranz und hervorragende Backqualität. Im Jahr 2009 hatte er einen riesigen Marktanteil von 73 Prozent in seinem Segment.

    Aber so ein Erfolg passiert nicht über Nacht. Von der ersten Kreuzung bis zur offiziellen Zulassung vergingen bis zu fünfzehn Jahre. Fünfzehn Jahre, in denen Tausende von winzigen Pflanzen über mehrere Generationen hinweg sorgfältig ausgelesen wurden. Das ist der absolute Höhepunkt der hiesigen Innovationskraft. Kein schnelles Geld, sondern Geduld, Präzision und der feste Glaube an die Zukunft. Genauso faszinierend ist der sogenannte Milk Index für Futtergräser. Dabei geht es nicht um die reine Masse des Grases, sondern um die Verdaulichkeit. Die Pflanzen haben weniger Lignin, also weniger von dem unverdaulichen, holzigen Material in den Zellwänden. Die Kühe verdauen das Futter besser und geben direkt mehr Milch. Ein brillanter Ansatz der Problemlösung. Kein Wunder, dass die DSV fast 17 Prozent ihres Umsatzes direkt wieder in die Forschung steckt.

    Natürlich gab es auch immense Rückschläge. Im Jahr 2007 behauptete eine Umweltorganisation, im Rapssaatgut der DSV Spuren von genmanipulierten Samen gefunden zu haben. Für ein traditionelles Unternehmen, dessen Ruf auf absoluter Reinheit basiert, war das ein Albtraum. Selbst der kleinste Verdacht auf Verunreinigung kann zu weitreichenden Verkaufsstopps und der Vernichtung ganzer Ernten führen. Die DSV wehrte sich vehement und veranlasste umgehend aufwendige Gegenprüfungen, um die Situation zu klären und das Vertrauen der Landwirte zu bewahren.

    Auch global gab es dramatische Momente. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine im Jahr 2022 traf das Unternehmen hart, da die DSV eine eigene Tochtergesellschaft in Kiew betreibt. Neben der tiefen Sorge um die Mitarbeiter mussten plötzlich globale Lieferketten für Saatgut unter extremen Kriegsbedingungen neu organisiert werden.

    Wir sind nun am Ende unserer Tour durch Lippstadt angekommen. Wenn wir an unsere vorherigen Stationen denken, wie die alte Synagoge und das verborgene jüdische Erbe der Stadt, erkennen wir ein klares Muster. Eine Gemeinschaft ist wie ein komplexes Wurzelsystem. Es sind die vielfältigen Wurzeln, die historischen und die kulturellen, die eine Stadt stark machen. Lippstadt hat Zerstörung und Krisen überstanden. Und doch stehen wir heute in einer modernen, pulsierenden Stadt. Die Samen der Geschichte, die hier über Jahrhunderte gepflanzt wurden, haben tiefe Wurzeln geschlagen. Danke, dass Sie mich auf diesem Spaziergang begleitet haben. Passen Sie auf sich auf.

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starstarstarstarstar
Das war eine solide Art, Brighton kennenzulernen, ohne sich wie ein Tourist zu fühlen. Die Erzählung hatte Tiefe und Kontext, übertrieb es aber nicht.
Christoph
Christoph
Brighton-Tour
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Habe diese Tour mit einem Croissant in der einen Hand und null Erwartungen gestartet. Die App schwingt einfach mit einem mit, kein Druck, nur man selbst, Kopfhörer und ein paar coole Geschichten.
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