Zu Ihrer Rechten sehen Sie einen weitläufigen funktionalen Industriekomplex mit einer markanten Glasfassade und Metallstrukturen, der unübersehbar von dem großen blauen Hella Schriftzug gekrönt wird. Wir sind ein gutes Stück gelaufen seit dem Metzgeramt, aber dieser gewaltige Campus ist jeden Schritt wert. Das hier ist nicht einfach nur eine Fabrik. Es ist ein globaler Gigant der Automobilbeleuchtung. Und die Geschichte dahinter... nun, sie beginnt nicht mit Autos.
Im Jahr 1899 übernahm ein jüdischer Kaufmann namens Sally Windmüller die Futtermittelhandlung seines Vaters. Tierfutter. Ein solider, aber wenig glanzvoller Markt. Doch Windmüller hatte ein bemerkenswertes Gespür für technische Gelegenheiten. Als ein benachbarter Lampenhersteller pleiteging, kaufte er geschickt dessen Maschinen auf. So vollzog er den gewaltigen Sprung von Hafer und Heu zu Ballhupen und Kutschenlampen. Das nenne ich wahre Innovationskraft.
1908 brachte er eine Karbidlampe auf den Markt und nannte sie Hella. Warum Hella? Es war eine liebevolle Hommage an seine Frau Helene, gepaart mit einem brillanten Wortspiel auf das deutsche Wort heller. Seine Frau leuchtete ihm buchstäblich den Weg.
Windmüller verließ das Unternehmen bereits 1921, und bald darauf übernahm die Fabrikantenfamilie Hueck die Kontrolle. Was folgte, war ein dunkles Kapitel der Industrie. Während des Zweiten Weltkriegs zwang das Unternehmen über 330 jüdische Frauen aus einem Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald direkt auf diesem Gelände zur Rüstungsproduktion. Es ist eine grauenhafte Realität, dass ein von einem Juden gegründetes Unternehmen von diesem Regime missbraucht wurde. Doch hier zeigt sich die schiere Ausdauer dieser Geschichte. Das Regime fiel, aber der Name von Sally Windmüllers geliebter Frau blieb weltweit erhalten. Dieses greifbare, verborgene jüdische Erbe überdauerte den Hass und strahlt heute an Millionen von Fahrzeugen weltweit.
Nach dem Krieg durfte das Unternehmen schnell wieder öffnen. Die durch Demontage verursachten Schäden betrugen winzige 8616 Mark, was heute etwa 33.000 Euro entspricht. Das ist heute kaum noch der Preis für einen gut ausgestatteten Kompaktwagen. Aus diesen bescheidenen Nachkriegsanfängen heraus meisterte Hella brillante technische Lösungen. Sie erfanden das asymmetrische Abblendlicht, brachten Xenonscheinwerfer auf die Straßen und entwickelten modernste LEDs. Heute können bis zu 30.000 einzelne Pixel in einem einzigen Scheinwerfer intelligent angesteuert werden. Im Jahr 2021 gipfelte dieser Erfolg, als die Anteile für atemberaubende 3,4 Milliarden Euro an den französischen Konzern Faurecia verkauft wurden.
Windmüller hat hier im Grunde einen kleinen wirtschaftlichen Samen gepflanzt, der sämtliche historischen Stürme überstand. Apropos Samen... wir haben noch einen allerletzten Halt auf unserer Tour. Machen Sie sich nun auf einen zehnminütigen Spaziergang zur Deutschen Saatveredelung gefasst. Dort zeige ich Ihnen, wie die klugen Köpfe von Lippstadt die buchstäblichen Samen der Zukunft säen.



