Schauen Sie auf das markante, kreisrunde Wappensiegel vor Ihnen, das mit seiner historischen Beschriftung und den detailreichen Einprägungen von Sankt Lukas samt Beil und Ochsen die Identität dieses Ortes unverrückbar markiert. Nach der imposanten Großen Marienkirche, die wir gerade gesehen haben, stehen Sie nun vor dem historischen Metzgeramtshaus.
Im Jahr 1656 fegte ein verheerender Flächenbrand, der Große Stadtbrand, durch Lippstadt und legte einen Großteil der Innenstadt sowie das erste Hauptquartier der Metzger in Schutt und Asche. Doch die Bürger gaben nicht auf, sondern bauten das Gebäude genau hier wieder auf. Das beweist einmal mehr den unbändigen Willen dieser Stadt, nach Rückschlägen einfach weiterzumachen.
Das Metzgeramt ist eine mittelalterliche Zunft, also ein streng organisierter Handwerkerverband, der seine Blutslinie ununterbrochen bis in das Jahr 1574 zurückverfolgen kann. Damals wurde ihre älteste Satzung, die sogenannte Nottuln, verfasst. Ironischerweise überstand dieses Dokument jahrhundertelang Brände und Belagerungen, nur um dann in den chaotischen letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs 1945 gestohlen zu werden. Seitdem fehlt von der Originalschrift jede Spur.
Was mich an dieser Gruppe am meisten fasziniert, ist nicht nur ihre Ausdauer, sondern ihre schlaue Problemlösung. Als die französischen Besatzungsbehörden 1810 die Auflösung aller Zünfte und die Zwangsversteigerung ihrer Immobilien anordneten, inszenierten die Metzger ein brillantes bürokratisches Theaterstück. Bei der Auktion trat ein Amtsbruder namens Franz Brülle als Höchstbietender auf. Er musste jedoch nie bezahlen. Rein zufällig tauchten Papiere auf, die belegten, dass das Amt bei Brülle Schulden in exakt der Höhe des Kaufpreises hatte. Um danach keinen Verdacht zu erregen, benannten sie sich einfach in eine städtische Feuerwehr um. Ein absolut cleverer Schachzug.
Trotz all dieser überstandenen Krisen wäre das Gebäude vor Kurzem beinahe eingestürzt. Der Grund war ein fataler moderner Architekturfehler. In den 1980er Jahren ersetzten gut meinende Restauratoren schadhaftes Holz durch Epoxidharz, das damals als absolutes Wundermittel galt. Unter dieser Kunststoffversiegelung verrotteten die tragenden Balken jedoch in rasendem Tempo. Erst 2014 konnte das historische Bauwerk durch eine massive Notrenovierung gerettet werden, was verhinderte, dass der jahrhundertealte Hauptsitz in sich zusammenfiel.
Das Haus dient noch heute als Treffpunkt der Nachfahren dieser findigen Metzger. Falls Sie einen Blick hineinwerfen möchten, das Gebäude ist von Dienstag bis Freitag zwischen acht und achtzehn Uhr sowie am Samstagvormittag geöffnet, sonntags und montags bleibt es geschlossen.
Unser nächstes Ziel führt uns nun zu den Wurzeln eines modernen Industriegiganten, wofür wir einen kleinen Fußmarsch vor uns haben. Die Firma Hella ist etwa achtzehn Minuten von hier entfernt.



