Die Große Marienkirche zu Ihrer Linken erkennen Sie sofort an ihrer glatten, weiß verputzten Fassade, dem massiven, rechteckigen Hauptturm und der unverwechselbaren, dunkelgrauen barocken Zwiebelhaube, also der bauchigen Turmspitze.
Das hier ist nicht nur ein Bauwerk, es ist der historische Schauplatz einer absoluten Revolution. Im Jahr 1523 kehrte ein katholischer Mönch namens Johannes Westermann nach Lippstadt zurück. Er hatte direkt bei Martin Luther in Wittenberg studiert und brachte theologische Ideen mit, die purer Zündstoff waren. Seine Predigten waren ein derartiger Erfolg, dass die kleinere Nachbarkirche aus allen Nähten platzte und er hierher, in die weitaus geräumigere Große Marienkirche, umziehen musste, um die gewaltigen Menschenmassen unterzubringen.
Westermanns Lehren wurden bald darauf als Lippstädter Katechismus gedruckt, ein grundlegendes Lehrbuch für den christlichen Glauben und zugleich das allererste evangelische Buch in ganz Westfalen. Die Bürger dieser Stadt nahmen ihre neue Konfession so ernst, dass sie sich Jahre später offen dem mächtigen Herzog von Kleve widersetzten. Sie wagten einen regelrechten Aufstand, um ihren lutherischen Pfarrer zu behalten.
Dieser eiserne Wille der Lippstädter, ihre Gemeinschaft auch in den dunkelsten Zeiten zu verteidigen, zeigt sich nirgendwo lauter als hoch oben im Turm. Wir schreiben das Jahr 1640, mitten im grausamen Dreißigjährigen Krieg. Bronze war extrem selten. Überall in Europa wurden Kirchenglocken massenhaft aus den Türmen gerissen und eingeschmolzen, um daraus tödliche Kanonen zu gießen. Doch was machten die Lippstädter? Sie kratzten unter enormen finanziellen Opfern ihr letztes Geld zusammen und beauftragten zwei Wandergießer, zwei gewaltige neue Bronzeglocken für diese Kirche zu schaffen. Anstatt der Zerstörung nachzugeben, gossen sie sich ein dauerhaftes, klingendes Symbol ihres Zusammenhalts.
Dieser unermüdliche Drang zum Erhalt prägt dieses Bauwerk bis in die Gegenwart. Bei einer umfassenden Sanierung in den 1970er Jahren passierte ein furchtbares Missgeschick, und das historische bunte Glasfenster aus dem neunzehnten Jahrhundert ging in weiten Teilen zu Bruch. Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis diese künstlerische Wunde heilte. Die Gemeinde beauftragte einen renommierten zeitgenössischen Künstler, ein neues Fenster zu entwerfen. Mit meisterhaftem handwerklichem Geschick nahm er die wenigen geretteten Glasscherben des alten Werks und verschmolz sie nahtlos mit einem modernen, abstrakten Design.
Wahre Beständigkeit bedeutet eben nicht, dass niemals etwas zerbricht, sondern dass man fähig ist, aus den Fragmenten etwas Neues zu erschaffen. Falls Sie die faszinierende Architektur im Inneren erkunden möchten, die Kirche öffnet ihre Türen fast jeden Tag von 10 Uhr bis halb sechs am Abend und sonntags ab zwölf Uhr. Wir machen uns nun auf den Weg zur historischen Heimat einer einst sehr mächtigen Handwerkervereinigung. Schlendern Sie weiter zum Lippstädter Fleischeramt, das nur einen kurzen, zweiminütigen Spaziergang entfernt liegt.



