
Vor Ihnen erhebt sich die verputzte Fassade der Jacobikirche, geprägt von einem massiven quadratischen Westturm mit steinernen Eckkanten, der von einer markanten glockenförmigen Haube gekrönt wird. Lippstadt ist ein Ort, der seine Monumente nicht einfach kampflos aufgibt. Dieses Gebäude hat einen unerbittlichen Zyklus von Zerstörung und Wiederaufbau durchlebt und wirklich alles überstanden, von brutaler militärischer Besatzung bis hin zum völligen baulichen Verfall. Jedes Mal, wenn das Ende unvermeidlich schien, traten die Bürger vor und bauten es wieder auf. Doch das vielleicht faszinierendste Detail dieser Architektur ist ein Rätsel tief im Inneren. Mitten im Kirchenraum befindet sich ein extrem tiefer Brunnen. Warum baut man einen Wasserzugang direkt in eine gotische Hallenkirche, also in einen weiten, dreischiffigen Raum ohne abtrennendes Querschiff? Die Antwort ist so praktisch wie unheimlich. Die Kirche ist nach Jakobus dem Älteren benannt, der passenderweise der Schutzpatron der Brunnenbauer ist. Aber dieser massive Wehrturm vor uns erzählt die eigentliche Geschichte. Im dreizehnten Jahrhundert war er nicht nur als Ort für Glocken konzipiert. Mit seinen extrem dicken Mauern war er in unruhigen Zeiten ein sicherer Fluchtpunkt und Aussichtsturm für die Bürger. Ein eigener Brunnen im Inneren bedeutete ganz einfach, dass man eine lange Belagerung überstehen konnte, ohne zu verdursten. Bis heute beflügeln diese gewaltigen Mauern die Fantasie. Es hält sich hartnäckig die Legende, dass dort noch unentdeckte Schätze verborgen sind. Ich rate Ihnen dennoch davon ab, jetzt mit einem Hammer nachzusehen. Die Festungsidee war baulich brillant, konnte aber Katastrophen nicht immer abwenden. Während des Dreißigjährigen und später des Siebenjährigen Krieges beschlagnahmten feindliche Truppen das Gotteshaus. Sie brauchten keinen Ort für feierliche Gebete, sie brauchten ein profanes Lagerhaus. Unter anderem lagerten sie hier unzählige Fässer mit Schießpulver. Sie ahnen vermutlich, wie diese Geschichte ausgeht. Ein Pulverfass explodierte mit verheerender Wucht, riss große Teile des Daches in Stücke und ließ das schwere steinerne Gewölbe krachend einstürzen.

Die Reparaturmaßnahme der Gemeinde nach dieser Explosion im achtzehnten Jahrhundert war reiner Pragmatismus. Da das Geld knapp war, flickte man die zerstörten Lücken teilweise einfach mit Fachwerk. Eine sehr günstige, aber erstaunlich kluge architektonische Lösung, die noch heute von der damaligen Not zeugt und das Gebäude vor dem endgültigen Ruin bewahrte. Im frühen neunzehnten Jahrhundert stand die Kirche dann tatsächlich kurz vor ihrer endgültigen Vernichtung. Die Behörden erklärten das stark baufällige Gebäude für nutzlos, und der Abriss war bereits beschlossene Sache. Doch die Bürger von Lippstadt weigerten sich schlichtweg. Sie organisierten einen erbitterten Widerstand gegen die Obrigkeit, bis die Regierung 1836 schließlich nachgab und die dringend benötigte Sanierung erzwang. Dieser eiserne Wille setzte sich bis ins Jahr 2004 fort. Als das Gebäude wegen massiver Feuchtigkeitsschäden geschlossen werden sollte, kämpfte die Gemeinde erneut und verwandelte die Kirche in ein modernes Veranstaltungszentrum. Heute hängen im Turm fünfunddreißig Bronzeglocken aus dem Jahr 1985, die viermal täglich über die Altstadt erklingen. Von antiken Überlebensstrategien zu modernen Fundamenten, hier zeigt sich wahrer baulicher Erfindergeist. Unser nächster Halt, die Sparkasse Lippstadt, ist nur einen kurzen, zweiminütigen Spaziergang entfernt.



