Auf der rechten Seite sehen Sie die Kleine Marienkirche, eine beeindruckende Struktur aus massiven grauen Steinmauern, deren leere, spitzbogige Fensteröffnungen in den Himmel ragen und die heute völlig ohne Dach auskommt.
Dieses Gelände verdanken wir dem Edelherrn Bernhard dem Zweiten zur Lippe, der um 1185 sowohl diese Stadt am Reißbrett entwarf als auch das hiesige Kloster stiftete. Er übergab für den Bau angeblich genau das Grundstück, auf dem sein eigenes Elternhaus gestanden hatte.
Ursprünglich war dies die Heimat von Augustinerinnen. Diese Nonnen lebten nach unerbittlich strengen Regeln, die den völligen Verzicht auf persönlichen Besitz und einen festen, täglichen Rhythmus ständiger Gebete vorschrieben. Es war ein Leben der absoluten Hingabe und Disziplin, streng abgeschirmt von der Außenwelt.
Obwohl das Projekt als hochheilige Mission begann, lief der Bau eher schleppend. Das Geld fehlte permanent. Es dauerte stolze hundertfünfzig Jahre und verbrauchte sechs verschiedene Baumeister, bis der gotische Hallenbau endlich vollendet war.
Ihren Namen Kleine Marienkirche erhielt sie kurioserweise nur aus einem einzigen Grund. Während ihrer endlosen Bauzeit war die benachbarte Große Marienkirche schlichtweg schon längst fertiggestellt worden.
Diese stillen Ruinen sind ein weiteres Zeugnis für die ständige Neuerfindung dieser Stadt. Ein gewaltiges Unwetter beschädigte das Gebäude im Jahr 1819 massiv. Doch der endgültige Todesstoß für die Nutzung als Gotteshaus war weitaus profaner.
Der damalige Amtsarzt stellte fest, dass ständige Überschwemmungen des Kircheninneren auch die dortigen Gräber unter Wasser gesetzt hatten. Das führte zu einem derart pestilenzartigen Gestank, dass man ihn keinem anständigen Christenmenschen mehr zumuten konnte. Die Gemeinde gab auf und zog 1820 endgültig aus.
Wegen massiver Einsturzgefahr wurden Dächer und Gewölbe abgetragen, und der komplette Abriss war eigentlich beschlossene Sache. Doch 1855 schritt König Friedrich Wilhelm der Vierte von Preußen ein. Der Monarch, der als Romantiker auf dem Thron galt, verweigerte schlicht die Abrissgenehmigung. Er ordnete stattdessen an, die Kirche in genau diesem verfallenen Zustand als malerische Kulisse für die Nachwelt zu erhalten.
Im zwanzigsten Jahrhundert erlebte der Ort dann eine völlig unerwartete Renaissance. Orchester nutzten die besondere Akustik der dachlosen Mauern für Freiluftkonzerte. Zeitzeugen berichten, dass Nachbarskinder die Ruine als Abenteuerspielplatz nutzten und furchtlos an den mittelalterlichen Wänden hochkletterten. Als dann jedoch massive Steine herabfielen, war es mit der Unbeschwertheit vorbei und das Innere wurde gesperrt. Ein Gutachter schlug 1964 sogar vor, ein modernes Dach über die Ruine zu bauen, was die Denkmalschützer aber strikt ablehnten. Der romantische Ruinencharakter durfte auf keinen Fall angetastet werden.
Heute stehen diese Mauern als stilles, nacktes Skelett und erzählen von Jahrhunderten des Überlebens und des Wandels. Wir machen uns nun auf den Weg zu einem Ort, der von einer viel jüngeren und ungleich tragischeren Zerstörung zeugt, denn die ehemalige Synagoge ist nur etwa zwei Gehminuten von hier entfernt. Falls Sie das Gelände hier später noch genauer inspizieren wollen, die Anlage ist übrigens jeden Tag von halb acht morgens bis halb sieben abends geöffnet.



