Vor Ihnen steht ein schlichter, rechteckiger Bau mit grauer Putzfassade, der an seiner fensterlosen Seitenwand unübersehbar das große, weiße Wandbild eines siebenarmigen Leuchters trägt. Diese Überreste verbergen eine tief reichende kulturelle Geschichte, die weit über Lippstadt hinausreicht. Hier sang einst die Mutter von Erich Mendel im Synagogenchor, was ihn so prägte, dass er später in den USA eine der weltweit größten Sammlungen jüdischer Musik aufbaute. Auch die Straße ehrt mit David Gans einen brillanten Verstand aus Lippstadt, der als erster deutsch-jüdischer Wissenschaftler mit Größen wie Johannes Kepler korrespondierte. Es ist ein Erbe, das oft übersehen wird, aber das intellektuelle Fundament dieser Stadt massiv gestärkt hat.
Doch diese blühende Gemeinschaft wurde in der Nacht vom neunten auf den zehnten November 1938 brutal ausgelöscht, als die Synagoge während der Novemberpogrome von den Nationalsozialisten geplündert und in Brand gesteckt wurde. Die örtliche Feuerwehr stand lediglich daneben und schützte ausschließlich die Nachbargebäude, während das Gotteshaus bis auf die Grundmauern niederbrannte.
Was nach dem Krieg folgte, war architektonische und historische Amnesie par excellence. Das ehemals prächtige Gebäude mit seinen markanten Treppengiebeln wurde entstellt, diente Nachbarn zeitweise als Hühnerstall und später als profaner Lagerraum, der komplett von einem neu gebauten Wohnhaus vor der Tür verdeckt wurde. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Doch der Wille, die Erinnerung an diese Gemeinschaft am Leben zu erhalten, ließ sich nicht einfach zubetonieren. Im Garten überstand ein unscheinbares Nebengebäude die Zerstörung. Als man es vor einigen Jahren ausräumte, fand man auf alten Holztüren kritzelige Schülerschriften in Sütterlin... einer altdeutschen Schreibschrift, die heute kaum noch jemand lesen kann. Ein winziger Satz stach heraus: Grünebergs sind verrückt. Ein banaler, kindlicher Streich, der sich auf eine hiesige jüdische Familie bezog.
Die israelische Künstlerin Michal Fuchs formte genau diesen Satz in leuchtendes Neon um. Und als man bei Bauarbeiten an der Ostwand zufällig die Nische des ehemaligen Thora-Schreins... also den heiligen Schrank, in dem die handgeschriebenen Schriftrollen der Gemeinde aufbewahrt wurden... entdeckte, platzierte man die Leuchtschrift präzise dort. Ein alltäglicher Kinderstreich wurde durch geschicktes Design zu einem fast sakralen Denkmal für die Menschen erhoben, die hier lebten.
Heute ist dieser Ort, an dem 2010 auch das große Wandbild der Menorah an der Fassade ergänzt wurde, wieder ein lebendiges Kulturzentrum. Engagierte Bürger haben die Ruine gerettet und in Abstimmung mit der jüdischen Gemeinde in Paderborn einen Raum geschaffen, der Respekt und Erneuerung atmet. Die Mauern fielen, aber die Geschichte blieb. Wenn wir nun weitergehen, richten wir unseren Blick auf jene Orte, an denen die materielle Erinnerung dieser Stadt sicher aufbewahrt wird. Unser nächster Halt, das Stadtmuseum Lippstadt, ist nur einen gemütlichen dreiminütigen Spaziergang entfernt.



