Kiel Audio-Tour: Echos, Imperien und Rätsel der Altstadt
Die Geheimnisse einer Stadt verweilen in ihren Schatten und Steinen – wo einst eine Festung Eindringlingen trotzte und Bankendynastien Vermögen mit Ehrgeiz und Risiko machten. Jede Ecke der Altstadt birgt Geschichten, die es nie in die Reiseführer schaffen. Entdecken Sie das Herz Kiels auf einer selbstgeführten Audio-Tour, die enthüllt, was die meisten Augen übersehen. Hören Sie lokale Legenden und verborgene Wahrheiten, die sich durch prächtige Säle und stille Ruinen ziehen. Welche explosive Katastrophe ließ die Mauern von St. Nikolai erzittern und die Stadt für immer verändern? Warum brach ein Skandal in der Hamburg Commercial Bank aus, der den Lauf der lokalen Geschicke veränderte? Welches kuriose Relikt liegt hinter verschlossenen Türen im Kieler Schloss und wartet auf den richtigen Besucher? Verfolgen Sie Revolution, Intrigen und Wiedergeburt mit jedem Schritt. Bewegen Sie sich durch Räume, die von Machtkämpfen und alltäglichem Mut geprägt sind. Die Stadt verwandelt sich von einer Kulisse in ein lebendiges, atmendes Drama, während jedes Wahrzeichen zum Leben erwacht. Wagen Sie es, über die Oberfläche hinauszublicken – Ihre Reise in Kiels Vergangenheit beginnt jetzt.
Tourvorschau
Über diese Tour
- scheduleDauer 40–60 minsEigenes Tempo
- straighten2.6 km FußwegDem geführten Pfad folgen
- location_onStandortKiel, Deutschland
- wifi_offFunktioniert offlineEinmal herunterladen, überall nutzen
- all_inclusiveLebenslanger ZugriffJederzeit wiederholen, für immer
- location_onStartet bei Schwedenkai
Stopps auf dieser Tour
Vor dir ragt der Schwedenkai auf, ein markantes Gebäude mit einer schräg nach vorne geneigten Glasfassade und Stahlstruktur, die absichtlich wie der gewaltige Bug eines modernen…Mehr lesenWeniger anzeigen
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SchwedenkaiPhoto: User:Matthias Süßen, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Cropped & resized. Vor dir ragt der Schwedenkai auf, ein markantes Gebäude mit einer schräg nach vorne geneigten Glasfassade und Stahlstruktur, die absichtlich wie der gewaltige Bug eines modernen Schiffes geformt ist. Dieser Hafen ist der eigentliche Ursprung von allem hier, der Ort, an dem Kiels Aufstieg zu Reichtum und seine tiefsten historischen Abstürze begannen.
Genau diese schiffsähnliche Architektur, die du hier siehst, steht für Kiels ständigen Drang, sich neu zu erfinden. Was wir heute bewundern, ist nicht der erste Anleger an dieser Stelle. Schau dir kurz das Vorher-Nachher-Bild in der App an. Das bescheidene Terminal aus dem Jahr 1982 wurde komplett abgerissen und durch diesen spektakulären, dreißig Millionen Euro teuren Komplex ersetzt, der 2010 eröffnet wurde, um mit dem rasanten Wachstum auf der Ostsee Schritt zu halten.
Aber die Ambitionen der Stadt enden nicht an der Kaimauer. Kiel pusht die Grenzen der Seefahrt immer weiter. Ein perfektes Beispiel dafür ist die Stena Germanica, die hier anlegt. Im Jahr 2015 schrieb dieses Schiff echte internationale Geschichte. Um die strengen neuen Umweltregeln auf Nord- und Ostsee zu erfüllen, wurde die riesige RoPax-Fähre, also ein Schiff, das sowohl rollende Fracht als auch Passagiere transportiert, für zweiundzwanzig Millionen Euro umgebaut. Sie kehrte als das weltweit erste große Fährschiff mit Methanolantrieb genau an diesen Kai zurück. Methanol verbrennt extrem sauber, wodurch die gefährlichen Schwefelemissionen um unglaubliche neunundneunzig Prozent gesenkt wurden. Um diesen Meilenstein zu feiern, bekam der Rumpf des Schiffes leuchtend grüne Wellen aufgemalt. Du kannst dir dieses markante Design auf dem Foto in deiner App ansehen. Das war eine logistische Meisterleistung, denn der Hafen musste völlig neue Sicherheitsprotokolle für das Tanken dieses hochentzündlichen Alkohols direkt hier am Terminal entwickeln, aber das Kieler Team hat dieses Risiko erfolgreich gemeistert.

The Stena Germanica ferry, seen here after its 2015 conversion, was the world's first large ferry to run on methanol, a significant environmental milestone for which it received distinctive green waves on its hull.Photo: Ein Dahmer, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Cropped & resized. Dieses Gebäude ist jedoch mehr als nur ein Wunderwerk der Logistik. Im Herbst 2015, als immer mehr europäische Grenzen kontrolliert wurden, verwandelte sich genau dieses gläserne Terminal spontan in einen echten Zufluchtsort. Hunderte Menschen auf der Flucht kamen täglich am nahen Bahnhof an und liefen direkt hierher, um die sichere Fährroute nach Skandinavien zu nehmen. Kieler Bürger bauten im Inneren rasend schnell Infostände, warme Essensausgaben und sogar eine medizinische Grundversorgung auf. Es ist beeindruckend, wie ein Ort, der für kommerzielle Effizienz entworfen wurde, über Nacht zum Zentrum gelebter Solidarität werden konnte.
Dieser Kai setzt den perfekten Ton für eine Stadt, die immer mutig nach vorne blickt und sich niemals mit dem Stillstand abfindet. Lass uns nun dem Wasser den Rücken kehren und uns auf das geschäftige kommerzielle Herz der Stadt zubewegen. Unser nächstes Ziel, das Seilbahn-Kaufhaus Weipert, ist nur zwei Minuten zu Fuß von hier entfernt.
Vor dir siehst du den massiven, blockartigen Betonbau mit seinen markanten, gleichmäßigen Fensterreihen, der sich direkt an der steinernen Uferkante des Bootshafens erhebt. Es…Mehr lesenWeniger anzeigen
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Cable car department store WeipertPhoto: Kowa, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. Cropped & resized. Vor dir siehst du den massiven, blockartigen Betonbau mit seinen markanten, gleichmäßigen Fensterreihen, der sich direkt an der steinernen Uferkante des Bootshafens erhebt. Es klingt wie aus einem verrückten Traum, aber genau hier schwebte einst Schleswig-Holsteins einzige Passagierseilbahn mitten über die Stadt. Die Idee stammte nicht etwa von hochbezahlten Stadtplanern. Nein, ein siebenundsechzigjähriger Rentner und Amateur namens Fritz Schwarplies reichte 1971 bei einem Wettbewerb eine simple Skizze ein. Seine verrückte Vision gewann und wurde tatsächlich gebaut, weil der damalige Kaufhauschef Franz Weipert Junior das Einkaufen zu einem echten Erlebnis machen wollte.
Richte deinen Blick einmal ganz nach oben zum Dach des Parkhauses. Kannst du dir die riesige, eigenartige Blume aus Metall vorstellen, die dort oben thronte und als gigantischer Ankerpunkt für die Seilbahnstation diente? Ab März 1974 schwebten hier zwei leuchtend gelbe Gondeln in achtzehn Metern Höhe über den Abgrund des Wasserbeckens hinweg. Schau dir auf deinem Bildschirm einmal an, wie majestätisch die Gondeln bei einer Probefahrt über das Wasser glitten. Die Kabinen trugen die Namen Kiel und München, wobei München den Traum von der großen geschäftlichen Expansion des Unternehmens symbolisierte. Siebzig Sekunden dauerte die kostenlose Fahrt, die den Kunden den lästigen Weg über die vielbefahrenen Straßen ersparte.

Both "Kiel" and "München" gondolas gracefully traverse the 18-meter height above the Bootshafen during a trial run in March 1974, connecting the two buildings.Photo: Magnussen, Friedrich (1914-1987), Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de. Cropped & resized. Doch das strahlende Image dieses Konsumtempels verbirgt eine viel dunklere Geschichte. Das ursprüngliche Textilhaus an genau diesem Standort hieß Texta und wurde 1930 gegründet. Es fiel der sogenannten Arisierung zum Opfer, der systematischen Enteignung jüdischer Eigentümer durch die Nationalsozialisten, was 1938 zur erzwungenen Schließung des ursprünglichen Betriebs führte. Franz Weipert Senior übernahm das geraubte Geschäft, und aus diesem dunklen Fundament entstand nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg jenes Unternehmen, das sich mit der Seilbahn ein modernes Antlitz geben wollte.
Am Ende holte die wirtschaftliche Realität die kühnen Träume ein. Die Seilbahn überlebte zwar noch den Konkurs des Kaufhauses im Jahr 1983, doch die laufenden Wartungskosten brachen ihr das Genick. Als 1989 ein neues Tragseil für 30.000 D-Mark erforderlich wurde, war niemand mehr bereit, diese Summe zu investieren. Wirf einen Blick auf dein Telefon, um die schweren, von Schweizer Ingenieuren gebauten Antriebsräder der Anlage zu bestaunen. Die Gondel München landete nach dem Abbau auf einem Schulhof, wo sie jahrelang Wind und Wetter ausgesetzt war, bis das verwitterte Kuriosum 2007 völlig klanglos verschwand.

A close-up of the powerful drive wheels for the cable car, which were engineered by the renowned Swiss company Willy Habegger and supplied by Von Roll.Photo: Magnussen, Friedrich (1914-1987), Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de. Cropped & resized. Lassen wir diese verblassten Visionen und die unsichtbare Metallblume nun hinter uns und machen uns auf den Weg zur ältesten Straße der Stadt. In etwa vier Gehminuten erreichen wir die Holstenstraße. Falls du das heutige Gebäude noch betreten möchtest, es hat von Montag bis Donnerstag sowie sonntags von zehn bis einundzwanzig Uhr geöffnet, freitags und samstags bis zweiundzwanzig Uhr.
Vor dir siehst du den Aufgang zur überdachten Fußgängerbrücke, der sich durch eine markante Kombination aus einer gläsernen Überdachung der Rolltreppen, grauen Betonstufen und…Mehr lesenWeniger anzeigen
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HolstenstraßePhoto: Arne List, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. Cropped & resized. Vor dir siehst du den Aufgang zur überdachten Fußgängerbrücke, der sich durch eine markante Kombination aus einer gläsernen Überdachung der Rolltreppen, grauen Betonstufen und einem dunklen, turmartigen Aufzugsschacht in der Mitte auszeichnet. Willkommen in der Holstenstraße, einer der ältesten Straßen in ganz Kiel.
Schon seit dem Jahr 1525 trägt sie diesen Namen. Ursprünglich war das hier nur ein einfacher Landweg in das mittlere Holstein. Wenn du dich nun umsiehst, suchst du vielleicht nach historischen Giebelhäusern aus jener Zeit. Doch die wirst du hier nicht finden. Während des Zweiten Weltkriegs fielen verheerende Bombenangriffe auf Kiel, die die ursprüngliche, jahrhundertealte Architektur dieser Straße fast vollständig auslöschten. Bis auf wenige Gebäude aus den 1920er Jahren wurde alles dem Erdboden gleichgemacht.
Aber lange bevor die Bomben fielen, war diese Straße der Schauplatz eines weltgeschichtlichen Umbruchs. Am dritten November 1918 zog ein gewaltiger Demonstrationszug aus meuternden Matrosen und solidarischen Arbeitern genau hier entlang. Sie wollten inhaftierte Kameraden befreien. Die Stimmung war explosiv. Kurz vor dem Einbiegen in die Holstenstraße passierte in dem dichten Gedränge etwas Furchtbares. Eine Frau geriet unter eine Straßenbahn und starb. Sie war eines der ersten zivilen Opfer der Ereignisse, die heute als Kieler Matrosenaufstand bekannt sind... ein Aufstand, der das Ende der Monarchie in ganz Deutschland einläutete. Wirf doch mal einen kurzen Blick auf dein Display, dort siehst du ein modernes Straßenschild der Holstenstraße, ein Name, der all diese Stürme der Zeit überdauert hat.

A clear view of a Holstenstraße street sign, a name established in 1525 for what was once a crucial country path into central Holstein.Photo: Christian Alexander Otto, Wikimedia Commons, CC BY 4.0. Cropped & resized. Nach der Zerstörung im Krieg musste die Stadt völlig neu denken. Und hier betrat ein mutiger Mann die Bühne, der visionäre Stadtbaurat Herbert Jensen. Er hatte 1953 eine radikale, fast schon verrückte Idee. Er wollte den oberen Teil der Holstenstraße für Autos sperren. Die Kieler Kaufmannschaft war entsetzt. Die Händler malten das Schreckgespenst amerikanischer Verhältnisse an die Wand. Sie befürchteten, dass die Kunden nur noch zu weitläufigen Einkaufszentren am Stadtrand fahren würden, wenn sie nicht mehr direkt vor der Ladentür parken könnten. Doch das Experiment gelang. Bereits drei Monate nach der Sperrung stiegen die Umsätze um dreißig bis fünfzig Prozent. Plötzlich forderten auch die Händler im unteren Teil lautstark eine autofreie Zone. So wurde die Holstenstraße zur ersten Straße in ganz Deutschland, die für den Individualverkehr gesperrt und in eine Fußgängerzone umgewandelt wurde.
Schau noch einmal auf dein Smartphone. Dort erkennst du den modernen Berliner Platz, einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt, der durch diesen gewaltigen Umbau nach dem Krieg entstanden ist.

The modern Berliner Platz, a key traffic hub developed after Holstenstraße's extensive destruction in World War II, with the reconstructed Holstenstraße visible in the background.Photo: Michael Brandtner, Wikimedia Commons, CC BY 4.0. Cropped & resized. Diese Straße verändert ihr Gesicht pausenlos. Ein barockes Prachtstück wie das historische Schweffelhaus wurde schon 1907 für den Fortschritt abgerissen, und selbst das traditionsreiche Karstadt Kaufhaus verschwand 2010 zugunsten eines modernen Gebäude-Komplexes.
Und genau in diese Richtung machen wir uns jetzt auf den Weg. Wir folgen der Holstenstraße weiter nach Norden, immer der Nase nach in Richtung des historischen Zentrums der Stadt. Unser nächstes Ziel, der Alte Markt, erwartet uns bereits am Ende dieser Straße.
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4Alter Markt
Tour kaufen, um alle 17 Tracks freizuschaltenVor dir liegt ein tiefergelegter, gepflasterter Platz, der von sechseckigen Glaspavillons mit gefalteten Dächern und einem markanten roten Rohrstück neben einem niedrigen…Mehr lesenWeniger anzeigen
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Alter MarktPhoto: Holy-DYVR, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Cropped & resized. Vor dir liegt ein tiefergelegter, gepflasterter Platz, der von sechseckigen Glaspavillons mit gefalteten Dächern und einem markanten roten Rohrstück neben einem niedrigen Wasserbecken umrahmt wird.
Willkommen auf dem Alten Markt, dem historischen Herzen Kiels. Schau dir gerne das Bild in deiner App an, das den Platz und die Kirche von oben in seiner heutigen Form zeigt. Wenn du diesen modernen, abgesenkten Platz heute betrachtest, ahnst du kaum, was für eine wilde Bühne menschlicher Selbstüberschätzung und düsterer Justiz dies einmal war.

A contemporary view of Alter Markt and the Nikolaikirche, highlighting the area's current use as a pedestrian zone and its role as the historical heart of Kiel's Old Town.Photo: Michael Brandtner, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Cropped & resized. Im 17. Jahrhundert wurde dieser Ort von einem monumentalen Fehlschlag dominiert. Herzog Friedrich der Dritte war ein Mann mit gewaltigen Ambitionen und wollte den lukrativen Seidenhandel aus Persien über Russland direkt hierher nach Kiel lenken. Voller Tatendrang ließ er riesige, prachtvolle Packhäuser auf dem Markt errichten, um die wertvollen Stoffe zu lagern. Es gab nur ein winziges Problem. Er baute diese sogenannten Persianischen Häuser, bevor er überhaupt die nötigen Handelsverträge gesichert hatte. Und der Plan scheiterte grandios. Die Verträge kamen nie zustande, die feine persische Seide erreichte Kiel nie, und die sündhaft teuren, leeren Lagerhallen mussten kurzerhand in Wohnungen für städtische Ratsherren umfunktioniert werden.
Aber ein geplatzter Seidentraum ist noch nicht das Düsterste, was sich auf diesem Pflaster abspielte. Über Jahrhunderte hinweg war der Alte Markt der zentrale Richtplatz der Stadt. Historische Aufzeichnungen aus dem Jahr 1654 belegen, dass genau hier ein Kniegalgen stand. Das war eine niedrigere, brutale Variante des Galgens, bei der die Verurteilten oft im Knien stranguliert wurden. Direkt daneben stand der Kaak, ein hölzerner öffentlicher Pranger, an dem Bürger zur Schau gestellt und bestraft wurden. Stell dir das einmal vor: Die Ratsherren blickten aus den Fenstern ihrer grandios gescheiterten Luxusbauten auf öffentliche Hinrichtungen hinab.
Das alte Kiel, wie es damals aussah, verschwand fast vollständig in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs. Sogar das majestätische Alte Rathaus brannte oberirdisch komplett ab. Doch erstaunlicherweise überstanden die massiven mittelalterlichen Kellergewölbe das Inferno. Heute beherbergen diese architektonischen Überreste die Kieler Brauerei, sodass du dein Bier in den echten Fundamenten des einstigen Machtzentrums trinken kannst.
Nach dem Krieg wurde der Platz schlicht als Parkplatz genutzt, bis zu den Olympischen Segelwettbewerben 1972. Wenn du einen Blick auf den historischen Vorher-Nachher-Vergleich auf deinem Bildschirm wirfst, kannst du gut erkennen, wie drastisch sich das Gesicht dieses Ortes von eleganter Kaiserzeit-Architektur zu dieser modernen Senke gewandelt hat. Architekt Wilhelm Neveling entwarf diese sechseckigen Glaspavillons, um den Platz neu zu ordnen. Die Kieler hassten es. Jahrzehntelang forderten die Bürger lautstark den Abriss dieser als Fremdkörper empfundenen Gebäude. Doch im Jahr 2018 passierte das Unfassbare.
Die Denkmalschutzbehörde stellte die ungeliebten Pavillons unter Schutz. Sie nannten die Bebauung einen beachtlichen Schlussakkord des Wiederaufbaus. Die eiserne Entschlossenheit der Stadt zur Neugestaltung wurde kurzerhand selbst zum Denkmal erklärt.
Ein Platz, der sich aus der Zerstörung immer wieder neu erfindet, oft gegen den Willen seiner Bewohner. Wende nun deinen Blick aus der Senke nach oben zu dem gewaltigen Backsteinbau, der den Platz überragt. Das ist die Nikolaikirche, unser nächstes Ziel, nur eine kurze Minute Fußweg von hier entfernt.
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St. Nikolai Church
Tour kaufen, um alle 17 Tracks freizuschaltenZu deiner Linken siehst du St. Nikolai, einen massiven roten Backsteinbau mit einem breiten, schlichten Satteldach und einem markanten, eckigen Turm, der sich kraftvoll über den…Mehr lesenWeniger anzeigen
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St. NikolaiPhoto: Offene Kirche Sankt Nikolai, Wikimedia Commons, Public domain. Cropped & resized. Zu deiner Linken siehst du St. Nikolai, einen massiven roten Backsteinbau mit einem breiten, schlichten Satteldach und einem markanten, eckigen Turm, der sich kraftvoll über den Platz erhebt. Hier stehst du vor dem ältesten Gebäude der gesamten Stadt.
Alles begann um das Jahr 1242. Graf Adolf der Vierte von Schauenburg und Holstein hatte gerade erst Kiel gegründet und kurz darauf den Bau dieser Kirche in Auftrag gegeben. Er legte damit nicht nur den spirituellen Grundstein der Stadt, sondern schuf ein Zentrum, das Kiels Entwicklung für Jahrhunderte prägen sollte.
Stell dir vor, du stündest im Mittelalter hier auf dem Platz. Plötzlich beginnen die schweren Glocken von St. Nikolai ohrenbetäubend zu läuten. Für die Menschen damals bedeutete dieses Signal: Der Kieler Umschlag hat begonnen. Das war ein gewaltiger Geldmarkt und Kapitalmarkt, der Menschen aus ganz Holstein anzog. Das Verrückte daran war, dass mit dem Läuten der Glocken die normale Rechtsordnung komplett außer Kraft gesetzt wurde. Für die Dauer des Marktes galt striktes freies Geleit, sogar für Schuldner und Kriminelle. Ein völliger Ausnahmezustand im Schatten des Kirchturms. Wirf doch mal einen Blick auf dein Display, um ein Gefühl für diesen historischen Platz zu bekommen.

A view of St. Nikolai from the Alter Markt, where the church's bells once famously inaugurated the 'Kieler Umschlag', temporarily suspending legal norms for merchants and even criminals.Photo: Michael Brandtner, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Cropped & resized. Aber diese Mauern haben nicht nur Händler und Halunken gesehen, sondern auch echte spirituelle Erdbeben erlebt. Im Jahr 1527 tauchte hier ein Mann namens Melchior Hofmann auf. Er war Kürschner, also ein Handwerker, der Pelze verarbeitete, aber vor allem war er ein apokalyptischer Laienprediger. Ein echter visionärer Außenseiter, der die Stadt in Aufruhr versetzte. Hofmann nutzte seine Zeit in Kiel nicht nur für feurige Predigten, sondern gründete kurzerhand die erste Buchdruckerei der Stadt, um seine radikalen Schriften massenhaft zu verbreiten. Er stellte sich mutig gegen die Elite und beschuldigte die wohlhabenden Bürger und den Stadtrat öffentlich, sich am Kirchenvermögen bereichert zu haben, anstatt den Armen zu helfen. Diese Direktheit kam bei der Obrigkeit gar nicht gut an. Nach einem hitzigen öffentlichen Streitgespräch wurde Hofmann 1529 hochkant aus dem Land geworfen.
St. Nikolai musste sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder völlig neu erfinden, oft aus purer Notwendigkeit. Den härtesten Schicksalsschlag erlitt das Gebäude im Zweiten Weltkrieg. Bei einem Luftangriff im Mai 1944 wurde die Kirche schwer getroffen. Der brennende Turmhelm stürzte durch die Gewölbe des Mittelschiffs, also der großen, zentralen Halle im Inneren der Kirche, und zerstörte fast alles.
Nach dem Krieg stand man vor Ruinen, die akut einsturzgefährdet waren. Anstatt die Kirche als exakte historische Kopie wieder aufzubauen, wagte der Architekt Gerhard Langmaack etwas völlig Neues. Er nutzte moderne Materialien wie schlanke Betonpfeiler und eine flache Stahlbetondecke. Er füllte den alten gotischen Grundriss mit der Formensprache der Nachkriegsmoderne. Wenn du auf deinem Bildschirm den Schieberegler bewegst, kannst du sehen, wie sich der Blick auf diese Kirche und die umliegende Straße vom leuchtenden Nachtleben der 1970er Jahre bis hin zum heutigen Stadtbild gewandelt hat.
Aus der Asche der Zerstörung und dem Mut unbequemer Visionäre ist St. Nikolai immer wieder neu erstanden. Und nun wechseln wir von den ältesten spirituellen Fundamenten der Stadt zu den modernen finanziellen, denn unser nächster Halt, die PSD Bank Kiel, ist nur einen kurzen einminütigen Spaziergang entfernt.
6PSD Bank Kiel
Tour kaufen, um alle 17 Tracks freizuschaltenVor dir siehst du einen geradlinigen weißen Bauwerkblock mit gleichmäßigen quadratischen Fensterreihen und einem auffälligen grünen Vordach über den Eingangstüren. Hinter dieser…Mehr lesenWeniger anzeigen
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PSD Bank KielPhoto: PKautz, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. Cropped & resized. Vor dir siehst du einen geradlinigen weißen Bauwerkblock mit gleichmäßigen quadratischen Fensterreihen und einem auffälligen grünen Vordach über den Eingangstüren. Hinter dieser pragmatischen Fassade verbirgt sich eine Geschichte über große Visionen und harte wirtschaftliche Realitäten, die diese Stadt immer wieder neu formen.
Alles begann im Januar 1872. Damals steckten staatliche Sozialsysteme, also verlässliche staatliche Hilfen für Kranke oder Notleidende, noch in den Kinderschuhen. Ein Visionär namens Heinrich von Stephan, der Generalpostmeister, wollte seine Postbeamten absichern und gründete einen exklusiven Sparverein. Über ein ganzes Jahrhundert lang war dieses Institut ein geschlossener Club. Nur Postmitarbeiter durften einzahlen, um im Notfall günstige Kredite zu erhalten.
Erst Ende der Neunzigerjahre öffnete sich die Bank für alle und wurde zu einem treibenden Motor in der Gemeinschaft. Sie finanzierte Musiktherapien für psychisch kranke Kinder am Universitätsklinikum und spendete bei der sportlichen Aktion PSD HerzFahrt für jeden gefahrenen Radkilometer Geld an das Kinderherzzentrum. Die Ambitionen wuchsen unaufhaltsam, und im Jahr 2022 zog die Hauptstelle voller Stolz in dieses repräsentative Gebäude.
Doch manchmal erzwingt die Realität radikale Einschnitte. Schon wenige Monate später gerieten die Eigenanlagen der Bank unter massiven Druck. Was als Symbol eines neuen Aufbruchs gedacht war, verlor nur ein Jahr nach dem Einzug seinen Status als eigenständiger Hauptsitz. Im Jahr 2023 zwang eine wirtschaftlich schwierige Phase die Bank in eine Fusion mit der PSD Bank Nord, um durch den Abbau von Doppelstrukturen das Überleben zu sichern.
Die Türen stehen dir hier unter der Woche zu den üblichen Geschäftszeiten offen, während die Bank samstags und sonntags geschlossen bleibt. Wir lassen die kühle Welt der Bilanzen nun hinter uns und tauchen ein in das faszinierende Reich des Wissens und der Literatur, auf unserem kurzen dreiminütigen Spaziergang zur Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek.
7Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek
Tour kaufen, um alle 17 Tracks freizuschaltenAuf deiner linken Seite siehst du einen gewaltigen roten Backsteinbau mit strenger rechteckiger Form, an dessen Fassade in großen Lettern SARTORI UND BERGER prangt. Das ist der…Mehr lesenWeniger anzeigen
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Schleswig-Holstein State LibraryPhoto: User:Matthias Süßen, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Cropped & resized. Auf deiner linken Seite siehst du einen gewaltigen roten Backsteinbau mit strenger rechteckiger Form, an dessen Fassade in großen Lettern SARTORI UND BERGER prangt. Das ist der heutige Sitz der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek. Wenn du einen Blick in die App wirfst, erkennst du diesen massiven Getreidespeicher aus den zwanziger Jahren als faszinierendes Industriedenkmal.

The current home of the Schleswig-Holstein State Library, the Sartori & Berger-Speicher, is an industrial monument originally built in 1925/26 as a grain warehouse. It replaced a previous warehouse that was spectacularly destroyed by fire in 1886.Photo: Mogelzahn, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. Cropped & resized. Dieser Ort ruht buchstäblich auf einer feurigen Vorgeschichte. Bereits 1886 stand genau hier ein mächtiges Lagerhaus, das in einem katastrophalen Brand vernichtet wurde. Historische Aufzeichnungen sprechen von haushohen Flammen und einem donnerähnlichen Getöse, als der mit Öl und Spiritus gefüllte Dachstuhl kollabierte. Aus diesen Trümmern entstand 1925 der heutige Bau. Im Inneren befindet sich noch immer ein originaler Schneckengang. Das ist eine clevere, spiralförmige Rutsche aus Metall oder Holz, über die Arbeiter einst schwere Getreidesäcke rasant aus den obersten Stockwerken nach unten beförderten.
Heute lagert hier kein Weizen mehr, sondern das kollektive Gedächtnis von Schleswig-Holstein. Doch dieses Gedächtnis besitzt extrem dunkle Kapitel. In den neunzehnhundertdreißiger Jahren fiel die Bibliothek unter die ideologische Kontrolle ihres Direktors Volquart Pauls. Unter seiner Führung verlor die Wissenschaft ihre Unschuld. Pauls und seine Verbündeten planten eine umfassende Landesgeschichte, die tief von der sogenannten Blut und Boden Ideologie durchdrungen war. Das war die gefährliche rassistische Doktrin der Nationalsozialisten, die behauptete, dass nur Menschen mit sogenanntem reinen Blut eine wahre, mystische Verbindung zur heimischen Heimaterde hätten. Die Bibliothek wurde zu einer Waffe der Propaganda umgebaut. Das ist eines der dunklen Kapitel der Kieler Geschichte, ein mahnendes Beispiel dafür, wie leicht intellektuelle Institutionen von Fanatikern gekapert werden können.
Dann kam der fünfte Januar 1944. Ein verheerender Bombenangriff traf das Kieler Schloss, in dem die Bibliothek damals untergebracht war. Es war ein weiteres, verheerendes Beispiel der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, die diese Stadt beinahe auslöschte. In einer fast schon panischen Rettungsaktion waren die allerwertvollsten historischen Schriften gerade noch rechtzeitig in das weit entfernte Kloster Cismar evakuiert worden. Doch alles andere, darunter der prachtvolle Lesesaal und die komplette Handbibliothek, verbrannte in einer einzigen Nacht zu Asche.
Nach dem Krieg musste sich die Institution aus dem Nichts neu erschaffen. Über zwanzig Jahre lang überlebte sie als Provisorium in einer ehemaligen Marinekaserne im Stadtteil Wik. Heute hütet sie wieder fast eine halbe Million Druckwerke. Darunter echte Sensationen, wie ein handgeschriebenes, unvollendetes Manuskript von Theodor Storm namens Sylter Novelle. Oder die größte öffentliche Schachsammlung Deutschlands. Diese verdanken wir einem genialen Anwalt namens Wilhelm Maßmann. Seine absolute Leidenschaft waren Miniaturen. So nennt man beim Schach hochkomplexe Problemstellungen, die aus maximal sieben Figuren bestehen.
Wer diese Archive selbst entdecken will, die Landesbibliothek hat von Montag bis Freitag zwischen neun Uhr dreißig und achtzehn Uhr sowie am Wochenende von zehn bis siebzehn Uhr geöffnet. Wir folgen nun wieder dem Ruf des Wassers und spazieren zu den echten maritimen Wurzeln der Stadt am Schifffahrtsmuseum Kiel, das nur knappe zwei Minuten entfernt auf uns wartet.
8Kiel Maritime Museum Fish Market & Museum Bridge
Tour kaufen, um alle 17 Tracks freizuschaltenZu deiner Rechten siehst du einen markanten roten Backsteinbau mit einem ungewöhnlich hohen, spitzbogigen Dach und einem steinernen Hauptportal. Dieses Gebäude ist der Beweis…Mehr lesenWeniger anzeigen
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Maritime Museum KielPhoto: Matthias Süßen, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Cropped & resized. Zu deiner Rechten siehst du einen markanten roten Backsteinbau mit einem ungewöhnlich hohen, spitzbogigen Dach und einem steinernen Hauptportal. Dieses Gebäude ist der Beweis dafür, dass großartige Architektur manchmal erst scheitern muss, um ihre wahre Bestimmung zu finden.
Stell dir das Jahr neunzehnhundertzehn vor. Der Stadtbaurat Georg Pauly hatte gewaltige maritime Ambitionen. Er entwarf diese repräsentative Fischauktionshalle, um den Kieler Fischhandel wetterunabhängig und modern zu machen. Drinnen gab es riesige Becken, draußen dreißig einzeln zugängliche Läden. Der Plan war auf dem Papier perfekt. Es gab nur ein winziges Problem in der Realität. Die Halle war für echte Auktionen schlichtweg zu klein und absolut niemand wollte die teuren Stände mieten.
Am schlimmsten waren die traditionellen Ellerbeker Fischfrauen. Sie boykottierten den neuen Bau komplett und verkauften ihren frischen Fang lieber weiterhin stur draußen in ihren traditionellen Trachten. Die Kieler waren gnadenlos. Wegen der eigenwilligen Form und des leeren Innenraums verpassten sie dem Gebäude sofort den Spitznamen Gestrandeter Wal.
Doch dieser gestrandete Wal erwies sich als erstaunlich zäh. Er überstand den Zweiten Weltkrieg völlig unbeschadet, verlor dann aber seine Funktion und stand jahrelang leer. Neunzehnhundertsechsundsechzig sollte er tatsächlich abgerissen werden, um schnödem Beton Platz für ein Parkhaus zu machen. Im allerletzten Moment schritt die Denkmalschutzbehörde ein und rettete das Gebäude vor den Baggern. Nach einer seltsamen Zwischenphase, in der hier ironischerweise Sportboote verkauft wurden, verwandelte sich der Bau neunzehnhundertachtundsiebzig endlich in das Schifffahrtsmuseum. Für den aufwendigen Umbau veranschlagte man damals eine halbe Million D-Mark, was heute kaufkraftbereinigt fast achthunderttausend Euro entsprechen würde.
Schau mal auf deinen Bildschirm. Dort erkennst du das Museum und die historischen Schiffe, die an der angrenzenden Museumsbrücke liegen. Ein echtes Highlight dort draußen ist der Seenotrettungskreuzer Hindenburg, der in seiner aktiven Dienstzeit über achthundert Menschen aus extremen Gefahren auf See rettete. Gleich daneben steht die historische Brausebude, ein kleines türkisfarbenes Holzhäuschen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Diese Bude bot den rauen Hafenarbeitern ganz gezielt Limonade an, um sie vor der Arbeit von den unzähligen Kneipen und dem harten Alkohol fernzuhalten.

An exterior view of the Maritime Museum Kiel, originally the failed fish auction hall nicknamed 'Stranded Whale'. Also visible are the historic ships Hindenburg, the fireboat, and the buoy tender Bussard docked at the Museumsbrücke.Photo: Raimond Spekking, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Cropped & resized. Im Inneren des Museums wird es noch intensiver. Dort liegt ein echtes Wrackteil des Kleinst-U-Bootes Seehund, das direkt hier aus der Förde geborgen wurde. Der Einsatz in diesen winzigen Zwei-Mann-Booten war ein absolutes Himmelfahrtskommando. Viele Seeleute starben nicht durch feindliches Feuer, sondern durch Kohlenmonoxidvergiftungen, weil die Belüftung der Motoren fehlerhaft konstruiert war. Um in der beklemmenden Enge überhaupt tagelang wach zu bleiben, versorgte man die jungen Männer damals sogar mit dem starken Aufputschmittel Pervitin.
Falls du diese unglaublichen Geschichten selbst erkunden willst, das Museum hat von Dienstag bis Sonntag zwischen zehn und achtzehn Uhr geöffnet. Die Entwicklung Kiels ist ein ewiger Kreislauf aus wagemutiger Ambition, radikaler Zerstörung und dem Einfluss unerwarteter Visionäre. Genau diesem Faden folgen wir jetzt zu den faszinierenden Überresten einstiger königlicher Macht. Unser nächstes Ziel ist das Kieler Schloss, das nur entspannte sechs Minuten zu Fuß entfernt liegt.
9Kieler Schloss
Tour kaufen, um alle 17 Tracks freizuschaltenAuf dem Bild in deiner App erkennst du das historische Kieler Schloss als massiven, mehrstöckigen Palast mit einer hellen Fassade, einem ausladenden Dach und einem markanten…Mehr lesenWeniger anzeigen
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Kiel CastlePhoto: Unknown author, Wikimedia Commons, Public domain. Cropped & resized. Auf dem Bild in deiner App erkennst du das historische Kieler Schloss als massiven, mehrstöckigen Palast mit einer hellen Fassade, einem ausladenden Dach und einem markanten quadratischen Turm auf der linken Seite.
Doch wenn du heute aufblickst, siehst du einen klaren, roten Backsteinbau - ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie sehr der Drang nach Größe, gepaart mit dramatischen Katastrophen, das Gesicht dieser Stadt geformt hat. Alles begann genau hier im dreizehnten Jahrhundert. Graf Adolf der Vierte, dessen Namen wir auf unserer Tour bereits begegnet sind, ließ an dieser strategischen Stelle eine Burg errichten. Es war anfangs nur eine wehrhafte Festung, die eine schmale Landzunge zwischen der Förde und dem Binnengewässer schützen sollte.
Die einfachen Steinmauern genügten den späteren Herrschern jedoch nicht lange. Dänische Könige und Gottorfer Herzöge verwandelten die schlichte Festung über die Jahrhunderte in eine prunkvolle Residenz. Wirf einen kurzen Blick auf deinen Bildschirm, um den mächtigen Ostflügel in seiner ganzen Pracht um das Jahr neunzehnhundert zu sehen. Das Schloss war zu einem gigantischen Palastkomplex mit kunstvollen Giebeln und königlichen Gemächern herangewachsen.
Aber große Bauprojekte enden manchmal in spektakulären Katastrophen. An einem Frühlingsnachmittag im Jahr sechzehnhundertfünfundachtzig, exakt um vierzehn Uhr, brach die gesamte Vorderfront des ältesten Flügels völlig unerwartet und ohne jede Vorwarnung in sich zusammen. Dieser gewaltige Einsturz zwang die Architekten zu einem kompletten Neubau, der dem Schloss schließlich seine charakteristische U-förmige Gestalt gab.
In den folgenden Epochen erlebte das Schloss kaiserlichen Glanz und blankes Chaos. Ende des neunzehnten Jahrhunderts zog Prinz Heinrich von Preußen ein. Er war Großadmiral der Marine und zugleich ein leidenschaftlicher Technikpionier. Er schraubte oft selbst im Schlosshof an seinen frühen Automobilen herum. Sein Auszug aus dem Palast verlief allerdings hochdramatisch. Während des Matrosenaufstands im November neunzehnhundertachtzehn, als rebellierende Seeleute die Kontrolle über die Stadt übernahmen, hissten die Meuterer die rote Fahne der Revolution direkt auf dem Schlossdach. Heinrich musste in einem getarnten Auto aus seiner eigenen Residenz fliehen, wobei es auf der Flucht sogar zu einer Schießerei kam.
Die dunkelste Stunde des Bauwerks schlug schließlich im Zweiten Weltkrieg. Im Januar neunzehnhundertvierundvierzig brannte das Gebäude nach einem massiven Bombenangriff bis auf die Grundmauern nieder. Anstatt die verlorene Historie mühsam wiederaufzubauen, entschied sich die Stadt für einen architektonischen Neuanfang im Stil der Nachkriegszeit. Schau dir in der App gerne einmal den Vergleich an, wie dieser Ort von einer reich verzierten Residenz zu dem modernen, minimalistischen Kulturzentrum wurde, das heute vor dir steht.
Heute erfüllt ein frisch sanierter Konzertsaal den Backsteinbau wieder mit Leben. Es ist längst kein adliger Wohnsitz mehr, sondern ein offener Raum für die Menschen der Stadt.
Lass uns nun unsere Reise fortsetzen. Wir machen uns auf den Weg zum Warleberger Hof, dem letzten erhaltenen Adelspalais der Stadt, das nur etwa drei Gehminuten entfernt auf uns wartet.
10Stadtmuseum Warleberger Hof
Tour kaufen, um alle 17 Tracks freizuschaltenAuf deiner rechten Seite siehst du einen stattlichen rechteckigen Backsteinbau, den du sofort an dem reich verzierten grauen Sandsteinportal in der Mitte erkennst. Das ist der…Mehr lesenWeniger anzeigen
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Warleberger HofPhoto: Holger.Ellgaard, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Cropped & resized. Auf deiner rechten Seite siehst du einen stattlichen rechteckigen Backsteinbau, den du sofort an dem reich verzierten grauen Sandsteinportal in der Mitte erkennst. Das ist der Warleberger Hof. Und oh, was für Geschichten diese roten Steine erzählen könnten!
Wirf doch mal einen Blick auf dein Display, um eine schöne Gesamtaufnahme dieses Gebäudes zu sehen, dem letzten erhaltenen Adelspalais - also einem herrschaftlichen Wohnsitz für Adelige - in der gesamten Kieler Altstadt. Gebaut wurde es ab 1616 für Christoph Martens, einen ehrgeizigen Amtsschreiber des Herzogs. Und Martens wusste ganz genau, wie man das System zu seinen Gunsten nutzt. Dieses Haus war nämlich ein sogenannter Freihof. Das bedeutete, es war buchstäblich eine rechtliche Insel mitten in Kiel. Die adeligen Bewohner zahlten keine städtischen Steuern und der Kieler Stadtrat hatte hier nichts zu sagen. Stell dir vor, du lebst mitten in der Stadt, machst Schulden bei den örtlichen Kaufleuten, weigerst dich zu zahlen, und hast als einziger einen exklusiven Wasseranschluss zum Schloss! Die Bürger von Kiel waren natürlich rasend vor Wut über diese unglaubliche Arroganz.

This exterior view shows the Warleberger Hof on Dänische Straße, the last preserved aristocratic palace and the only surviving private building from before 1864 in Kiel's Old Town.Photo: Michael Brandtner, Wikimedia Commons, CC BY 4.0. Cropped & resized. Schau doch mal ganz genau an die Seite der Fassade... Kannst du dort die steinerne Ritterrüstung entdecken, die da an der Wand hängt und die Jahreszahl 1616 trägt? Dieses kriegerische Symbol ist ein faszinierendes Relikt aus der Gründerzeit des Hauses, das all die späteren Verschönerungen überlebt hat.
Und apropos Überleben: Die Geschichte dieses Ortes nimmt im neunzehnten Jahrhundert eine ziemlich makabre Wendung. Im Jahr 1839 wurde das Gebäude für sechstausend Reichsthaler an die Kieler Universität verkauft, was heute einer gewaltigen Summe von mehreren hunderttausend Euro entsprechen würde. Die Universität brachte Mediziner hierher. Sie nutzten den kühlen Gewölbekeller - einen unterirdischen Raum mit massiver, bogenförmiger Decke - für die Anatomie. Das frische Brunnenwasser und die konstante Kälte machten den Keller zum idealen Ort, um Leichen zu lagern und anatomische Präparate herzustellen. Ein nobler Palast, der plötzlich zum Leichenkeller wurde!
Aber diese Stadt stand niemals still, und auch dieses Haus musste sich der modernen Vision anpassen. Um 1909 Platz für die neue elektrische Straßenbahn zu machen, wurde die gesamte vordere Fassade Stein für Stein abgetragen und exakt fünf Meter weiter hinten wieder aufgebaut. Eine absolute Meisterleistung der Ingenieurskunst! Wer genau hinschaut, kann hinter den Regenrohren noch die Narben im Mauerwerk sehen, wo das Gebäude buchstäblich aufgeschnitten wurde.
Während das viel größere, prächtigere Nachbarhaus im Zweiten Weltkrieg durch Bomben völlig zerstört wurde, blieb dieser Hof fast unversehrt stehen. Es ist ein fantastischer Beweis dafür, wie dieser Ort durch gewaltige Ambitionen, unerwartete Neuausrichtungen und das Trotzen von Zerstörung immer wieder in eine neue Epoche getreten ist. Heute befindet sich hier das Kieler Stadtmuseum, das von Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr für Besucher geöffnet hat.
Lass uns nun den weltlichen Reichtum hinter uns lassen und gemeinsam zu den spirituellen Wurzeln der Stadt aufbrechen, denn unser nächstes Ziel, das Kieler Kloster, ist nur einen entspannten dreiminütigen Spaziergang entfernt.
11Kieler Kloster
Tour kaufen, um alle 17 Tracks freizuschaltenZu deiner Rechten siehst du das Kieler Kloster, ein markantes Gebäude aus rotem Backstein mit einem massiven quadratischen Turm und einem orangefarbenen Ziegeldach unter dem sich…Mehr lesenWeniger anzeigen
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Kiel MonasteryPhoto: Matthias Süßen, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Cropped & resized. Zu deiner Rechten siehst du das Kieler Kloster, ein markantes Gebäude aus rotem Backstein mit einem massiven quadratischen Turm und einem orangefarbenen Ziegeldach unter dem sich große Bogenfenster aneinanderreihen. Diese Mauern bergen eine Geschichte, die wie ein episches Abenteuer beginnt und in einem handfesten Skandal endet.
Wir schreiben das Jahr 1227. Stell dir ein chaotisches Schlachtfeld bei Bornhöved vor. Die Truppen des Grafen stehen unter enormem Druck, und zu allem Überfluss werden sie von einer grellen, unbarmherzigen Sonne geblendet. In seiner Verzweiflung blickt der Graf in den Himmel und schließt einen Pakt mit dem Göttlichen. Er schwört, dass er Klöster bauen wird, wenn ihm nur eine einzige rettende Wolke geschickt wird, um die blendende Sonne zu verdecken. Und genau das passierte. Dunkle Wolken zogen auf, der Graf gewann die Schlacht, und als stolzer Sieger löste er sein Versprechen ein. Fünfzehn Jahre später, im Jahr 1242, stiftete er genau diesen Ort hier für den Franziskanerorden. Er nahm sein Gelübde sogar so ernst, dass er später selbst als Mönch in diese Mauern einzog und hier in der Kirche begraben wurde.
Die Franziskaner waren eigentlich ein Orden, der sich einem Leben in absoluter Armut und tiefer Demut verschrieben hatte. Doch wenn wir ein paar Jahrhunderte in die Zukunft springen, sehen wir, dass fromme Vorsätze manchmal ziemlich schnell verblassen. Die strengen Regeln des Ordens lösten sich förmlich in Luft auf. Anstatt zu beten und in stiller Bescheidenheit zu leben, entdeckten die Mönche ihre weltliche, geschäftliche Seite. Und das führte zu einem unglaublichen Problem.
Die Ordensbrüder eröffneten doch tatsächlich eine gut laufende Schankwirtschaft direkt hier im Kloster. Sie gaben sich völlig dem Handeltreiben, Bierzapfen und Zechen hin. Das ging so weit, dass sich der Rat der Nachbarstadt Lübeck einschalten musste und vehement die Schließung dieser klösterlichen Kneipe forderte. Die Situation war derart außer Kontrolle geraten, dass die Kirche hart durchgreifen musste. Sie verordnete dem Kieler Konvent eine strenge Reform, die man in der Kirchengeschichte als Observanz bezeichnet. Das bedeutet einfach gesagt, dass die Mönche durch die Obrigkeit zwangsweise zu ihren ursprünglichen Idealen der völligen Besitzlosigkeit und Disziplin zurückkehren mussten. Schluss mit dem Bierausschank.
Diese Entwicklung zeigt wunderbar, wie sich dieser Ort immer wieder wandeln musste. Vom frommen Start über den sündigen Absturz, von der Auflösung des Klosters während der Reformation bis hin zur Geburtsstätte der Universität in genau diesen Räumen. Später zerfielen die feuchten Mauern so sehr, dass man fluchtartig umziehen musste, und im Zweiten Weltkrieg legten Bomben fast alles in Schutt und Asche. Doch aus diesen Trümmern erhob sich der Bau durch Spenden erneut. Ein endloser Kreislauf aus ehrgeizigen Träumen, völligem Ruin und mutigen Neuanfängen. Sogar alte Geheimnisse blieben erhalten, als man bei Gartenarbeiten die originale Altarplatte der zerstörten Kirche wiederfand, wie Schatten der Vergangenheit, die plötzlich ans Licht kamen.
Von frommen Gelübden, berauschten Mönchen und alten Universitätsmauern machen wir jetzt einen ziemlich radikalen Schnitt. Bereite dich auf einen wilden Themenwechsel vor, denn wir tauschen heilige Hallen gegen klärendes Abwasser. Unser nächster Halt ist die Pumpe, und die ist nur etwa zwei Minuten Fußweg von hier entfernt. Machen wir uns auf den Weg.
Zu deiner Rechten siehst du die Pumpe, einen massiven, langgestreckten Bau aus rotem Backstein mit tief eingeschnittenen Fenstern und einer dicht mit Efeu bewachsenen Seitenwand.…Mehr lesenWeniger anzeigen
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PumpePhoto: Siegbert Brey, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Cropped & resized. Zu deiner Rechten siehst du die Pumpe, einen massiven, langgestreckten Bau aus rotem Backstein mit tief eingeschnittenen Fenstern und einer dicht mit Efeu bewachsenen Seitenwand. Dieses Gebäude ist der beste Beweis dafür, wie sich eine Stadt immer wieder neu erfinden kann.
Ursprünglich wurde dieser gewaltige Ziegelbau neunzehnhundertneunundzwanzig errichtet, und zwar als Pumpwerk, um die gesamten Abwässer der Kieler Altstadt direkt in die Förde zu befördern. Es war ein Ort für den buchstäblichen Schmutz der Stadt. Schau dir auf deinem Bildschirm gerne mal an, wie radikal sich dieser rohe Industriebau von damals zu dem heutigen Kulturzentrum verwandelt hat. Neunzehnhundertvierundsiebzig wurde nämlich ein neues Pumpwerk gebaut, und dieser Ort fiel in einen tiefen Dornröschenschlaf.
Aber Kieler Visionäre sahen mehr in diesen verlassenen Mauern als nur alte Rohre. Eine Gruppe von Filmliebhabern suchte verzweifelt nach einem Ort für ein alternatives Kino, um das Monopol, also die alleinige wirtschaftliche Vorherrschaft, eines einzigen großen Kinobetreibers in Kiel zu brechen. Sie wollten kein Mainstream Programm, sondern ein echtes Fenster zur Welt. Neunzehnhundertneunundsiebzig war es so weit. Aus dem Abwasserwerk wurde die Pumpe, ein unabhängiges Kulturzentrum. Man zog einfach zwei neue Stockwerke in die riesige Industriehalle ein. Ein gewaltiges Pumpenrad im Erdgeschoss blieb jedoch erhalten und dreht sich bis heute als dekorative Erinnerung.
In den achtziger und neunziger Jahren zementierte die Pumpe dann ihren Ruf als eskalativer Live Club. Die Atmosphäre war rau, intensiv und vor allem legendär schwitzig. Wenn du auf dein Handy schaust, siehst du diese wilde Punk Energie, die den Raum bei solchen Konzerten zum Kochen brachte. Sogar die bekannte Band Die Ärzte stand hier in den Achtzigern und Neunzigern auf der Bühne. Ein lustiges Detail am Rande. Obwohl das Kino schon neunzehnhundertsechsundneunzig in den ersten Stock zog, schwören alteingesessene Kieler bis heute felsenfest, sie hätten erst neulich noch auf den furchtbar unbequemen Klappstühlen unten im großen Saal gesessen. So tief hat sich die ursprüngliche Atmosphäre in das Gedächtnis der Stadt eingebrannt.

A punk band performing at the "Pumpe", illustrating its reputation as an "escalative" live club known for its legendary "sweaty" and intense atmosphere.Photo: Arne List, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. Cropped & resized. Doch diese kulturelle Utopie musste immer wieder kämpfen. Zweitausendundzwei kam es zum absurden Abfall Skandal. Der damalige städtische Dezernent, also der leitende Verwaltungsbeamte der Stadt, war kurioserweise gleichzeitig für Kultur und für Abfallwirtschaft zuständig. Aus Spargründen wollte er das Zentrum im ehemaligen Abwasserwerk buchstäblich entsorgen und schließen. Die Symbolik war natürlich fatal. Die Kieler gingen auf die Barrikaden, protestierten lautstark und retteten ihre Pumpe, auch wenn sie schmerzhafte Budgetkürzungen hinnehmen mussten.
Es ist ein unglaublicher Kreislauf der Neuerfindung. Ein Ort, gebaut für Abfall, transformiert zu einem pulsierenden Herzen der Kultur, das heute über hunderttausend Besucher im Jahr anzieht. Die Pumpe ist von Montag bis Freitag zwischen zehn und sechzehn Uhr geöffnet, falls du später einen Blick hineinwerfen möchtest.
Lass uns nun diesen rauen, kreativen Ort verlassen und zurück in die gläserne Welt des modernen Finanzviertels eintauchen. Unser nächstes Ziel, die Hamburg Commercial Bank, ist nur etwa drei Gehminuten entfernt.
13Hamburg Commercial Bank
Tour kaufen, um alle 17 Tracks freizuschaltenAuf der linken Seite siehst du die Hamburg Commercial Bank, leicht erkennbar an dem markanten, kantigen Vordach aus Glas und Stahl, das massiv über die breite, dunkel gerahmte…Mehr lesenWeniger anzeigen
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Hamburg Commercial BankPhoto: Unknown author, Wikimedia Commons, Public domain. Cropped & resized. Auf der linken Seite siehst du die Hamburg Commercial Bank, leicht erkennbar an dem markanten, kantigen Vordach aus Glas und Stahl, das massiv über die breite, dunkel gerahmte Glasfront mit dem strahlend weißen Namensschild hinausragt.
Hinter dieser glatten, modernen Fassade verbirgt sich eine der spektakulärsten und teuersten Absturzgeschichten der jüngeren deutschen Finanzwelt. Wenn du einen Blick auf deine App wirfst, siehst du dieses Gebäude im Jahr 2021, scheinbar friedlich und fest in das Stadtbild integriert. Doch die Geschichte dieses Ortes zeigt uns, wie gnadenlos sich eine Stadt durch blanken Größenwahn, verheerende Zusammenbrüche und unerwartete Neuanfänge immer wieder radikal verändern muss.

An exterior view of the Hamburg Commercial Bank building in Kiel from 2021, which served as one of the main headquarters for the HSH Nordbank after its formation in 2003.Photo: Michael Brandtner, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Cropped & resized. Wir sprechen hier von gigantischen finanziellen Fehlschlägen, die direkt aus einer maritimen Ambition heraus geboren wurden. Vor dem Jahr 2018 hieß dieses Institut HSH Nordbank. Gegründet im Jahr 2003 als Zusammenschluss zweier Landesbanken, wollte man ganz hoch hinaus. Das erklärte Ziel war es, absoluter Weltmarktführer in der Schiffsfinanzierung zu sein. Die Euphorie in den Fluren war grenzenlos. Im Jahr 2006 schwärmte ein Manager der Bank in einem Interview sogar, Gott müsse ein Reeder sein, so sicher und unglaublich lukrativ schienen die Gewinne auf den Ozeanen.
Doch dann kam die globale Finanzkrise im Jahr 2008. Der weltweite Handel brach ein, und plötzlich saß die Bank auf einem gigantischen Berg sogenannter Zombie Schiffe. Das sind riesige Frachter, die zwar noch auf den Meeren schwimmen, aber nicht annähernd genug Geld einbringen, um ihre massiven Kredite abzubezahlen. Um den totalen Untergang zu verhindern, erfand die Bank das Nautilus Modell. Anstatt die bankrotten Schiffe in die Zwangsversteigerung zu geben, betrieb die Bank sie gemeinsam mit Reedern in neuen Gesellschaften einfach weiter. Es war im Grunde eine verzweifelte maritime Intensivstation für Containerfrachter.
Aber die Krise beschränkte sich nicht nur auf leere Schiffe und blutrote Bilanzen. Sie zog eine absurde, kulturelle Schockwelle bis tief in die deutsche Hauptstadt. Über eine Tochterfirma war ausgerechnet diese strauchelnde Bank die Hauptgläubigerin des berühmten Berliner Kunsthauses Tacheles. Das Tacheles war eine riesige, von Künstlern besetzte Ruine, ein weltweites Symbol für kreative Freiheit und Rebellion. Um an dringend benötigtes Geld zu kommen, trieb die Bank die Zwangsversteigerung dieses Areals unerbittlich voran. Jahrelang protestierten die Künstler vehement gegen die Banker in Anzügen. Es war ein fast schon surreales Bild, in dem die harte, kühle Finanzrealität einer kollabierenden Bank frontal auf den wilden, bunten Widerstand der Berliner Subkultur prallte.
Die Bank selbst versank derweil in einer toxischen Atmosphäre aus Misstrauen und Paranoia. Am Ende kostete das Drama der HSH Nordbank die Steuerzahler mindestens 13 Milliarden Euro, um das Institut vor dem sicheren Ruin zu bewahren.
Erst 2018 wurde der Schlussstrich gezogen. Amerikanische Investoren kauften die Überreste, strichen das riskante Schiffsgeschäft gnadenlos zusammen und zwangen der Bank eine radikale Verwandlung auf. Aus dem Trümmerhaufen der alten Landesbank erhob sich dieser kühle, effiziente Finanzierer, vor dem wir heute stehen.
Lass uns diese harten Finanzwelten nun hinter uns lassen. Wir bewegen uns jetzt weiter in das administrative Zentrum des Landes, zum Gebäudemanagement Schleswig Holstein, das nur einen etwa dreiminütigen Spaziergang entfernt liegt.
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Gebäudemanagement Schleswig-Holstein
Tour kaufen, um alle 17 Tracks freizuschaltenAuf der rechten Seite siehst du einen modernen, strukturierten Bürokomplex mit einer markanten Fassade aus rotem Backstein, großen, rechteckigen Fensterfronten und einem strengen,…Mehr lesenWeniger anzeigen
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Facility Management Schleswig-HolsteinPhoto: Unknown author, Wikimedia Commons, Public domain. Cropped & resized. Auf der rechten Seite siehst du einen modernen, strukturierten Bürokomplex mit einer markanten Fassade aus rotem Backstein, großen, rechteckigen Fensterfronten und einem strengen, würfelförmigen Eingangsbereich.
Genau hier sitzt der architektonische Motor des Landes. Das ist die Hauptniederlassung der Gebäudemanagement Schleswig-Holstein, kurz GMSH. Wenn in diesem Bundesland ein neues Ministerium, ein Gericht oder eine Universität gebaut oder saniert wird, laufen die Fäden genau in diesem Haus zusammen. Eine gigantische Maschine des ständigen Wandels, angetrieben von rund 1.700 Mitarbeitenden und einem Jahresumsatz von etwa 750 Millionen Euro.
Aber wie organisiert man eigentlich den fortlaufenden Umbau einer ganzen Region? Die Antwort liegt in ständiger Anpassung und struktureller Neufindung. Im Jahr 1999 wurde die GMSH gegründet, um die staatlichen Bauaufgaben zu bündeln. Doch bald erkannte man ein Problem. Wenn dieselbe Behörde baut und sich selbst kontrolliert, ist das Risiko für Fehler groß. Ein entscheidender Schnitt folgte 2007. Man spaltete die Fachaufsicht einfach ab und gründete ein unabhängiges Amt für Bundesbau. Diese neue Instanz prüft seitdem Budgets und Standards völlig neutral, um Interessenkonflikte bei Großprojekten streng zu vermeiden.
Diese Lust an der radikalen Umstrukturierung machte auch vor den eigenen Bürotüren nicht halt. Als die GMSH im Jahr 2021 in dieses Gebäude an der Küterstraße zog, war das ein echter Kulturschock für die Belegschaft. Feste Büros verschwanden. Stattdessen führte man das sogenannte Desk-Sharing ein. Rechnerisch teilen sich hier zehn Angestellte sieben Schreibtische. Wer abends geht, muss seinen Platz komplett räumen, was man als Clean Desk Policy bezeichnet. Während die Führungsetage sich über papierlose Abläufe und fünfzehn Prozent weniger Flächenverbrauch freute, klagten einige Angestellte im Internet über den schmerzhaften Verlust ihres persönlichen Rückzugsortes.
Doch die Arbeit, die hier geleistet wird, formt das Gesicht von ganz Schleswig-Holstein. Unter dem langjährigen Geschäftsführer Frank Eisoldt, der die Führung bis 2024 innehatte, richtete sich die GMSH massiv auf Nachhaltigkeit aus. Das Ziel ist ehrgeizig. Bis zum Jahr 2040 sollen alle Landesliegenschaften völlig treibhausgasneutral bewirtschaftet werden.
Natürlich läuft bei staatlichen Großprojekten nicht immer alles glatt. Die GMSH plante einen spektakulären, futuristischen Glasanbau für das historische Schloss Gottorf. Doch die Kosten explodierten von ursprünglich 31 Millionen auf über 44 Millionen Euro. Im Jahr 2024 zog man die Reißleine und stoppte den Neubau komplett, um sich stattdessen auf die Sanierung des Bestands zu konzentrieren.
Aber dann gibt es auch diese leisen, zutiefst menschlichen Momente. Für die Palliativambulanz am Universitätsklinikum in Kiel, eine Station, auf der unheilbar erkrankte Patienten versorgt werden, beauftragte die GMSH den Künstler Professor Peter Nagel. Er schuf 25 Gemälde, um den schwerstkranken Menschen und ihren Angehörigen eine tröstliche, spirituelle Atmosphäre zu bieten. Ein Beweis, dass selbst eine riesige Bauverwaltung direkten Einfluss auf das menschliche Wohlbefinden nehmen kann.
Dieses Außengelände hier ist übrigens an jedem Wochentag rund um die Uhr für Fußgänger zugänglich.
Lass uns nun die moderne Bürokratie hinter uns lassen und tief in die Vergangenheit eintauchen. Nur drei Gehminuten entfernt warten echte, uralte Schätze auf uns, wenn wir das Museum vaterländischer Alterthümer erreichen, mach dich einfach auf den Weg dorthin.
15Museum Vaterländischer Altertümer
Tour kaufen, um alle 17 Tracks freizuschaltenSuche nach dem langgestreckten Backsteinbau mit seinen charakteristischen hohen Sprossenfenstern und dem markanten Dreiecksgiebel, der in der Mitte von einem runden Fenster…Mehr lesenWeniger anzeigen
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Museum of Patriotic AntiquitiesPhoto: Gustav Schwantes, Wikimedia Commons, Public domain. Cropped & resized. Suche nach dem langgestreckten Backsteinbau mit seinen charakteristischen hohen Sprossenfenstern und dem markanten Dreiecksgiebel, der in der Mitte von einem runden Fenster durchbrochen wird.
Wenn du vor diesem Gebäude stehst, ahnst du kaum, dass sich hier Geschichten von ungebremstem Ehrgeiz, Zerstörung und dem Aufstieg unerwarteter Pioniere abgespielt haben. Willkommen am ehemaligen Standort des Museums vaterländischer Alterthümer.
Eine der faszinierendsten Persönlichkeiten dieses Hauses war Johanna Mestorf. Sie kam im Jahr achtzehnhundertdreiundsiebzig hierher, und zwar als Kustodin. Das bedeutet, sie war die wissenschaftliche Verwalterin und Hüterin der archäologischen Sammlung. Aber das wirklich Erstaunliche war, dass Johanna eine Autodidaktin war, also eine komplett selbstgelehrte Frau ohne formales Universitätsstudium. In ihren Tagebüchern schrieb sie, dass die körperlich schwere Arbeit im Museum sie regelrecht krank mache. Doch sie kompensierte das mit einem schier eisernen Willen. Ihr Durchhaltevermögen zahlte sich auf spektakuläre Weise aus. Im Jahr achtzehnhunderteinundneunzig wurde sie zur Direktorin ernannt. Damit war sie die allererste Frau in ganz Preußen, die ein staatliches Museum leitete. Als visionäre Außenseiterin prägte sie die Archäologie nachhaltig. Sie erfand zum Beispiel den Fachbegriff Einzelgrabkultur, was eine bestimmte Epoche der späten Steinzeit beschreibt, in der Menschen nicht mehr in gewaltigen Großsteingräbern, sondern in individuellen Gräbern bestattet wurden.
Unter ihrer Leitung wuchs das Museum massiv, aber ein ganz bestimmtes Exponat sorgte für echtes Drama. Das Nydam-Boot, ein grandioses, dreiundzwanzig Meter langes Eichenholzschiff aus der Eisenzeit. Es kam achtzehnhundertsiebenundsiebzig nach Kiel. Und wo lagerte man diesen unschätzbaren, gigantischen Fund? Ironischerweise auf dem Dachboden dieses Gebäudes. Es lag dort jahrzehntelang versteckt, bis sich die lokale Presse neunzehnhundertvierzehn lauthals darüber empörte, dass ein unersetzlicher historischer Schatz auf dem Boden eines alten Hauses vergraben wird. Erst in den zwanziger Jahren bekam das Boot endlich eine eigene, würdevolle Ausstellungshalle.
Doch dann kam der Zweite Weltkrieg. Neunzehnhundertvierundvierzig wurde das Museum durch Bombentreffer völlig zerstört. Aber das wertvolle Nydam-Boot existiert noch heute. Warum? Weil man es neunzehnhunderteinundvierzig in einer geradezu filmreifen Geheimaktion evakuiert hatte. Das riesige Schiff wurde auf einer Kastenschute, also einem großen, flachen Transportschiff ohne eigenen Antrieb, über den Nord-Ostsee-Kanal bis zu einem See bei Mölln in Sicherheit gebracht.
Die Sammlung hat das alte Gebäude überlebt, und auch Johannas Vermächtnis blieb unzerstörbar. Kurz vor ihrem Tod im Jahr neunzehnhundertneun hinterließ sie ihrer Heimatstadt Bramstedt fünfhundert Mark, was heute etwa drei- bis viertausend Euro entspricht. Von den Zinsen sollten jedes Jahr am vierundzwanzigsten Juni, dem Geburtstag ihrer Mutter, mit der sie einst in tiefer Armut gelebt hatte, zwölf bedürftige alte Damen eine kräftige Rindfleischsuppe mit Klößen serviert bekommen. Eine zutiefst menschliche Geste einer brillanten Wissenschaftlerin.
Stell dir vor, du betrittst im neunzehnten Jahrhundert als Außenseiterin ohne formellen Abschluss eine von Männern dominierte akademische Welt. Hättest du die schiere Willenskraft einer Johanna Mestorf gehabt?
Falls du die modernen Nachfolgeausstellungen dieser faszinierenden Sammlung noch besuchen möchtest, die Türen sind montags, mittwochs und donnerstags von zehn bis achtzehn Uhr, sowie freitags und samstags bis einundzwanzig Uhr geöffnet.
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