
Vor dir siehst du den Aufgang zur überdachten Fußgängerbrücke, der sich durch eine markante Kombination aus einer gläsernen Überdachung der Rolltreppen, grauen Betonstufen und einem dunklen, turmartigen Aufzugsschacht in der Mitte auszeichnet. Willkommen in der Holstenstraße, einer der ältesten Straßen in ganz Kiel.
Schon seit dem Jahr 1525 trägt sie diesen Namen. Ursprünglich war das hier nur ein einfacher Landweg in das mittlere Holstein. Wenn du dich nun umsiehst, suchst du vielleicht nach historischen Giebelhäusern aus jener Zeit. Doch die wirst du hier nicht finden. Während des Zweiten Weltkriegs fielen verheerende Bombenangriffe auf Kiel, die die ursprüngliche, jahrhundertealte Architektur dieser Straße fast vollständig auslöschten. Bis auf wenige Gebäude aus den 1920er Jahren wurde alles dem Erdboden gleichgemacht.
Aber lange bevor die Bomben fielen, war diese Straße der Schauplatz eines weltgeschichtlichen Umbruchs. Am dritten November 1918 zog ein gewaltiger Demonstrationszug aus meuternden Matrosen und solidarischen Arbeitern genau hier entlang. Sie wollten inhaftierte Kameraden befreien. Die Stimmung war explosiv. Kurz vor dem Einbiegen in die Holstenstraße passierte in dem dichten Gedränge etwas Furchtbares. Eine Frau geriet unter eine Straßenbahn und starb. Sie war eines der ersten zivilen Opfer der Ereignisse, die heute als Kieler Matrosenaufstand bekannt sind... ein Aufstand, der das Ende der Monarchie in ganz Deutschland einläutete. Wirf doch mal einen kurzen Blick auf dein Display, dort siehst du ein modernes Straßenschild der Holstenstraße, ein Name, der all diese Stürme der Zeit überdauert hat.

Nach der Zerstörung im Krieg musste die Stadt völlig neu denken. Und hier betrat ein mutiger Mann die Bühne, der visionäre Stadtbaurat Herbert Jensen. Er hatte 1953 eine radikale, fast schon verrückte Idee. Er wollte den oberen Teil der Holstenstraße für Autos sperren. Die Kieler Kaufmannschaft war entsetzt. Die Händler malten das Schreckgespenst amerikanischer Verhältnisse an die Wand. Sie befürchteten, dass die Kunden nur noch zu weitläufigen Einkaufszentren am Stadtrand fahren würden, wenn sie nicht mehr direkt vor der Ladentür parken könnten. Doch das Experiment gelang. Bereits drei Monate nach der Sperrung stiegen die Umsätze um dreißig bis fünfzig Prozent. Plötzlich forderten auch die Händler im unteren Teil lautstark eine autofreie Zone. So wurde die Holstenstraße zur ersten Straße in ganz Deutschland, die für den Individualverkehr gesperrt und in eine Fußgängerzone umgewandelt wurde.
Schau noch einmal auf dein Smartphone. Dort erkennst du den modernen Berliner Platz, einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt, der durch diesen gewaltigen Umbau nach dem Krieg entstanden ist.

Diese Straße verändert ihr Gesicht pausenlos. Ein barockes Prachtstück wie das historische Schweffelhaus wurde schon 1907 für den Fortschritt abgerissen, und selbst das traditionsreiche Karstadt Kaufhaus verschwand 2010 zugunsten eines modernen Gebäude-Komplexes.
Und genau in diese Richtung machen wir uns jetzt auf den Weg. Wir folgen der Holstenstraße weiter nach Norden, immer der Nase nach in Richtung des historischen Zentrums der Stadt. Unser nächstes Ziel, der Alte Markt, erwartet uns bereits am Ende dieser Straße.



