
Vor dir liegt ein tiefergelegter, gepflasterter Platz, der von sechseckigen Glaspavillons mit gefalteten Dächern und einem markanten roten Rohrstück neben einem niedrigen Wasserbecken umrahmt wird.
Willkommen auf dem Alten Markt, dem historischen Herzen Kiels. Schau dir gerne das Bild in deiner App an, das den Platz und die Kirche von oben in seiner heutigen Form zeigt. Wenn du diesen modernen, abgesenkten Platz heute betrachtest, ahnst du kaum, was für eine wilde Bühne menschlicher Selbstüberschätzung und düsterer Justiz dies einmal war.

Im 17. Jahrhundert wurde dieser Ort von einem monumentalen Fehlschlag dominiert. Herzog Friedrich der Dritte war ein Mann mit gewaltigen Ambitionen und wollte den lukrativen Seidenhandel aus Persien über Russland direkt hierher nach Kiel lenken. Voller Tatendrang ließ er riesige, prachtvolle Packhäuser auf dem Markt errichten, um die wertvollen Stoffe zu lagern. Es gab nur ein winziges Problem. Er baute diese sogenannten Persianischen Häuser, bevor er überhaupt die nötigen Handelsverträge gesichert hatte. Und der Plan scheiterte grandios. Die Verträge kamen nie zustande, die feine persische Seide erreichte Kiel nie, und die sündhaft teuren, leeren Lagerhallen mussten kurzerhand in Wohnungen für städtische Ratsherren umfunktioniert werden.
Aber ein geplatzter Seidentraum ist noch nicht das Düsterste, was sich auf diesem Pflaster abspielte. Über Jahrhunderte hinweg war der Alte Markt der zentrale Richtplatz der Stadt. Historische Aufzeichnungen aus dem Jahr 1654 belegen, dass genau hier ein Kniegalgen stand. Das war eine niedrigere, brutale Variante des Galgens, bei der die Verurteilten oft im Knien stranguliert wurden. Direkt daneben stand der Kaak, ein hölzerner öffentlicher Pranger, an dem Bürger zur Schau gestellt und bestraft wurden. Stell dir das einmal vor: Die Ratsherren blickten aus den Fenstern ihrer grandios gescheiterten Luxusbauten auf öffentliche Hinrichtungen hinab.
Das alte Kiel, wie es damals aussah, verschwand fast vollständig in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs. Sogar das majestätische Alte Rathaus brannte oberirdisch komplett ab. Doch erstaunlicherweise überstanden die massiven mittelalterlichen Kellergewölbe das Inferno. Heute beherbergen diese architektonischen Überreste die Kieler Brauerei, sodass du dein Bier in den echten Fundamenten des einstigen Machtzentrums trinken kannst.
Nach dem Krieg wurde der Platz schlicht als Parkplatz genutzt, bis zu den Olympischen Segelwettbewerben 1972. Wenn du einen Blick auf den historischen Vorher-Nachher-Vergleich auf deinem Bildschirm wirfst, kannst du gut erkennen, wie drastisch sich das Gesicht dieses Ortes von eleganter Kaiserzeit-Architektur zu dieser modernen Senke gewandelt hat. Architekt Wilhelm Neveling entwarf diese sechseckigen Glaspavillons, um den Platz neu zu ordnen. Die Kieler hassten es. Jahrzehntelang forderten die Bürger lautstark den Abriss dieser als Fremdkörper empfundenen Gebäude. Doch im Jahr 2018 passierte das Unfassbare.
Die Denkmalschutzbehörde stellte die ungeliebten Pavillons unter Schutz. Sie nannten die Bebauung einen beachtlichen Schlussakkord des Wiederaufbaus. Die eiserne Entschlossenheit der Stadt zur Neugestaltung wurde kurzerhand selbst zum Denkmal erklärt.
Ein Platz, der sich aus der Zerstörung immer wieder neu erfindet, oft gegen den Willen seiner Bewohner. Wende nun deinen Blick aus der Senke nach oben zu dem gewaltigen Backsteinbau, der den Platz überragt. Das ist die Nikolaikirche, unser nächstes Ziel, nur eine kurze Minute Fußweg von hier entfernt.



