
Zu deiner Rechten siehst du die Pumpe, einen massiven, langgestreckten Bau aus rotem Backstein mit tief eingeschnittenen Fenstern und einer dicht mit Efeu bewachsenen Seitenwand. Dieses Gebäude ist der beste Beweis dafür, wie sich eine Stadt immer wieder neu erfinden kann.
Ursprünglich wurde dieser gewaltige Ziegelbau neunzehnhundertneunundzwanzig errichtet, und zwar als Pumpwerk, um die gesamten Abwässer der Kieler Altstadt direkt in die Förde zu befördern. Es war ein Ort für den buchstäblichen Schmutz der Stadt. Schau dir auf deinem Bildschirm gerne mal an, wie radikal sich dieser rohe Industriebau von damals zu dem heutigen Kulturzentrum verwandelt hat. Neunzehnhundertvierundsiebzig wurde nämlich ein neues Pumpwerk gebaut, und dieser Ort fiel in einen tiefen Dornröschenschlaf.
Aber Kieler Visionäre sahen mehr in diesen verlassenen Mauern als nur alte Rohre. Eine Gruppe von Filmliebhabern suchte verzweifelt nach einem Ort für ein alternatives Kino, um das Monopol, also die alleinige wirtschaftliche Vorherrschaft, eines einzigen großen Kinobetreibers in Kiel zu brechen. Sie wollten kein Mainstream Programm, sondern ein echtes Fenster zur Welt. Neunzehnhundertneunundsiebzig war es so weit. Aus dem Abwasserwerk wurde die Pumpe, ein unabhängiges Kulturzentrum. Man zog einfach zwei neue Stockwerke in die riesige Industriehalle ein. Ein gewaltiges Pumpenrad im Erdgeschoss blieb jedoch erhalten und dreht sich bis heute als dekorative Erinnerung.
In den achtziger und neunziger Jahren zementierte die Pumpe dann ihren Ruf als eskalativer Live Club. Die Atmosphäre war rau, intensiv und vor allem legendär schwitzig. Wenn du auf dein Handy schaust, siehst du diese wilde Punk Energie, die den Raum bei solchen Konzerten zum Kochen brachte. Sogar die bekannte Band Die Ärzte stand hier in den Achtzigern und Neunzigern auf der Bühne. Ein lustiges Detail am Rande. Obwohl das Kino schon neunzehnhundertsechsundneunzig in den ersten Stock zog, schwören alteingesessene Kieler bis heute felsenfest, sie hätten erst neulich noch auf den furchtbar unbequemen Klappstühlen unten im großen Saal gesessen. So tief hat sich die ursprüngliche Atmosphäre in das Gedächtnis der Stadt eingebrannt.

Doch diese kulturelle Utopie musste immer wieder kämpfen. Zweitausendundzwei kam es zum absurden Abfall Skandal. Der damalige städtische Dezernent, also der leitende Verwaltungsbeamte der Stadt, war kurioserweise gleichzeitig für Kultur und für Abfallwirtschaft zuständig. Aus Spargründen wollte er das Zentrum im ehemaligen Abwasserwerk buchstäblich entsorgen und schließen. Die Symbolik war natürlich fatal. Die Kieler gingen auf die Barrikaden, protestierten lautstark und retteten ihre Pumpe, auch wenn sie schmerzhafte Budgetkürzungen hinnehmen mussten.
Es ist ein unglaublicher Kreislauf der Neuerfindung. Ein Ort, gebaut für Abfall, transformiert zu einem pulsierenden Herzen der Kultur, das heute über hunderttausend Besucher im Jahr anzieht. Die Pumpe ist von Montag bis Freitag zwischen zehn und sechzehn Uhr geöffnet, falls du später einen Blick hineinwerfen möchtest.
Lass uns nun diesen rauen, kreativen Ort verlassen und zurück in die gläserne Welt des modernen Finanzviertels eintauchen. Unser nächstes Ziel, die Hamburg Commercial Bank, ist nur etwa drei Gehminuten entfernt.



