
Zu deiner Rechten siehst du einen markanten roten Backsteinbau mit einem ungewöhnlich hohen, spitzbogigen Dach und einem steinernen Hauptportal. Dieses Gebäude ist der Beweis dafür, dass großartige Architektur manchmal erst scheitern muss, um ihre wahre Bestimmung zu finden.
Stell dir das Jahr neunzehnhundertzehn vor. Der Stadtbaurat Georg Pauly hatte gewaltige maritime Ambitionen. Er entwarf diese repräsentative Fischauktionshalle, um den Kieler Fischhandel wetterunabhängig und modern zu machen. Drinnen gab es riesige Becken, draußen dreißig einzeln zugängliche Läden. Der Plan war auf dem Papier perfekt. Es gab nur ein winziges Problem in der Realität. Die Halle war für echte Auktionen schlichtweg zu klein und absolut niemand wollte die teuren Stände mieten.
Am schlimmsten waren die traditionellen Ellerbeker Fischfrauen. Sie boykottierten den neuen Bau komplett und verkauften ihren frischen Fang lieber weiterhin stur draußen in ihren traditionellen Trachten. Die Kieler waren gnadenlos. Wegen der eigenwilligen Form und des leeren Innenraums verpassten sie dem Gebäude sofort den Spitznamen Gestrandeter Wal.
Doch dieser gestrandete Wal erwies sich als erstaunlich zäh. Er überstand den Zweiten Weltkrieg völlig unbeschadet, verlor dann aber seine Funktion und stand jahrelang leer. Neunzehnhundertsechsundsechzig sollte er tatsächlich abgerissen werden, um schnödem Beton Platz für ein Parkhaus zu machen. Im allerletzten Moment schritt die Denkmalschutzbehörde ein und rettete das Gebäude vor den Baggern. Nach einer seltsamen Zwischenphase, in der hier ironischerweise Sportboote verkauft wurden, verwandelte sich der Bau neunzehnhundertachtundsiebzig endlich in das Schifffahrtsmuseum. Für den aufwendigen Umbau veranschlagte man damals eine halbe Million D-Mark, was heute kaufkraftbereinigt fast achthunderttausend Euro entsprechen würde.
Schau mal auf deinen Bildschirm. Dort erkennst du das Museum und die historischen Schiffe, die an der angrenzenden Museumsbrücke liegen. Ein echtes Highlight dort draußen ist der Seenotrettungskreuzer Hindenburg, der in seiner aktiven Dienstzeit über achthundert Menschen aus extremen Gefahren auf See rettete. Gleich daneben steht die historische Brausebude, ein kleines türkisfarbenes Holzhäuschen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Diese Bude bot den rauen Hafenarbeitern ganz gezielt Limonade an, um sie vor der Arbeit von den unzähligen Kneipen und dem harten Alkohol fernzuhalten.

Im Inneren des Museums wird es noch intensiver. Dort liegt ein echtes Wrackteil des Kleinst-U-Bootes Seehund, das direkt hier aus der Förde geborgen wurde. Der Einsatz in diesen winzigen Zwei-Mann-Booten war ein absolutes Himmelfahrtskommando. Viele Seeleute starben nicht durch feindliches Feuer, sondern durch Kohlenmonoxidvergiftungen, weil die Belüftung der Motoren fehlerhaft konstruiert war. Um in der beklemmenden Enge überhaupt tagelang wach zu bleiben, versorgte man die jungen Männer damals sogar mit dem starken Aufputschmittel Pervitin.
Falls du diese unglaublichen Geschichten selbst erkunden willst, das Museum hat von Dienstag bis Sonntag zwischen zehn und achtzehn Uhr geöffnet. Die Entwicklung Kiels ist ein ewiger Kreislauf aus wagemutiger Ambition, radikaler Zerstörung und dem Einfluss unerwarteter Visionäre. Genau diesem Faden folgen wir jetzt zu den faszinierenden Überresten einstiger königlicher Macht. Unser nächstes Ziel ist das Kieler Schloss, das nur entspannte sechs Minuten zu Fuß entfernt liegt.



