Links ragt in den Princes Street Gardens eine hohe, dunkle Spitze aus dem Grün - filigran wie steinerne Spitze, neugotisch, und unten mit einem großen Bogen, als hätte jemand ein Tor in eine Rakete aus Stein geschnitten....
Das ist das Scott Monument, Edinburghs viktorianischer Liebesbrief an Sir Walter Scott. Er hat mit seinen Romanen das Bild vom „abenteuerlichen Schottland“ exportiert - Schwerter, Burgen, Tartan, das ganze Programm - und damit praktisch eine Marke geschaffen. Und ja, das Denkmal ist riesig: ungefähr zweihundert Fuß hoch. Damit ist es das zweitgrößte Monument für einen Schriftsteller weltweit, nur das José Martí Monument in Havanna ist noch größer. Offenbar bekommen Autoren doch Wolkenkratzer... wenn sie genug Bestseller schreiben und rechtzeitig sterben....
Nach Scotts Tod im Jahr achtzehnhundertzweiunddreißig wollte man mehr als eine Gedenktafel. Es gab einen Wettbewerb, gewonnen hat ein Entwurf von „John Morvo“ - klingt wie ein Bösewicht, war aber der Name eines mittelalterlichen Baumeisters, der mit Melrose Abbey verbunden ist. Die Pointe: „Morvo“ war in Wahrheit George Meikle Kemp, fünfundvierzig, gelernter Schreiner und Zeichner, Autodidakt in Architektur. Er rechnete wohl damit, ohne Diplom würde man ihn abwinken - also Tarnname. Es funktionierte: achtzehnhundertachtunddreißig bekam er den Auftrag....
Der Turm besteht aus Binny-Sandstein aus West Lothian. Und er ist als Stadtbühne gebaut: Von der South Saint David Street aus wird er zum Schlussbild der Sichtachse und verdeckt sogar die Old Town. Subtil ist anders....
Schau in den großen Bogen: In der Mitte sitzt Scott, aus weißem Carrara-Marmor, gemeißelt von John Steell, Federkiel in der Hand - und zu seinen Füßen wacht sein Hund Maida. Ringsum stehen Figuren aus Scotts Romanen: insgesamt achtundsechzig Statuen, vierundsechzig davon kann man von unten entdecken, wenn der Nacken mitmacht....
Wenn du hoch willst: Es sind zweihundertsiebenundachtzig Stufen zur Plattform, mit Rundblick über Edinburgh. Aber die Arbeit hatte einen Preis. Viele Steinmetze schlugen die Details in geschlossenen Hütten und atmeten feinen Staub ein. Damals nannte man das „phthisis“ - heute würden wir von Silikose sprechen, einer schweren Staublungenkrankheit. Zeitgenossen schrieben, das Monument habe dreiundzwanzig der besten Steinmetze der Stadt das Leben gekostet; bis zu die Hälfte der Arbeiter soll an Lungenleiden gestorben sein....
Der Grundstein wurde am fünfzehnten August achtzehnhundertvierzig gelegt, fertig war alles achtzehnhundertvierundvierzig, Kosten: etwas über sechzehntausend einhundertvierundfünfzig Pfund - grob um die zwei Millionen Pfund heute, oder etwa zweieinhalb Millionen U-S-Dollar. Und die bitterste Ironie: Kemp erlebte die feierliche Einweihung achtzehnhundertsechsundvierzig nicht mehr. Achtzehnhundertvierundvierzig fiel er auf dem Heimweg in den Union Canal und ertrank. Edinburgh baute ein Denkmal für einen Erzähler... und der Erfinder verschwand einfach....
Wenn du bereit bist: Als Nächstes kommt das General Register House. Geh einfach etwa fünf Minuten nach Osten Richtung Waverley Bridge.



