Um die Kirk of St Nicholas zu finden, halten Sie nach einer hoch aufragenden Granitkirche Ausschau: eine schlanke Spitze, darunter eine Uhr, und darunter wieder diese Rundbogenfenster. Zwischen den Ästen der alten Bäume im Kirchhof blitzt sie hervor. Einmal hochschauen, und Sie wissen: Treffer.
Sie stehen hier vor der Kirk of St Nicholas, in Aberdeen liebevoll „Mither Kirk“ genannt, also die „Mutterkirche“. Und glauben Sie mir: Dieses Gebäude ist älter als so mancher Stammbaum und redseliger als eine Nachbarin, die „nur ganz kurz“ was erzählen will.
Wir drehen die Uhr zurück bis ins Jahr elfhunderteinundfünfzig. Damals setzten nicht nur Seeleute auf den heiligen Nikolaus, sondern auch die Leute in Aberdeen: Schutz für Handel, für stürmische Seewege und vermutlich auch für ein bisschen weniger Ärger mit dem Wetter. Im Mittelalter war die Kirche riesig, eine der größten Schottlands, zeitweise so bedeutend, dass sie es mit St Mary’s in Dundee aufnehmen konnte. Und dann kommt Bischof Elphinstone ins Spiel: Er weihte die Erweiterung im Jahr vierzehnhundertachtundneunzig. Zum fünfhundertsten Jahrestag bekam der Haupteingang ein besonderes Buntglasfenster mit Blick auf Drum’s Aisle, also den „Gang von Drum“. Dort liegen noch heute die Irvines von Drum Castle begraben. Stellen Sie sich vor, wie hier seit dem fünfzehnten Jahrhundert Schritte über den Stein hallen.
Einfach war die Geschichte aber nicht. Unter einem Dach gab es gleich zwei Gemeinden: die East Kirk und die West Kirk, wie zwei Geschwister, die sich ein Zimmer teilen müssen. Die East Kirk im gotischen Stil, die West Kirk in klassisch italienischer Manier. Doch dann kam der Brand von achtzehnhundertvierundsiebzig: Die East Church und der alte Mittelturm wurden zerstört. Mit ihnen verschwand auch der berühmte hölzerne Turmhelm und eine geliebte Glocke namens Lowrie, so groß, dass sie sonntags fast wie ein sanftes Erdbeben geklungen haben muss. Aber Aberdeen wäre nicht Aberdeen, wenn man sich davon unterkriegen ließe: Es entstand ein neuer Granitturm, und darin ein Carillon aus Belgien, ein „Glockenspiel“ aus sechsunddreißig gestimmten Glocken, das man wie ein Instrument spielt. Der Stadtklatsch sagt: Klanglich eher… ausbaufähig. Im Jahr neunzehnhundertfünfzig kamen sogar noch mehr Glocken dazu.
Drinnen geht’s weiter mit Überraschungen: In der Oil and Gas Chapel sehen Sie handgefertigte Holzmöbel des verstorbenen Tim Stead und ein Buntglasfenster von Shona MacInnes, das Aberdeens Leben erzählt. Außerdem gibt es ein besonderes Denkmal für Menschen, die in den Ölfeldern der Nordsee ums Leben kamen.
Und unter Ihren Füßen steckt noch mehr: die alte Vault, auch Chapel of Our Lady of Pity genannt, mit mittelalterlichen Gewölben und erhaltenem Holzwerk. Sogar Diebe haben’s versucht: Im Jahr fünfzehnhundertzweiundsechzig klauten lokale Halunken Blei vom Taufbecken und wären dafür beinahe verbannt worden.
Der Kirchhof umschließt drei Seiten der Kirche, dicht voll mit „table stones“, also flachen, tischartigen Grabplatten, und Denkmälern für alle möglichen Leute: von Stadtoberhäuptern bis zu Arktisforschern. Manche Steine sind sogar im Pflaster gelandet oder, etwas schräg, im Parkplatzbereich.
Wenn Sie genau hinhören, können Sie sich vorstellen, wie Predigten von Adam Heriot, John Craig oder Andrew Cant hier nachklingen. Regulär genutzt wird die Kirk heute nicht mehr; die West Kirk gehört inzwischen Scot-ART, und in der East Kirk fördern Archäologinnen und Archäologen weiter mittelalterliche Geheimnisse zutage.
Wenn Sie später mehr über den Kirchhof, die Geistlichen oder die berühmten Bestattungen wissen wollen: Gehen Sie in den Chatbereich der App und fragen Sie mich. Ich plaudere gern, ganz im Sinne der Mither Kirk.


