
Schauen Sie nach links, nach dem hell verputzten Stadthaus mit einer abgewinkelten Straßenecke, Reihen rechteckiger Fenster und einem stattlichen Rundbogenportal, das in die abgeschrägte Wand eingelassen ist.
Das Bernerhaus wirkt fast diskret, als ob es nicht prahlen möchte. Doch sein älterer Name, Haus zur Gedult, verbirgt ein köstlich politisches Geheimnis. Dies war nicht einfach nur ein Familienheim. Es diente als Berner Gesandtenhaus, eine diplomatische Adresse inmitten des gewöhnlichen Stadtlebens.
Das ist von Bedeutung, weil die Eidgenössische Tagsatzung in Frauenfeld - die regelmäßige Versammlung, bei der sich Delegierte der Schweizer Kantone trafen, um zu verhandeln und zu regieren - die Stadt von 1713 bis 1798 in eine politische Bühne verwandelte, und Häuser wie dieses die Berner Gesandten beherbergten. Frauenfeld war wichtig, weil der Thurgau noch kein selbstverwalteter Kanton war. Er wurde gemeinsam von anderen regiert, daher entfalteten sich Entscheidungen über Recht, Verwaltung und Macht oft nicht in einem abgelegenen Palast, sondern in Logierhäusern wie diesem.
Und das ist die Besonderheit, die dieses Gebäude bietet: Die Macht in Frauenfeld blieb nicht nur im Schloss. Im 18. Jahrhundert packte sie in Stadthäusern ihre Koffer aus, schickte Sekretäre in die oberen Stockwerke und führte Pferde in die Hinterhöfe.
Das Bernerhaus stand in einer Reihe von zehn Häusern, die einst den nordwestlichen Rand der alten Innenstadt bildeten, fast wie eine bebaute Stadtmauer. Am 9. Juli 1771 fegte ein Feuer durch diese gesamte Häuserzeile. Jedes Haus brannte nieder. Zu den damaligen Eigentümern dieses Anwesens gehörten Johann Peter Mörikofer und seine Familie. Als die Asche abkühlte, begann der Wettstreit. Hausbesitzer und die Stadt wollten alle dieselben profitablen Gäste: die kantonalen Gesandten, die jedes Jahr zuverlässig um das Fest Peter und Paul, am 29. Juni, eintrafen und pünktlich zahlten.
Die Geschwister Mörikofer handelten schnell. Als dieses wiederaufgebaute Haus 1774 fertig war, boten sie es erneut den Berner Vertretern an. Bern stimmte dem Prinzip nach zu und gewährte ihnen dann ein Baudarlehen von fünftausendfünfhundert Gulden - eine sehr beträchtliche Summe, die nach heutigem Wert etwa mehreren hunderttausend Schweizer Franken entsprach. Das zeigt, wie wertvoll diese Adresse geworden war. Die Unterbringung der Berner Gesandten bedeutete Status, Einkommen und Einfluss.
Schauen Sie sich den seltsamen Winkel der Front genau an. Die meisten Touristen gehen daran vorbei. Einheimische bemerken ihn sofort. Die Fassade biegt sich immer noch zur alten Obergasse hin, und in diesem abgewinkelten Abschnitt gab es einst fast keine Fenster, nur einen großen Bogeneingang. Es war der formelle Zugangspunkt zum Berner Anwesen - ein raffiniertes architektonisches Augenzwinkern, das besagt, dass dieses Haus Ankünfte, Geschäfte und Rang abwickelte.
Die Gesandten reisten auch nicht mit leichtem Gepäck. Sie brachten Sekretäre mit, oft auch Pferde und Kutschen, und das Bernerhaus bot hinten Stallungen. So beherbergte diese Adresse Diplomatie am einen Ende, häusliches Leben am anderen, und rundherum ging die Altstadt ihrem Handel, Gottesdienst und Klatsch nach.
Heute beherbergen die Räume andere Arten von Autorität. Seit 1976 ist die Evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau Eigentümerin des Hauses. Das Erdgeschoss gehört dem Kunstverein, der mit wechselnden Ausstellungen und seiner eigenen Gemäldesammlung vertreten ist. Im Obergeschoss setzen Kirchenbüros und Sitzungszimmer die alte Gewohnheit fort, das Gebäude mit Beratungen zu füllen.
Das Haus bietet also immer noch Menschen Schutz, die hierher kommen, um zu interpretieren, zu organisieren und zu bewahren. Direkt vor Ihnen geht das Museum für Archäologie des Kantons Thurgau diesem Instinkt eine Ebene tiefer nach - von eingerichteten Räumen und erinnerter Politik hin zu den älteren Spuren unter der Stadt selbst.


