
Vor Ihnen erhebt sich das Gymnasium Kirchenfeld, ein breiter symmetrischer Steinbau, dessen markante, hoch aufragende Säulen in der Mitte von dunklen steinernen Skulpturen auf den vorderen Mauersockeln flankiert werden. Dieser neoklassizistische Bau, ein Architekturstil, der sich mit seinen strengen Linien an antiken Tempeln orientiert, wurde in den zwanziger Jahren errichtet, um Autorität und Beständigkeit auszustrahlen.
Es ist ein Ort, der genau dafür konzipiert wurde, den Nachwuchs der einflussreichen Kreise zu formen. Hier wurden Diplomatenkinder, zukünftige Politiker und grosse Denker unterrichtet. Doch hinter dieser elitären Fassade und in den langen Schulkorridoren verbergen sich tiefgründige, manchmal auch sehr verschwiegene Geschichten.
Nehmen wir zum Beispiel den ehemaligen Schüler Peter Bieri. Er absolvierte hier seine Matura, also den höchsten Schweizer Schulabschluss, der direkt zur Universität führt. Später machte er dieses Gymnasium zum zentralen Schauplatz seines Weltbestsellers Nachtzug nach Lissabon. In dem Roman unterrichtet die Hauptfigur jahrzehntelang alte Sprachen in diesen ehrwürdigen Räumen, bis ein Ereignis auf der nahen Brücke sein streng geordnetes Leben beendet und er mitten am Tag aus der Schule flieht. Das wirklich Spannende daran ist, dass Bieri selbst später eine hoch angesehene Karriere als Philosophieprofessor hinwarf. Er kehrte dem regulären Universitätsbetrieb frustriert den Rücken, um verborgen unter dem Pseudonym Pascal Mercier Romane zu schreiben.
Neben solchen literarischen Fluchten gibt es hier auch reale politische Geheimnisse. In den dreissiger Jahren besuchte Richard von Weizsäcker, der spätere deutsche Bundespräsident, dieses Gymnasium, während sein Vater als Gesandter in Bern stationiert war. Es gibt jedoch ein brisantes Detail, das er später in seinen Memoiren völlig unerwähnt liess. Während seiner Zeit an dieser öffentlichen Schweizer Schule leitete der junge Weizsäcker die lokale Gruppe der Hitlerjugend. Es war ein unbequemes, sorgfältig stillgeschwiegenes Kapitel seiner Jugend. Dennoch blieb seine emotionale Bindung an diesen Ort erstaunlich stark. Bei einem umjubelten Staatsbesuch in den achtziger Jahren wich er bewusst vom offiziellen Protokoll ab. Er liess sich eigens hierher fahren und zog sich abseits der Öffentlichkeit und der Kameras für einen stillen Moment in ein leeres Klassenzimmer zurück.
Auch der legendäre Berner Mundart-Sänger Mani Matter legte hier seine Prüfung ab. Seine musikalische Reise nahm genau in diesen Mauern ihren Anfang, als er noch während der Schulzeit sein allererstes Chanson verfasste, bevor er an die Universität wechselte.
Das Gebäude ist von Montag bis Freitag von sieben Uhr morgens bis Viertel nach sechs am Abend geöffnet und bleibt an den Wochenenden geschlossen.
Wir machen uns nun auf den Weg zu einer anderen Institution, die darüber entscheidet, was in diesem Land überhaupt als Kultur gefördert wird. Das Bundesamt für Kultur ist nur eine Minute zu Fuss von hier entfernt.


