Vor Ihnen erhebt sich ein gewaltiger, aus grauem Sandstein gemauerter Sakralbau, der mit seinem spitz zulaufenden Hauptturm, den gotischen Spitzbogenfenstern und der markanten blau-goldenen Turmuhr den Himmel durchschneidet.
Wenn Sie auf diese monumentale Architektur blicken, ist es kaum vorstellbar, dass dieser Ort ganz bescheidene Wurzeln hatte. Im späten dreizehnten Jahrhundert stand hier eine kleine Spital-Kapelle, die den Ärmsten, den Kranken und den Pflegebedürftigen von Basel ein sicheres Bett und dringend benötigte Fürsorge bot. Diese Einrichtung war ein essenzieller Schutzraum für vulnerable Menschen am Rande der Gesellschaft. Selbst nach dem Tod kannten diese Menschen keine Gleichheit. Die verarmten Spitalinsassen wurden auf einem sogenannten unteren Friedhof begraben, während man im achtzehnten Jahrhundert sogar plante, eine feste Mauer hochzuziehen, um sie im Tod von den wohlhabenderen Pfarreimitgliedern abzugrenzen.
Wie also wurde aus dieser einfachen Armenkapelle die bedeutendste neugotische Kirche der Schweiz? Die Antwort liegt im neunzehnten Jahrhundert und bei Christoph Merian, einem immens reichen Grossgrundbesitzer. Merian beobachtete die weltlichen Veränderungen seiner Zeit mit grossem Misstrauen. Er wollte ein wuchtiges Mahnmal gegen die Säkularisierung errichten. Als er kurz vor der Grundsteinlegung starb, hinterliess er seiner Witwe Margaretha ein gigantisches Vermögen von rund zwölfeinhalb Millionen Franken. Das entspräche heute mehreren hundert Millionen. Sie übernahm kurzerhand die Bauaufsicht und stellte sicher, dass seine Vision exakt umgesetzt wurde.
Um dieses ehrgeizige Bauwerk in nur sieben Jahren fertigzustellen, griffen die Architekten zu einer genialen bautechnischen Innovation. Versteckt im Turm befinden sich vernietete Eisenkonstruktionen. Das ist exakt dieselbe Methode, die Jahrzehnte später den Eiffelturm in Paris berühmt machen sollte. So konnte der zweiundsiebzig Meter hohe Turm kosteneffizient in den Himmel wachsen. Unter dem Gebäude verbirgt sich zudem eine Krypta. Wer das Stifterehepaar besuchen will, muss heute einen langen, bedrückend dunklen unterirdischen Gang durchqueren, bevor sich ein massives Eisentor zu den prunkvollen Marmorsarkophagen öffnet.
Trotz dieser Grandezza wäre die Kirche in den neunzehnhundertachtziger Jahren beinahe abgerissen worden. Das neue, brutalistische Theatergebäude aus massivem Beton rückte so provokativ an die Kirche heran, dass ihre freistehende Wirkung komplett zerstört war. Stadtplaner debattierten ernsthaft über die Zerstörung des Gebäudes. Doch eine intensive Bürgerbewegung rettete den Bau und erzwang eine radikale Transformation. Aus der streng konservativen Vision Merians wurde die Offene Kirche Elisabethen.
Der Gründer wäre vermutlich fassungslos. Heute ist dies die erste Schweizer City-Kirche mit einem offiziellen Label für LGBTI-Freundlichkeit. Hier verschmelzen frommer Respekt und anarchischer Frohsinn, besonders während der Basler Fasnacht. Dann wird der sakrale Raum zur Bühne für sogenannte Schnitzelbängg, das sind traditionelle, bissig-satirische Verse, die von schrillen Piccolo-Flöten begleitet werden. Die Kirche ist heute wieder das, was sie in ihren ersten Tagen war. Ein bedingungslos offener Raum, der niemanden ausschliesst.
Lassen Sie uns diese historische Spur des Mitgefühls weiterverfolgen. Wir spazieren nun zum Steinenkloster, einem Ort, der untrennbar mit dem Leben marginalisierter Frauen verbunden ist, und der nur vier Minuten von hier entfernt liegt.


