
Schauen Sie auf das schmale, weiss verputzte Gebäude zu Ihrer Linken mit dem steilen Ziegeldach und den auffälligen grünen Fensterläden, in die kleine Herzen geschnitten sind. Es sieht fast aus wie ein gemütliches Lebkuchenhaus, nicht wahr? Aber hinter dieser spätgotischen Fassade aus dem fünfzehnten Jahrhundert verbirgt sich das Cartoonmuseum Basel. Spätgotisch bedeutet hier übrigens, dass die Architektur durch diese steilen, in die Höhe strebenden Formen geprägt ist, ein Stil, der im späten Mittelalter sehr beliebt war.
Normalerweise stellen wir uns unter kultureller Erhaltung vor, dass alte Ölgemälde oder antike Marmorstatuen für die Nachwelt gerettet werden. Aber wahre Bewahrung umfasst viel mehr als nur die klassische Hochkultur. Es geht auch darum, die narrative Kunst und die Subkultur zu schützen. Indem man Comics, Graphic Novels und Karikaturen sammelt, bewahrt man die rohen, unzensierten Stimmen einer Gesellschaft, die oft Wahrheiten aussprechen, an die sich andere schlichtweg nicht herantrauen.
Und genau das war die Vision von Dieter Burckhardt. Er war ein klassischer Basler Mäzen, also ein wohlhabender Förderer der Künste, aber mit einer wunderbar schrägen Leidenschaft. Während andere feine, elitäre Kunst sammelten, widmete er sich ganz dem Humor und der Satire. Er liebte beispielsweise den parodistischen Stil des Cartoonisten Gerhard Glück so sehr, dass dessen Werke einen riesigen Teil der Sammlung ausmachten. Burckhardts private Schätze bildeten den Grundstein für diesen unglaublichen Ort.
Als das Museum neunzehnhundertsechsundneunzig hierher zog, stand das weltbekannte Architekturbüro Herzog und de Meuron vor einer kniffligen Aufgabe. Die strengen Denkmalschutzauflagen der Stadt verboten es, das historische Gebäude stark zu verändern. Werfen Sie doch mal einen Blick auf Ihren Bildschirm, um das Innere zu sehen. Anstatt den neuen Anbau im Innenhof optisch an das alte Gemäuer anzupassen, entschieden sich die Architekten für einen radikalen Bruch. Sie bauten einen hochmodernen, dreistöckigen Trakt und verbanden ihn durch ein helles Glasatrium mit dem Altbau. So zauberten sie auf einer winzigen Fläche von kaum dreihundertfünfzig Quadratmetern beeindruckend viel Platz für die mehr als zwölftausend Werke.
Doch diese Werke sind nicht nur zum Lachen da. Unter der Leitung von Anette Gehrig hat das Zentrum für narrative Kunst bewiesen, dass es keine Tabus scheut. Als im Januar zweitausendfünfzehn der schreckliche Terroranschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris stattfand, reagierte das Museum sofort. Nur wenige Tage nach der Tragödie verwandelte das Team das Haus in eine offene Diskussionsplattform. Sie präsentierten spontan Originalwerke von Charlie Hebdo, um die Meinungsfreiheit kompromisslos zu verteidigen. Sie boten mutigen Stimmen eine unverzichtbare Plattform, genau in dem Moment, als ganz Europa erschüttert den Atem anhielt.
Übrigens war der allererste Direktor des Hauses, Jürg Spahr, selbst ein international gefeierter Karikaturist. Als er in den Ruhestand ging, widmete ihm das Museum als Dankeschön kurzerhand die gesamte zwanzigste Ausstellung, das war eine absolute Premiere in der Geschichte des Hauses.
Falls Sie an einem Tag von Dienstag bis Sonntag hier sind, hat das Museum geöffnet und ist definitiv einen Besuch wert. Aber lassen Sie uns nun den Bogen spannen. Von dieser faszinierenden, humorvollen Sammlung spazieren wir jetzt zu den hochdramatischen Ursprüngen der ältesten öffentlichen Kunstsammlung der Stadt. Das gewaltige Kunstmuseum Basel liegt nur einen kurzen, dreiminütigen Spaziergang vor uns.


