
Zu Ihrer Rechten sehen Sie San Pietro Martire, eine Kirche mit einer markanten Fassade aus rotem Backstein, einem großen runden Rosettenfenster in der Mitte und drei schlanken Fialen, die wie steinerne Nadeln auf dem Dachgiebel balancieren. Werfen Sie einen Blick auf das erste Bild in Ihrer App, das diese lombardisch-gotische Architektur in ihrer ganzen Pracht zeigt.
Dieses Gebäude ist nicht nur eine einfache Kultstätte, sondern war einst das Zentrum eines mächtigen Dominikanerklosters, das im Juni 1445 durch eine päpstliche Bulle, also ein offizielles, mit einem Siegel versehenes Dekret von Papst Eugen dem Vierten, gegründet wurde. Hinter diesen Mauern verbirgt sich ein jahrhundertealtes Ringen um Einfluss, bei dem fromme Hingabe und strategisches Kalkül das architektonische und kulturelle Gesicht dieses Viertels für immer verändert haben.
Apropos strategisches Kalkül. Die herrschenden Herzöge hatten erstaunlich wenig Lust, sich auf dem Weg zum Gottesdienst unter das gewöhnliche Volk in den Straßen zu mischen. Also ließen sie einfach einen privaten, überdachten Geheimgang bauen, der direkt von der Falknerei der Burg in diese Kirche führte. Man wollte schließlich in Ruhe beten, ohne vom Pöbel angerempelt zu werden.
Doch das Kloster beherbergte nicht nur elitäre Adelige, sondern auch überaus ehrgeizige Geistliche. Der prominenteste war Bruder Michele Ghislieri, der hier als Prior diente. Über ihn erzählt man sich in Vigevano eine herrlich amüsante Legende. Als Bruder Michele eines Tages spazieren ging, beobachtete er einen Weinbauern beim Anbinden seiner Rebstöcke. Michele, der offenbar von unerschütterlichem Selbstbewusstsein geprägt war, kritisierte die Technik des Mannes schonungslos. Er warnte ihn, dass diese Rebe wohl erst an dem Tag Trauben tragen würde, an dem er selbst Papst werde. Der Bauer ließ sich diese Arroganz nicht gefallen und schoss sofort zurück. Er entgegnete, dass der Bruder dann wohl sehr bald Papst werden müsse und dass er ihm persönlich die allererste Traube nach Rom bringen werde. Der selbstsichere Winzer behielt recht, denn Bruder Michele stieg später tatsächlich zu Papst Pius dem Fünften auf.
Während solche Anekdoten das historische Klosterleben beinahe charmant wirken lassen, verbirgt die Architektur der Kirche wesentlich düsterere Geheimnisse. Rufen Sie doch mal das zweite Bild auf Ihrem Bildschirm auf, das den Innenraum zeigt. Die Decke besteht aus neugotischen Scheingewölben, die 1840 eingezogen wurden. Diese Konstruktion hat jedoch einen gewaltigen Haken. Sie verdeckt unersetzliche Fresken aus dem fünfzehnten Jahrhundert, die nun unerreichbar im dunklen Zwischenraum zum alten Dachstuhl eingeschlossen sind.
Noch extremer ist das, was sich unter dem Boden der Kirche befindet. Hinter einer eisernen Pforte existiert ein sogenanntes Putridarium. Dies war eine spezielle Krypta mit steinernen Sitzen. Verstorbene Mönche wurden nicht sofort in der Erde begraben, sondern in diese Sitze gesetzt, damit ihre Körperflüssigkeiten während der Verwesung direkt ins Erdreich abfließen konnten. Erst nach dieser natürlichen Mumifizierung sammelte man die Knochen endgültig ein. Ein absolut pragmatischer, wenn auch leicht verstörender Ansatz zur Platzersparnis.
Falls Sie das Innere selbst erkunden möchten, die Kirche ist täglich geöffnet, meist am Vormittag bis halb zwölf und dann wieder ab vier Uhr nachmittags. Lassen Sie uns nun zu einer anderen religiösen Stätte mit einem eher kuriosen, ländlichen Ursprung weitergehen und zur Kirche des Heiligen Kreuzes spazieren, die nur etwa drei Minuten entfernt liegt.


