
Vor Ihnen erstreckt sich der Palazzo Roncalli, eine langgestreckte, helle Steinfassade mit markanten horizontalen Fugen im Erdgeschoss und kleinen Rundbögen über den Fenstern, in denen die steinernen Büsten berühmter Italiener ruhen. Diese Gesichter von Dante, Galileo und anderen Genies wurden achtzehnhunderteinundfünfzig vom Bildhauer Giuseppe Bottinelli hinzugefügt, um den erlesenen Geschmack der Familie zur Schau zu stellen.
Aber der wahre architektonische Clou dieses Gebäudes war jahrhundertelang nicht an der Fassade zu finden, sondern versteckt im Innenhof. Dort stand ein massiver Marmoraltar aus dem ersten Jahrhundert. Er zeigte einen römischen Würdenträger namens Manilius Iustus, der gerade dabei war, einen Stier zu opfern. Man baut also einen eleganten Palast im achtzehnten Jahrhundert und entscheidet sich als Dekoration für eine antike Rinderschlachtung. Sehr stilvoll. Heute sehen Sie dort nur noch einen perfekten Gipsabdruck, da das Original aus Sicherheitsgründen in das Nationale Archäologische Museum von Lomellina gebracht wurde, an dem wir vorhin vorbeigekommen sind.
Doch die interessanteste Geschichte dieses Palastes handelt nicht von Steinen, sondern von eiskalter familiärer Berechnung. Der Namensgeber, Vincenzo Roncalli, war ein Politiker im neunzehnten Jahrhundert. Er gründete in diesem Gebäude ein Institut für Kunst und Handwerk und vermachte der Schule sein gesamtes Vermögen. Das klingt unglaublich großzügig. Nun, die Herkunft dieses Vermögens war etwas rücksichtslos.
Vincenzo war der jüngste von sieben Geschwistern und der einzige Junge. Sein Vater hatte ein Testament verfasst, das an Deutlichkeit kaum zu übertreffen war. Er verbot seinen sechs Töchtern ausdrücklich, den männlichen Erben auch nur im Geringsten wegen des Geldes zu belästigen. Die Schwestern gingen komplett leer aus, damit Vincenzo die gesamte Kontrolle übernehmen konnte.
Vincenzo vermehrte dieses Geld während seiner Zeit als Bürgermeister und Senator enorm. Aber als er achtzehnhundertzweiundsiebzig starb, erwartete seine Nachkommen eine bittere Überraschung. Die Neffen öffneten das Testament und stellten fest, dass sie komplett enterbt worden waren. Alles ging an eine Stiftung, um die Berufsausbildung junger Arbeiter zu finanzieren. Die Familie war außer sich, engagierte den berühmten Anwalt Carlo Negroni und zerrte die Stadt in einen erbitterten Rechtsstreit. Diese Taktik der Familie endete in einem völligen Fehlschlag. Die Gerichte entschieden gegen die Neffen, die Stiftung wurde offiziell anerkannt, und der Palast bildete schließlich Jahrzehnte lang Mechaniker und Weber aus.
Reichtum verbirgt oft seine wahren Ursprünge, ähnlich wie unser nächster Halt seine mittelalterlichen Wurzeln verbirgt. Machen wir uns also auf den kurzen Weg zur San Pietro Martire.


