
Zu Ihrer Linken sehen Sie eine langgestreckte Fassade aus alten unverputzten Ziegelsteinen die durch hohe blinde Mauerbögen und eine schlichte von Stein gerahmte Holztür geprägt wird.
Das ist das Kloster San Felice, ein Ort, der im achten Jahrhundert von den Langobarden gegründet wurde. Der damalige langobardische König Desiderius und seine Frau Königin Ansa machten dieses Gebäude zu einem der wichtigsten Frauenklöster ihrer Zeit. Sie nutzten ihren weitreichenden Einfluss um diesen Ort zu einem Zentrum geistlicher und weltlicher Bedeutung auszubauen.
Schon bald wurde dieses Kloster mehr als nur ein Ort des Gebets es wurde zu einem gut bewachten Zufluchtsort. Frauen aus den höchsten europäischen Adelskreisen, die vor politischen Unruhen und blutigen Umstürzen fliehen mussten, fanden hinter diesen dicken Ziegelmauern Schutz. Die Abtei war eine Festung für diejenigen, deren königliche Linien zerschlagen worden waren - ein sicherer Hafen, an dem gestürzte Herrscherinnen im Exil überleben konnten.
Stellen Sie sich vor Sie müssten quer durch Europa fliehen um in einem fremden Kloster Zuflucht zu suchen... was würden Sie zurücklassen um Ihr eigenes Überleben zu sichern?
Eine Frau die genau diese harte Entscheidung treffen musste war Ethelswith. Sie war die Schwester des englischen Königs Alfred des Großen und die Ehefrau von Burgred dem König von Mercia. Als feindliche Wikinger ihren Ehemann absetzten verlor sie fast alles. Ihr Mann starb im Exil in Rom und sie selbst befand sich auf einer verzweifelten Reise dorthin als sie hier in Pavia schwer erkrankte. Zwischen den Jahren achthundertachtundachtzig und achthundertneunzig starb sie und wurde in genau diesem Kloster beigesetzt. Dass eine angelsächsische Königin hier ihre letzte Ruhe fand, zeigt uns, welch gewaltiges internationales Ansehen San Felice als Knotenpunkt für hochrangige Reisende auf der Via Francigena - dem historischen Netzwerk von Wegen für Pilger nach Rom - besaß.
Im fünfzehnten Jahrhundert übernahm die Äbtissin Andriola de Barrachis die Leitung. Lange Zeit glaubte man sie sei eine begnadete Malerin gewesen da ihr Name auf wunderschönen Kunstwerken stand. Doch moderne Forschungen deckten die Wahrheit auf. Sie schwang keinen Pinsel sondern war eine kluge und mächtige Auftraggeberin eine wahre Managerin der Renaissance. Sie nutzte die Kunst gezielt als Werkzeug um den Reichtum und den politischen Status ihres Klosters für die Nachwelt zu zementieren. Und dieser Reichtum war enorm. Im achtzehnten Jahrhundert besaß das Kloster ein Jahreseinkommen von vierunddreißigtausend Lire was heute einem massiven Millionenvermögen entsprechen würde.
Doch keine Macht hält ewig. Die Einrichtung wurde siebzehnhundertfünfundachtzig aufgelöst und später in ein Waisenhaus umgewandelt. Die einst elitären Hallen füllten sich mit kleinen Kindern die hier ein handwerkliches Gewerbe lernten um sich auf ein unabhängiges Leben vorzubereiten.
Wenn Sie sich nun von diesen stillen, altehrwürdigen Ziegeln abwenden, lassen Sie uns in Richtung unseres nächsten Ziels gehen. In nur zwei Minuten Gehzeit erwartet uns die weitaus dramatischere gotische Architektur der Kirche Santa Maria del Carmine, ein Baustil, der für seine himmelwärts strebenden Spitzbögen und feinen Details bekannt ist.


