
Vor Ihnen erhebt sich die Kirche Santa Maria del Carmine, deren gewaltige, giebelförmige Fassade aus rotem Backstein von einer kunstvollen, blumenartigen Fensterrose in der Mitte und in den Himmel ragenden, spitzen Ziertürmchen geprägt ist.
Gian Galeazzo Visconti war der Herzog von Mailand und ein Herrscher, dessen Schatten über ganz Norditalien fiel. Er war ein brillanter, aber berechnender Mann, der seine unermessliche Macht durch Krieg, Intrigen und nicht selten durch das Ausschalten der eigenen Verwandtschaft festigte. Sein Einfluss auf Pavia war geradezu erdrückend, denn er lenkte den Reichtum der Stadt ganz nach seinem Willen, baute Burgen und riss alte Viertel ab, wenn sie seinen Visionen im Weg standen.
In seinem Hoflager zu dienen, bedeutete, auf einem sehr schmalen Grat zwischen unvorstellbarem Reichtum und dem plötzlichen Untergang zu wandeln. Genau in dieser gefährlichen Welt bewegte sich Francesco Barbarava, der engste Schatzmeister des Herzogs. Er verwaltete die gigantischen Summen, die den rücksichtslosen Ehrgeiz der Visconti finanzierten. Im Jahr 1397 machte Barbarava dieser Kirche eine Spende von so enormem Ausmaß, dass man davon wohl eine kleine Armee hätte ausrüsten können. Mit diesem Vermögen sicherte er sich das Recht auf ein prunkvolles Familiengrab direkt am Hochaltar, dem heiligsten Ort der Kirche.
Aber diese Spende war weit mehr als nur ein frommer Akt. Wenn man einem gnadenlosen Meister dient und das Blutgeld eines Reiches verwaltet, wächst tief im Inneren das verzweifelte Bedürfnis, die eigene Seele reinzuwaschen. Gleichzeitig war es ein brillanter politischer Schachzug. Indem er seinen Namen für immer in den Stein eines der wichtigsten Gebäude der Stadt meißeln ließ, versuchte Barbarava, sein politisches Überleben in einer Hofgesellschaft zu sichern, in der Günstlinge fast täglich in Ungnade fielen. Er kaufte sich ein steinernes Erbe, aus Angst, dass sein weltliches jeden Moment ausgelöscht werden könnte.
Während Sie die Fassade betrachten, fällt Ihnen bestimmt die sogenannte Rosette auf. Das ist dieses gewaltige, kreisrunde Fenster in der Mitte, das aussieht wie eine filigrane, steinerne Blume. Sie taucht das Innere, das sogenannte Hauptschiff der Kirche, in ein wunderschönes Licht. Ein Hauptschiff nennt man den riesigen zentralen Saal, in dem sich die Gemeinde zum Gottesdienst versammelt.
Aber der Bau dieses Meisterwerks kam immer wieder ins Stocken. Weil Gian Galeazzo Visconti geradezu besessen davon war, an einem anderen Ort sein eigenes, noch prunkvolleres Mausoleum zu errichten, zog er plötzlich fast alle fähigen Handwerker von hier ab. Die einfachen Menschen von Pavia mussten über ein Jahrhundert warten, bis dieser gewaltige Backsteinbau im Stil der lombardischen Gotik endlich vollendet war. So sehr bestimmte der rücksichtslose Wille eines einzigen Mannes das Leben einer ganzen Stadt.
Falls Sie das Innere erkunden und die stillen Spuren dieser unruhigen Geschichte selbst suchen möchten, sind die Türen hier von Montag bis Sonntag zwischen sieben Uhr morgens und sieben Uhr abends für Sie geöffnet.
Lassen Sie uns nun die Schatten dieser machtgierigen Dynastie hinter uns lassen und noch tiefer in die wirklich alte Seele der Stadt eintauchen. Nur einen ganz kurzen Spaziergang von etwa einer Minute entfernt wartet die Kirche San Giovanni Domnarum auf uns, wo noch viel ältere Geheimnisse im Verborgenen ruhen.


