
Zu Ihrer Rechten sehen Sie die Kirche San Francesco. Betrachten Sie kurz diese wunderbare Fassade. Sie besticht durch den starken Kontrast aus tiefrotem Backstein und weißem Sandstein, ein seltenes Doppelportal und diese fünf auffälligen, zylindrischen Türmchen, die wie steinerne Nadeln in den Himmel ragen.
Die Fassade wirkt so ruhig und erhaben. Aber lassen Sie sich von dieser frommen Stille nicht täuschen. Wenn wir über rücksichtslose Ambition sprechen, dann ist dieser Ort ein perfektes Beispiel dafür, wie religiöse Hingabe für persönliches Ansehen missbraucht wurde.
Wir schreiben das Jahr 1399. Ein einflussreicher Höfling namens Ottone Mandelli trat genau hier vor die Franziskanermönche. Er überreichte ihnen eine atemberaubende Spende, nämlich drei prächtige, gotische Büsten aus feinstem, vergoldetem Kupfer. Im Inneren dieser Meisterwerke ruhten die heiligen Gebeine der Heiligen Apollonius, Viktor und Corona. Die Gläubigen der Stadt waren zweifellos tief bewegt von seiner Großzügigkeit.
Doch was damals niemand in dieser Kirche ahnte... Mandelli war kein frommer Spender. Er war das Gehirn hinter einem dreisten Raub. Sieben Jahre zuvor hatte er den Befehlshaber einer fernen Festung bestochen. Dieser stahl genau diese Reliquien aus einer dortigen Kirche und schmuggelte die Knochen heimlich zu Mandelli nach Pavia.
Um diesen unverfrorenen Diebstahl zu vertuschen und sich selbst als unfehlbaren Wohltäter zu inszenieren, gab Mandelli diese unglaublich teuren, goldenen Büsten in Auftrag. Er wusch seine Hände in Unschuld und kaufte sich einen Platz in der Geschichte, indem er sein Verbrechen mit purem Gold und einer großen öffentlichen Geste überdeckte.
Diese Mauern zogen solche Geschichten fast magisch an. Die Kirche wurde schnell zum Schauplatz für die Mächtigen, die mit allen Mitteln versuchten, ihr Andenken für die Ewigkeit zu kontrollieren. Nehmen Sie den berüchtigten Söldnerführer Facino Cane. Er war ein Mann, dessen Leben durch Gewalt, Machtgier und blutige Schlachten geprägt war. Als er 1412 schwer erkrankte und im Sterben lag, verlangte er, nicht in einer glänzenden Rüstung, sondern in der einfachen, rauen Kutte eines Franziskanermönchs begraben zu werden. Es war ein letzter, dramatischer Versuch, seine vielen Sünden abzuwaschen und sich einen Platz im Himmel zu sichern. Doch sein Plan ging furchtbar schief. Seine Witwe heiratete fast unmittelbar nach seinem Tod den Herzog von Mailand, der sich überhaupt nicht für Canes frommes Andenken interessierte. Der neue Ehemann riss sich einfach Canes immensen Reichtum und seine Privatarmee unter den Nagel, und der Name des großen Kriegers verblasste.
Selbst der mächtige Herzog Gian Galeazzo Visconti nutzte dieses Heiligtum, um seine Dynastie zu verherrlichen, und bestattete hier seine erste Frau, Isabella von Valois.
Wenn Sie das Innere und die Überreste dieser herrschaftlichen Träume besichtigen möchten, die Kirche ist täglich am Morgen und am späten Nachmittag geöffnet, sonntags auch über die Mittagszeit.
Wir machen uns nun auf den Weg zu einer anderen Kirche, die ebenfalls aus einer faszinierenden Mischung aus tiefer Hingabe und menschlichen Debatten entstanden ist. Folgen Sie mir einfach weiter, die Kirche Santa Maria di Canepanova ist nur knapp drei Gehminuten von hier entfernt.


