
Zu Ihrer Linken sehen Sie ein markantes Gebäude, bei dem glatter Putz in der unteren Hälfte auf massives, unverputztes rotes Ziegelmauerwerk trifft, das von einem quadratischen Turm mit einem großen Zifferblatt flankiert wird. Wir stehen vor der Kirche Santa Maria di Canepanova. Wenn man diese eher strenge Fassade betrachtet, ahnt man kaum, welche dramatischen Geschichten von Verzweiflung, Herrschaftsanspruch und Wundern sich dahinter verbergen.
Alles begann im späten fünfzehnten Jahrhundert. Damals befand sich hier kein Gotteshaus, sondern der Palast der adligen Familie Canepanova. Auf der Außenmauer ihres Hauses war ein Fresko der Madonna del Latte, der stillenden Gottesmutter, gemalt. Um das Jahr vierzehnhundertzweiundneunzig begannen die Menschen in Pavia von Wundern und Heilungen zu flüstern, die von diesem Bildnis ausgingen. Doch hinter der religiösen Inbrunst verbarg sich auch ein zutiefst weltliches Ringen um den Erhalt einer Dynastie. Es heißt, dass die mächtigen Frauen des Hofes, Bona von Savoyen oder Isabella von Aragon, vor genau diesem Bild ein feierliches Gelübde ablegten. Sie beteten verzweifelt für die Heilung von Gian Galeazzo Sforza, dem rechtmäßigen, aber kranken Erben des Herzogtums. Um den Fortbestand ihrer Blutlinie und ihre Autorität zu sichern, waren sie zu allem bereit. Und so beschloss die Stadt, das wundersame Fresko auf ewig zu schützen. Man schnitt das heilige Bildnis regelrecht aus der steinernen Hauswand heraus, und der Adlige Viscardo Canepanova stiftete seinen eigenen Palast als Baugrund für dieses monumentale Heiligtum.
Doch wer sollte ein Bauwerk errichten, das den göttlichen Beistand für ein ganzes Herzogtum manifestieren sollte? Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und betrachten Sie das Bild in Ihrer App. Sie sehen hier die würfelförmige Anlage und die unvollendete Fassade. Diese Architektur nennt man ad quadratum, ein Konzept, das streng auf der geometrischen Form eines Quadrats aufbaut. Über Jahrhunderte hinweg stritten sich Gelehrte leidenschaftlich um den Urheber dieses Entwurfs. Die Mönche, die die Kirche später übernahmen, bestanden voller Stolz darauf, dass der große Meister Donato Bramante der Architekt war. Ein Name, der unvergleichliches Prestige garantierte. Im Jahr neunzehnhundertdreizehn jedoch erschütterte ein Kunsthistoriker diese Gewissheit. Er fand ein altes Dokument, das Giovanni Antonio Amadeo, den damaligen Stararchitekten der Sforza-Familie, im Jahr fünfzehnhundertsieben auf der Baustelle verortete. Und heute? Da neigen viele Experten dazu, den Entwurf Cristoforo Solari zuzuschreiben. Es ist faszinierend. Der Drang, das eigene Erbe mit dem klangvollsten Namen der Epoche zu verknüpfen, hat diese architektonische Debatte über ein halbes Jahrtausend am Leben erhalten.

Im Inneren verbirgt sich heute ein achteckiger Raum voller barocker Pracht. Dort steht auch eine mächtige Orgel von Angelo Amati aus dem Jahr achtzehnhundertdreiundfünfzig, deren historischer Klang noch immer Musiker aus ganz Europa anzieht. Wenn Sie möchten, können Sie die Kirche an jedem Tag der Woche zwischen neun und neunzehn Uhr von innen besichtigen.
Lassen Sie uns nun unsere Reise fortsetzen und zum uralten Herzen der langobardischen Herrschaft wandern. Der Königspalast ist nur etwa drei Minuten zu Fuß entfernt.


