
Wenn Sie nach links schauen, sehen Sie eine Fassade, deren untere Hälfte glatt und schlicht verputzt ist, während die obere Hälfte aus rotem Backstein besteht und in der Mitte von einem großen, markanten Rosettenfenster aus Terrakotta geschmückt wird.
Hinter diesen schlichten Mauern verbirgt sich eine Welt voller Intrigen, in der Herrscher um ihren Einfluss kämpften und verzweifelt versuchten, sich ein Denkmal für die Ewigkeit zu erschaffen. Die Geschichte dieser Kirche, San Giovanni Domnarum, ist untrennbar mit einer faszinierenden Frau verbunden... Königin Gundeperga.
Stellen Sie sich den langobardischen Hof vor, an dem Vertrauen ein tödlicher Fehler sein konnte. Gundeperga war die Tochter einer Königin, doch ihre eigenen Ehen waren geprägt von kaltem politischem Kalkül und tiefem Misstrauen. Ihr erster Ehemann, König Arioald, beschuldigte sie des Hochverrats. Er glaubte, sie unterstütze eine gefährliche Revolte, und sperrte sie ohne Zögern drei lange Jahre in ein abgelegenes Schloss ein. Denken Sie nur: Eine mächtige Königin, plötzlich weggesperrt und völlig isoliert von der Welt. Erst durch das diplomatische Eingreifen fränkischer Herrscher erlangte sie ihre Freiheit und ihre Position am Hof zurück.
Um das Jahr sechshundertvierundfünfzig gründete sie genau diese Kirche. Vielleicht war sie als ihr ganz persönlicher Zufluchtsort gedacht, vielleicht aber auch als klares, steinernes Machtsymbol, um nach all der erlittenen Demütigung ihren Platz in der Geschichte unwiderruflich zu festigen. Der Name Domnarum bedeutet schlicht der Frauen, was darauf hindeutet, dass es hier ein spezielles Taufbecken für weibliche Gläubige gab. Gundeperga wollte hier auch begraben werden. Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Neue Forschungen deuten darauf hin, dass sie nach einem brutalen Mord an ihrem Stiefsohn aus Pavia fliehen musste. Sie starb vermutlich im Exil in Deutschland, wodurch ihr sorgsam geplantes hiesiges Grab für immer leer blieb. Ihr steinernes Vermächtnis war zwar gesichert, doch ihr Körper fand in dieser Kirche niemals Ruhe.
Die Mauern dieses Gebäudes zogen Geheimnisse jedoch geradezu an. Im neunten Jahrhundert nutzte Einhard, der berühmte Biograf Karls des Großen, genau diese Kirche als geheimes Zwischenlager für gestohlene heilige Reliquien, also verehrte Knochen und Überreste von Heiligen. Er hatte diese Knochen aus den Katakomben in Rom entwendet und versteckte sie hier, sicher vor neugierigen Blicken, bevor er sie heimlich weiter nach Norden schmuggelte.
Im Jahr sechzehnhundertelf entschied ein eifriger Geistlicher, das mittelalterliche Kirchenschiff, also den großen Hauptraum der Kirche, weitgehend abzureißen und den Boden anzuheben. Dabei wurde die uralte Krypta im Untergeschoss, die teils auf den Überresten römischer Badehäuser ruhte, einfach versiegelt und jahrhundertelang als dunkles Knochenhaus vergessen. Bis zum Jahr neunzehnhundertvierzehn. Ein lokaler Priester ließ buchstäblich die Rückwand durchbrechen und fand die Krypta wieder. Unter dem dortigen Boden entdeckte man später sogar einen schwarzen Tontopf mit vierhundert alten Silbermünzen. Jemand hatte dieses kleine Vermögen in einer Zeit großer Gefahr dort versteckt und nie wieder abgeholt.
Die Kirche ist übrigens an jedem Tag der Woche von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends geöffnet, falls Sie das Innere auf eigene Faust erkunden möchten. Wir lassen nun diese verborgenen königlichen Geheimnisse hinter uns und machen uns auf den Weg zum größten religiösen Bauwerk der Stadt, denn die Kathedrale von Pavia ist nur etwa drei Minuten zu Fuß entfernt.


