Schau direkt nach vorne zur Ecke des Platzes Piazza delle Erbe: Dort erhebt sich ein prächtiges, zweistöckiges Gebäude aus hellem Stein und roten Backsteinen, mit riesigen Rundbögen und verzierten Doppelbogenfenstern, das wie eine Burg wirkt, doch gleichzeitig mit seinen großen Schaufenstern im Erdgeschoss sehr einladend aussieht.
Jetzt stell dir mal vor, du stehst genau an diesem Ort - vor fast 150 Jahren hätte hier wohl kein Lachen über den Platz gehallt! Der Palazzo delle Debite sieht zwar elegant und fast ein bisschen wie aus einem Märchen aus, aber sein Ursprung ist eigentlich gar nicht so lustig: Früher war das mal das Gefängnis für Schuldner. Ja, du hast richtig gehört! Wer seine Rechnungen nicht bezahlen konnte, bekam keinen blauen Brief, sondern eine kleine Zelle und jede Menge Zeit zum Nachdenken. Da fragt man sich fast, ob die Gläubiger den Spruch „Zeit ist Geld“ ein bisschen zu ernst genommen haben?
Der heutige Palazzo entstand erst 1874, weil die Stadt Padua frischen Wind und mehr Licht auf dem Platz wollte. Und weil das damals schon ein großes Thema war - quasi ein Architektur-Wettstreit! - setzten sich ganz viele berühmte Baumeister an ihre Reißbretter. Am Ende gewann Camillo Boito, ein echter Stararchitekt jener Zeit. Er sollte ein Gebäude schaffen, das perfekt zum alten Nachbarn, dem Palazzo della Ragione, passt, aber auch Platz für die moderne Welt bietet. Und so gibt’s unten große, lichtdurchflutete Bögen für bunte Geschäfte und oben bequeme Wohnungen - Shopping und Wohnen unter einem Dach, ein bisschen wie eine mittelalterliche Mall!
Als das Haus gebaut wurde, hat Boito Stoffe aus verschiedenen Epochen zusammengenäht wie ein Modezar: Mittelalterliche Elemente treffen auf protorenaissancehafte Raffinesse. Schau dir die hohen Arkaden an! Diese majestätischen Bögen sind „aus Botticino-Stein gemeißelt“ - klingt edel, ist es auch! Darüber verzieren feinste Gussdetails aus Eisen die Decken. Fast als hätte ein Schmied und ein Bildhauer zusammen einen Traum gehabt. Die Fenster sind zwiebelartig übereinander angeordnet, oben mit großen Bögen, unten ganz praktisch fürs Tageslicht.
Und als ob das nicht schon schick genug wäre, hat Boito der Fassade kleine Löwen verpasst, die sich stolz ihren Platz an den Ecken sichern und dabei tapfer ein Wappenschild halten. Kein Wunder, dass sich niemand mehr ins Gefängnis zurücksehnt - heute will hier jeder lieber einen Espresso trinken oder ein neues Kleid kaufen! Wer weiß, vielleicht spukt nachts noch der ein oder andere ehemalige Schuldner durch die Arkaden, auf der Suche nach verlorenem Kleingeld…
Also, genieße diesen beeindruckenden Anblick, schau dir die Kontraste zwischen weißem Stein und rotem Backstein an und versuch mal zu erraten, welches der vielen Fenster als erstes das helle Tageslicht von Padua eingefangen hat. Aber keine Sorge - heutzutage kommst du aus dem Palazzo delle Debite jederzeit wieder hinaus. Vorausgesetzt, du verirrst dich nicht im Angebot der Geschäfte!



