Auf Ihrer rechten Seite sehen Sie die Kirche Sant'Anna. Ihre eher schlichte Fassade lässt nicht unbedingt erahnen, welche aufopferungsvolle Geschichte in diesen Steinen steckt.
Im Jahr 1675 zog hier ein besonderer Orden ein, die Kamillianer. Sie waren als die Diener der Kranken bekannt. Diese Pfleger widmeten ihr Leben bedingungslos den verletzlichsten Bürgern von Marsala, boten unerschütterliche Hilfe an und machten keinen Unterschied zwischen Arm und Reich. Wenn die Not am größten war, waren sie da.
Und sie kümmerten sich nicht nur um den Körper, sondern auch um die Seele der Stadt. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts passierte etwas Vorhersehbares. Den adligen Familien ging das Geld aus. Sie weigerten sich schlichtweg, die berühmte Gründonnerstagsprozession weiter zu finanzieren. Statt diese jahrhundertealte Tradition sterben zu lassen, sprangen die Kamillianer ein und organisierten sie selbst. Erst viel später, nach dem Ersten Weltkrieg, als alles fast unwiederbringlich zerfallen war, übernahmen lokale Handwerker das Ruder und restaurierten mühsam die historischen Kostüme, um das Ritual am Leben zu erhalten.
Aber zurück zu den Mönchen. Im Jahr 1866 beschloss der italienische Staat, kirchliche Güter zu beschlagnahmen, um die Staatskasse aufzubessern. Ein angeblich genialer Plan, der dazu führte, dass die Mönche kurzerhand auf die Straße gesetzt wurden. Ein schmerzhafter Rausschmiss nach zwei Jahrhunderten aufopferungsvoller Pflege. Die Kirche wurde dann einem Priester namens Francesco Sutera übergeben. Als die Kirche unaufhaltsam zu verfallen drohte, tat Sutera etwas ziemlich Mutiges. Im Jahr 1901 kaufte er das Gebäude vom Staat zurück. Und zwar mit seinem eigenen Geld. Er riskierte seinen gesamten privaten Besitz, kaufte die Kirche und gab sie offiziell der Gemeinde zurück. Ein bürokratischer Geniestreich, der den Ort vor dem endgültigen Ruin rettete.
Wenn man heute hineingeht, sieht man ein einziges Kirchenschiff. Das bedeutet, es gibt nur eine große, zentrale Halle für die Gemeinde, ganz ohne Seitengänge. Dieses Kirchenschiff ist mit Stuck, also kunstvollen dekorativen Gipsarbeiten aus dem achtzehnten Jahrhundert, verziert. Aber das Faszinierendste an der Innenausstattung kam erst 1983 ans Licht. Bei Arbeiten stieß man auf vier Gemälde, die das Leben des heiligen Kamillus zeigten. Diese Kunstwerke waren über ein Jahrhundert lang buchstäblich eingemauert und vergessen worden. Wie andere verborgene Heiligtümer, die wir auf unserer Tour schon kennengelernt haben, wurden diese Bilder ganz absichtlich versteckt, um sie vor der Konfiszierung durch den Staat zu schützen. Eine Zeitkapsel der Rebellion, eingemauert von verzweifelten Menschen, die ihr Erbe bewahren wollten.
Falls Sie hinein möchten, beachten Sie die etwas eigenwilligen Öffnungszeiten, denn die Kirche ist nur montags bis freitags vormittags und an einigen Nachmittagen zugänglich, während sie am Wochenende komplett geschlossen bleibt. Aber der wahre Geist der Kamillianer lebt ohnehin draußen weiter. Lassen Sie uns zum San Biagio Krankenhaus weitergehen, das nur etwa fünf Minuten zu Fuß von hier entfernt ist, um das ultimative Erbe dieser unermüdlichen Pfleger zu betrachten.


