
Auf deiner linken Seite siehst du einen gewaltigen roten Backsteinbau mit strenger rechteckiger Form, an dessen Fassade in großen Lettern SARTORI UND BERGER prangt. Das ist der heutige Sitz der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek. Wenn du einen Blick in die App wirfst, erkennst du diesen massiven Getreidespeicher aus den zwanziger Jahren als faszinierendes Industriedenkmal.

Dieser Ort ruht buchstäblich auf einer feurigen Vorgeschichte. Bereits 1886 stand genau hier ein mächtiges Lagerhaus, das in einem katastrophalen Brand vernichtet wurde. Historische Aufzeichnungen sprechen von haushohen Flammen und einem donnerähnlichen Getöse, als der mit Öl und Spiritus gefüllte Dachstuhl kollabierte. Aus diesen Trümmern entstand 1925 der heutige Bau. Im Inneren befindet sich noch immer ein originaler Schneckengang. Das ist eine clevere, spiralförmige Rutsche aus Metall oder Holz, über die Arbeiter einst schwere Getreidesäcke rasant aus den obersten Stockwerken nach unten beförderten.
Heute lagert hier kein Weizen mehr, sondern das kollektive Gedächtnis von Schleswig-Holstein. Doch dieses Gedächtnis besitzt extrem dunkle Kapitel. In den neunzehnhundertdreißiger Jahren fiel die Bibliothek unter die ideologische Kontrolle ihres Direktors Volquart Pauls. Unter seiner Führung verlor die Wissenschaft ihre Unschuld. Pauls und seine Verbündeten planten eine umfassende Landesgeschichte, die tief von der sogenannten Blut und Boden Ideologie durchdrungen war. Das war die gefährliche rassistische Doktrin der Nationalsozialisten, die behauptete, dass nur Menschen mit sogenanntem reinen Blut eine wahre, mystische Verbindung zur heimischen Heimaterde hätten. Die Bibliothek wurde zu einer Waffe der Propaganda umgebaut. Das ist eines der dunklen Kapitel der Kieler Geschichte, ein mahnendes Beispiel dafür, wie leicht intellektuelle Institutionen von Fanatikern gekapert werden können.
Dann kam der fünfte Januar 1944. Ein verheerender Bombenangriff traf das Kieler Schloss, in dem die Bibliothek damals untergebracht war. Es war ein weiteres, verheerendes Beispiel der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, die diese Stadt beinahe auslöschte. In einer fast schon panischen Rettungsaktion waren die allerwertvollsten historischen Schriften gerade noch rechtzeitig in das weit entfernte Kloster Cismar evakuiert worden. Doch alles andere, darunter der prachtvolle Lesesaal und die komplette Handbibliothek, verbrannte in einer einzigen Nacht zu Asche.
Nach dem Krieg musste sich die Institution aus dem Nichts neu erschaffen. Über zwanzig Jahre lang überlebte sie als Provisorium in einer ehemaligen Marinekaserne im Stadtteil Wik. Heute hütet sie wieder fast eine halbe Million Druckwerke. Darunter echte Sensationen, wie ein handgeschriebenes, unvollendetes Manuskript von Theodor Storm namens Sylter Novelle. Oder die größte öffentliche Schachsammlung Deutschlands. Diese verdanken wir einem genialen Anwalt namens Wilhelm Maßmann. Seine absolute Leidenschaft waren Miniaturen. So nennt man beim Schach hochkomplexe Problemstellungen, die aus maximal sieben Figuren bestehen.
Wer diese Archive selbst entdecken will, die Landesbibliothek hat von Montag bis Freitag zwischen neun Uhr dreißig und achtzehn Uhr sowie am Wochenende von zehn bis siebzehn Uhr geöffnet. Wir folgen nun wieder dem Ruf des Wassers und spazieren zu den echten maritimen Wurzeln der Stadt am Schifffahrtsmuseum Kiel, das nur knappe zwei Minuten entfernt auf uns wartet.



