
Zu deiner Rechten siehst du das Kieler Kloster, ein markantes Gebäude aus rotem Backstein mit einem massiven quadratischen Turm und einem orangefarbenen Ziegeldach unter dem sich große Bogenfenster aneinanderreihen. Diese Mauern bergen eine Geschichte, die wie ein episches Abenteuer beginnt und in einem handfesten Skandal endet.
Wir schreiben das Jahr 1227. Stell dir ein chaotisches Schlachtfeld bei Bornhöved vor. Die Truppen des Grafen stehen unter enormem Druck, und zu allem Überfluss werden sie von einer grellen, unbarmherzigen Sonne geblendet. In seiner Verzweiflung blickt der Graf in den Himmel und schließt einen Pakt mit dem Göttlichen. Er schwört, dass er Klöster bauen wird, wenn ihm nur eine einzige rettende Wolke geschickt wird, um die blendende Sonne zu verdecken. Und genau das passierte. Dunkle Wolken zogen auf, der Graf gewann die Schlacht, und als stolzer Sieger löste er sein Versprechen ein. Fünfzehn Jahre später, im Jahr 1242, stiftete er genau diesen Ort hier für den Franziskanerorden. Er nahm sein Gelübde sogar so ernst, dass er später selbst als Mönch in diese Mauern einzog und hier in der Kirche begraben wurde.
Die Franziskaner waren eigentlich ein Orden, der sich einem Leben in absoluter Armut und tiefer Demut verschrieben hatte. Doch wenn wir ein paar Jahrhunderte in die Zukunft springen, sehen wir, dass fromme Vorsätze manchmal ziemlich schnell verblassen. Die strengen Regeln des Ordens lösten sich förmlich in Luft auf. Anstatt zu beten und in stiller Bescheidenheit zu leben, entdeckten die Mönche ihre weltliche, geschäftliche Seite. Und das führte zu einem unglaublichen Problem.
Die Ordensbrüder eröffneten doch tatsächlich eine gut laufende Schankwirtschaft direkt hier im Kloster. Sie gaben sich völlig dem Handeltreiben, Bierzapfen und Zechen hin. Das ging so weit, dass sich der Rat der Nachbarstadt Lübeck einschalten musste und vehement die Schließung dieser klösterlichen Kneipe forderte. Die Situation war derart außer Kontrolle geraten, dass die Kirche hart durchgreifen musste. Sie verordnete dem Kieler Konvent eine strenge Reform, die man in der Kirchengeschichte als Observanz bezeichnet. Das bedeutet einfach gesagt, dass die Mönche durch die Obrigkeit zwangsweise zu ihren ursprünglichen Idealen der völligen Besitzlosigkeit und Disziplin zurückkehren mussten. Schluss mit dem Bierausschank.
Diese Entwicklung zeigt wunderbar, wie sich dieser Ort immer wieder wandeln musste. Vom frommen Start über den sündigen Absturz, von der Auflösung des Klosters während der Reformation bis hin zur Geburtsstätte der Universität in genau diesen Räumen. Später zerfielen die feuchten Mauern so sehr, dass man fluchtartig umziehen musste, und im Zweiten Weltkrieg legten Bomben fast alles in Schutt und Asche. Doch aus diesen Trümmern erhob sich der Bau durch Spenden erneut. Ein endloser Kreislauf aus ehrgeizigen Träumen, völligem Ruin und mutigen Neuanfängen. Sogar alte Geheimnisse blieben erhalten, als man bei Gartenarbeiten die originale Altarplatte der zerstörten Kirche wiederfand, wie Schatten der Vergangenheit, die plötzlich ans Licht kamen.
Von frommen Gelübden, berauschten Mönchen und alten Universitätsmauern machen wir jetzt einen ziemlich radikalen Schnitt. Bereite dich auf einen wilden Themenwechsel vor, denn wir tauschen heilige Hallen gegen klärendes Abwasser. Unser nächster Halt ist die Pumpe, und die ist nur etwa zwei Minuten Fußweg von hier entfernt. Machen wir uns auf den Weg.



