
Auf dem Bild in deiner App erkennst du das historische Kieler Schloss als massiven, mehrstöckigen Palast mit einer hellen Fassade, einem ausladenden Dach und einem markanten quadratischen Turm auf der linken Seite.
Doch wenn du heute aufblickst, siehst du einen klaren, roten Backsteinbau - ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie sehr der Drang nach Größe, gepaart mit dramatischen Katastrophen, das Gesicht dieser Stadt geformt hat. Alles begann genau hier im dreizehnten Jahrhundert. Graf Adolf der Vierte, dessen Namen wir auf unserer Tour bereits begegnet sind, ließ an dieser strategischen Stelle eine Burg errichten. Es war anfangs nur eine wehrhafte Festung, die eine schmale Landzunge zwischen der Förde und dem Binnengewässer schützen sollte.
Die einfachen Steinmauern genügten den späteren Herrschern jedoch nicht lange. Dänische Könige und Gottorfer Herzöge verwandelten die schlichte Festung über die Jahrhunderte in eine prunkvolle Residenz. Wirf einen kurzen Blick auf deinen Bildschirm, um den mächtigen Ostflügel in seiner ganzen Pracht um das Jahr neunzehnhundert zu sehen. Das Schloss war zu einem gigantischen Palastkomplex mit kunstvollen Giebeln und königlichen Gemächern herangewachsen.
Aber große Bauprojekte enden manchmal in spektakulären Katastrophen. An einem Frühlingsnachmittag im Jahr sechzehnhundertfünfundachtzig, exakt um vierzehn Uhr, brach die gesamte Vorderfront des ältesten Flügels völlig unerwartet und ohne jede Vorwarnung in sich zusammen. Dieser gewaltige Einsturz zwang die Architekten zu einem kompletten Neubau, der dem Schloss schließlich seine charakteristische U-förmige Gestalt gab.
In den folgenden Epochen erlebte das Schloss kaiserlichen Glanz und blankes Chaos. Ende des neunzehnten Jahrhunderts zog Prinz Heinrich von Preußen ein. Er war Großadmiral der Marine und zugleich ein leidenschaftlicher Technikpionier. Er schraubte oft selbst im Schlosshof an seinen frühen Automobilen herum. Sein Auszug aus dem Palast verlief allerdings hochdramatisch. Während des Matrosenaufstands im November neunzehnhundertachtzehn, als rebellierende Seeleute die Kontrolle über die Stadt übernahmen, hissten die Meuterer die rote Fahne der Revolution direkt auf dem Schlossdach. Heinrich musste in einem getarnten Auto aus seiner eigenen Residenz fliehen, wobei es auf der Flucht sogar zu einer Schießerei kam.
Die dunkelste Stunde des Bauwerks schlug schließlich im Zweiten Weltkrieg. Im Januar neunzehnhundertvierundvierzig brannte das Gebäude nach einem massiven Bombenangriff bis auf die Grundmauern nieder. Anstatt die verlorene Historie mühsam wiederaufzubauen, entschied sich die Stadt für einen architektonischen Neuanfang im Stil der Nachkriegszeit. Schau dir in der App gerne einmal den Vergleich an, wie dieser Ort von einer reich verzierten Residenz zu dem modernen, minimalistischen Kulturzentrum wurde, das heute vor dir steht.
Heute erfüllt ein frisch sanierter Konzertsaal den Backsteinbau wieder mit Leben. Es ist längst kein adliger Wohnsitz mehr, sondern ein offener Raum für die Menschen der Stadt.
Lass uns nun unsere Reise fortsetzen. Wir machen uns auf den Weg zum Warleberger Hof, dem letzten erhaltenen Adelspalais der Stadt, das nur etwa drei Gehminuten entfernt auf uns wartet.



