
Vor dir siehst du den massiven, blockartigen Betonbau mit seinen markanten, gleichmäßigen Fensterreihen, der sich direkt an der steinernen Uferkante des Bootshafens erhebt. Es klingt wie aus einem verrückten Traum, aber genau hier schwebte einst Schleswig-Holsteins einzige Passagierseilbahn mitten über die Stadt. Die Idee stammte nicht etwa von hochbezahlten Stadtplanern. Nein, ein siebenundsechzigjähriger Rentner und Amateur namens Fritz Schwarplies reichte 1971 bei einem Wettbewerb eine simple Skizze ein. Seine verrückte Vision gewann und wurde tatsächlich gebaut, weil der damalige Kaufhauschef Franz Weipert Junior das Einkaufen zu einem echten Erlebnis machen wollte.
Richte deinen Blick einmal ganz nach oben zum Dach des Parkhauses. Kannst du dir die riesige, eigenartige Blume aus Metall vorstellen, die dort oben thronte und als gigantischer Ankerpunkt für die Seilbahnstation diente? Ab März 1974 schwebten hier zwei leuchtend gelbe Gondeln in achtzehn Metern Höhe über den Abgrund des Wasserbeckens hinweg. Schau dir auf deinem Bildschirm einmal an, wie majestätisch die Gondeln bei einer Probefahrt über das Wasser glitten. Die Kabinen trugen die Namen Kiel und München, wobei München den Traum von der großen geschäftlichen Expansion des Unternehmens symbolisierte. Siebzig Sekunden dauerte die kostenlose Fahrt, die den Kunden den lästigen Weg über die vielbefahrenen Straßen ersparte.

Doch das strahlende Image dieses Konsumtempels verbirgt eine viel dunklere Geschichte. Das ursprüngliche Textilhaus an genau diesem Standort hieß Texta und wurde 1930 gegründet. Es fiel der sogenannten Arisierung zum Opfer, der systematischen Enteignung jüdischer Eigentümer durch die Nationalsozialisten, was 1938 zur erzwungenen Schließung des ursprünglichen Betriebs führte. Franz Weipert Senior übernahm das geraubte Geschäft, und aus diesem dunklen Fundament entstand nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg jenes Unternehmen, das sich mit der Seilbahn ein modernes Antlitz geben wollte.
Am Ende holte die wirtschaftliche Realität die kühnen Träume ein. Die Seilbahn überlebte zwar noch den Konkurs des Kaufhauses im Jahr 1983, doch die laufenden Wartungskosten brachen ihr das Genick. Als 1989 ein neues Tragseil für 30.000 D-Mark erforderlich wurde, war niemand mehr bereit, diese Summe zu investieren. Wirf einen Blick auf dein Telefon, um die schweren, von Schweizer Ingenieuren gebauten Antriebsräder der Anlage zu bestaunen. Die Gondel München landete nach dem Abbau auf einem Schulhof, wo sie jahrelang Wind und Wetter ausgesetzt war, bis das verwitterte Kuriosum 2007 völlig klanglos verschwand.

Lassen wir diese verblassten Visionen und die unsichtbare Metallblume nun hinter uns und machen uns auf den Weg zur ältesten Straße der Stadt. In etwa vier Gehminuten erreichen wir die Holstenstraße. Falls du das heutige Gebäude noch betreten möchtest, es hat von Montag bis Donnerstag sowie sonntags von zehn bis einundzwanzig Uhr geöffnet, freitags und samstags bis zweiundzwanzig Uhr.



