
Vor uns erhebt sich die Evangelische Stadtkirche, deren mächtiger Vorbau aus hellem Stein mit seinen korinthischen Säulen an einen antiken Tempel erinnert, während sich direkt dahinter ein hoher, eckiger Glockenturm mit einem markanten grünen Kupferdach in den Himmel streckt. Dieser bemerkenswerte Bau aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert erzählt eine dramatische Geschichte über architektonische Visionen und herrschaftliche Macht. Der Baumeister wollte hier in Karlsruhe etwas völlig Neues erschaffen. Schau dir einmal diesen beeindruckenden Vorbau, den sogenannten Portikus, mit seinen hohen Säulen genau an. Kannst du erkennen, wie der Architekt geradezu stur versuchte, eine christliche Kirche als reinsten antiken griechischen Tempel zu tarnen?
Das war der große Traum von Friedrich Weinbrenner. Er strebte nach der perfekten, klassischen Symmetrie der Antike. Schau gerne auf dein Display, um eine historische Zeichnung von 1810 zu sehen, die seine makellose Tempelvision noch ohne Turm zeigt. Doch diese Vision stieß auf mächtigen Widerstand. Großherzog Karl Friedrich mischte sich massiv in die Entwürfe ein. Für ihn als Herrscher des Landes Baden brauchte eine Kathedrale zwingend ein weithin sichtbares Symbol christlicher Macht. Er ordnete höchstpersönlich an, dass die Kirche einen fast zweiundsechzig Meter hohen Glockenturm bekommen musste. Für Weinbrenner war das eine architektonische Katastrophe, ein regelrechter Bruch mit seinen idealen Proportionen. Die beiden Männer lieferten sich einen bitteren Kampf um die Gestalt dieses Gebäudes, doch am Ende setzte sich der Großherzog durch. Der Turm wurde gebaut.

Das Schicksal hat allerdings einen ganz besonderen Sinn für Humor. Als Weinbrenner 1826 verstarb, wurde er ausgerechnet in jenem Sakralbau beigesetzt, um dessen Form er so erbittert gestritten hatte. Sein Grab befindet sich direkt hier in der offenen Vorhalle zwischen den Säulen. Ein schlichtes Kreuz und bronzene Buchstaben auf dem steinernen Boden markieren seine letzte Ruhestätte. Jeder Besucher, der heute die Kirche betritt, schreitet buchstäblich über das Grab des Mannes, der diesen Turm niemals wollte.
Die Kirche selbst musste immer wieder zerstört und neu erfunden werden. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie fast vollständig vernichtet, wobei auch die wertvolle, barocke Silbermann Orgel unwiederbringlich zu Asche verbrannte. Beim Wiederaufbau entschied man sich für einen bewussten Kontrast. Die äußere Hülle wurde nach historischen Skizzen gerettet, doch der Innenraum ist heute streng und modern. Auch das direkte Umfeld hat sich gewandelt. Wirf einen Blick auf das historische Vergleichsbild in deiner App, das zeigt, wie die lauten Straßenbahnschienen von damals einer ruhigen Fußgängerzone mit feinen Wasserspielen gewichen sind.
Es ist ein faszinierender Ort, der nur mittwochs, donnerstags und sonntags am Vormittag seine Türen für Besucher öffnet. Wir lassen diese ehemals so umkämpfte, große Kathedrale nun hinter uns und machen uns auf den zweiminütigen Spaziergang zu einem weitaus kleineren Ort der Stille, der Kleinen Kirche.



