
Vor dir ragt ein fast acht Meter hoher Obelisk, also eine spitz zulaufende, freistehende Steinsäule, aus rotem Sandstein in den Himmel, deren Basis von steinernen Greifen bewacht wird und die direkt vor einem herrschaftlichen Gebäude mit markanten, hellen Säulen steht. Wenn du auf den Bildschirm schaust, siehst du genau diese Säule, die Verfassungssäule, im Herzen des Rondellplatzes. Wir befinden uns hier auf der sogenannten Via Triumphalis, jener majestätischen Straßenachse, die den Blick unweigerlich in Richtung Schloss zieht. Es war Großherzog Karl Friedrich, der diese Pracht vorantrieb und 1803 das herrschaftliche Markgräfliche Palais vor Ihnen in Auftrag gab, um seinen Verwandten ein passendes Zuhause zu bieten.

Es war wieder einmal der Architekt Friedrich Weinbrenner, der dieses Gebäude entwarf. Er tat dies in sehr enger Abstimmung mit der Reichsgräfin Luise Karoline von Hochberg, der zweiten Gattin des Großherzogs. Damals verbarg sich hinter dieser eleganten Front ein weitläufiger englischer Landschaftsgarten, gepaart mit einem kunstvollen Lustgarten nach italienischem Vorbild.
Das Schicksal meinte es jedoch nicht gut mit diesem Ort. Nach den verheerenden Bombenangriffen des Jahres 1942 lag das Palais völlig in Trümmern. Erst 1963, nachdem die Ruinen zunächst ganz abgetragen wurden, wagte man sich an eine detaillierte Rekonstruktion der klassischen Fassade. Wir haben es am Kronenplatz und an den Synagogen schon gespürt: Es ist genau dieser stetige Kreislauf aus Zerstörung und Wiedergeburt, der das Gesicht und die Seele dieser Stadt geformt hat.
Gleichzeitig verwandelte sich das Leben um diesen Platz herum fundamental. Wo einst nur Adlige flanierten, zog bald das bürgerliche Vergnügen ein. Im umgestalteten Haus Stemmermann nebenan öffnete 1927 das weithin beliebte Kino Gloria-Palast seine Türen und brachte ein neues, freudiges Treiben in das Viertel.
Und im Zentrum all dieses Wandels ruht die Verfassungssäule. Weinbrenner griff dafür auf einen alten Entwurf von 1790 zurück, veränderte ihn aber geschickt, indem er den Sockel in drei ansteigende Quader unterteilte. Gewidmet ist das Monument heute Großherzog Karl, der eine der liberalsten Verfassungen seiner Zeit unterzeichnete. Weil sein Nachfolger Ludwig diese Verfassung jedoch zutiefst ablehnte, durften die ehrenden Worte auf dem Stein erst nach Ludwigs Tod im Jahr 1832 angebracht werden.
Dennoch muss auch ein solches Monument mühsam beschützt werden. Im Dezember 2012 rissen Vandalen den westlichen Greifen ab. Sie richteten dabei einen enormen Schaden von rund fünfzehntausend Euro an, was einen aufwendigen Ersatz des steinernen Fabeltiers nötig machte. Im Jahr 2018 folgte dann eine umfassende, hunderttausend Euro teure Sanierung. Das schwere Bauwerk hatte begonnen, sich in den Boden abzusenken, und invasive Pflanzen fraßen sich tief in den historischen Sandstein.
Da dieser Platz an jedem Wochentag rund um die Uhr geöffnet ist, bleibt er ein beständiger, offener Zeuge des gesellschaftlichen Fortschritts. Unser nächstes Ziel liegt nur einen vierminütigen Spaziergang entfernt. Dort drüben an der Evangelischen Stadtkirche werden wir sehen, wie ein regelrechtes architektonisches Kräftemessen das Stadtbild bis heute prägt.



