Zu deiner Rechten siehst du die Kleine Kirche, ein markantes Bauwerk aus rotem Sandstein mit einem massiven quadratischen Turm, dessen spitzes Dach von einem kleinen, ungewöhnlichen Fürstenhut gekrönt wird. Nimm dir einen Moment Zeit, um dieses älteste Kirchengebäude der Karlsruher Innenstadt auf dich wirken zu lassen.
Die Geschichte dieses Ortes beginnt mit Markgraf Karl Wilhelm, dem Gründer der Stadt. Er machte seiner Schwiegertochter Amalie von Hessen-Darmstadt ein überaus überraschendes und großzügiges Geschenk, denn er ließ ihr hier eine eigene Holzkirche errichten. Amalie gehörte der reformierten Konfession an, einer anderen protestantischen Glaubensrichtung als der lutherische Glaube des Markgrafen. Das war damals ein bemerkenswertes Zeichen der religiösen Toleranz. Aber diese Toleranz hatte ihre Grenzen. Um die gesellschaftliche Unterordnung der Reformierten zu betonen, durfte die erste Holzkirche keinen echten Kirchturm haben, sondern nur ein bescheidenes kleines Türmchen auf dem Dach.
Doch Holz verfällt, und so musste das Gebäude neu gedacht werden. Der Architekt Wilhelm Jeremias Müller ersetzte den baufälligen Bau in den Jahren 1773 bis 1776 durch den festen, roten Grötzinger Buntsandstein, den Sie heute vor sich sehen. Wirf gern einen Blick auf das erste Bild in deiner App. Es zeigt wunderbar die Architektur im sogenannten Louis-seize Stil, einem eleganten, frühklassizistischen Baustil, der nach dem französischen König Ludwig dem Sechzehnten benannt ist. Müller fügte dem Bau auch ein raffiniertes Detail hinzu. Als sichtbaren Dank für die Toleranz des lutherischen Landesherrn setzte er genau diesen markgräflichen Fürstenhut ganz oben auf die Spitze des neuen Turmhelms. Eine wirklich clevere Geste, findest du nicht auch?
Im Laufe der Zeit erlebte dieser Ort immer wieder tiefe Brüche und bemerkenswerte Neuanfänge. Im Jahr 1807 bekam die Kirche endlich Glocken. Diese waren ein großzügiges Geschenk der katholischen Bürgerschaft Karlsruhes an die protestantische Gemeinde. Eine wärmende Geschichte von konfessionsübergreifendem Zusammenhalt. Später verlor die Kleine Kirche durch den Zusammenschluss der protestantischen Gemeinden ihre ursprüngliche Bestimmung und geriet in eine Identitätskrise. Sie diente dann einige Jahre lang ganz pragmatisch als Garnisonskirche, also als exklusives Gotteshaus für die Soldaten des Großherzogs.
Im September 1944 schien das Schicksal der Kirche fast besiegelt. Verheerende Bombenangriffe legten das Gebäude bis auf die Außenmauern in Schutt und Asche. Doch die Karlsruher gaben nicht auf. Durch unermüdliche Spenden der Bürger wurde die Kleine Kirche rasch wiederaufgebaut. Selbst als sich Jahrzehnte später ein Holzwurm in der Orgel einnistete und sie langsam zerstörte, bewiesen die Menschen wieder ihren kreativen Überlebenswillen. Sie veranstalteten humorvolle Benefizabende unter dem Titel Der Holzwurm im Orgelprospekt und sammelten durch eine große Kampagne das Geld für ein wundervolles neues Instrument.
Es ist faszinierend, wie hier immer wieder aus Trümmern und Verfall etwas Neues entsteht. Von dieser spirituellen und gemeinschaftlichen Rettung wenden wir uns nun einem weltlicheren Thema zu. Wir spazieren in Richtung der L-Bank, wo finanzielle Angelegenheiten im Mittelpunkt stehen, und machen uns auf den Weg zur sogenannten L-Bank-Bank, die nur etwa drei Minuten zu Fuß von hier entfernt ist.



