Schauen Sie nach rechts: ein wuchtiger, quadratischer Turm aus grob behauenem Stein, oben drauf ein dunkler, spitzer Helm. Direkt daneben klebt ein auffällig rosafarbenes Gebäude am Turm wie ein Anbau, der nie gefragt hat, ob er willkommen ist. Nach den breiten Achsen des Wenzelsplatzes wirkt das hier fast wie ein Sprung in eine andere Stadt. Das ist das Altstädter Rathaus. Und wenn es eher wie mehrere zusammengewürfelte Häuser aussieht, die man irgendwie miteinander verheiratet hat: Genau so ist es.
Im Jahr dreizehnhundertachtunddreißig erlaubte König Johann von Böhmen den Prager Bürgern, einen eigenen Stadtrat zu gründen, das erste Rathaus dieser Art in der Region. Statt ein repräsentatives Neubauschloss zu planen, machten die Leute etwas sehr Pragerisches: Sie legten Geld aus dem Ungelt zusammen, einem erfolgreichen Handels- und Zollhof, und kauften einfach einen bereits bestehenden steinernen Turmwohnsitz. Der gehörte einem reichen Kaufmann namens Wolflin von Kamen.
Und dann wuchs das Rathaus… sehr pragmatisch. Immer wenn über die Jahrhunderte mehr Platz gebraucht wurde, kaufte man das Nachbarhaus. Erst kam ein angrenzendes Kaufmannshaus dazu, als Ratssaal. Später vermachte eine Kürschnerwitwe namens Kačka der Stadt im Jahr vierzehnhundertachtundfünfzig ein weiteres Haus. Dazu kamen schließlich das Haus Zum Hahn im Jahr achtzehnhundertfünfunddreißig und das Haus Zur Minute im Jahr achtzehnhundertsechsundneunzig. Man brach Türen durch die gemeinsamen Wände und nähte so Schritt für Schritt einen ganzen Häuserblock zu einem einzigen Verwaltungs-Komplex zusammen.
Blicken Sie am fast siebzig Meter hohen Turm nach oben: Dort sehen Sie einen sogenannten Erker, das ist ein vorspringender Fenstervorbau, wie ein kleines Zimmerchen, das über der Straße zu schweben scheint. Er gehört zur gotischen Rathauskapelle. Gotik erkennt man an Spitzbögen und sehr fein ausgearbeiteten, hochstrebenden Steinformen. Geweiht wurde die Kapelle im Jahr dreizehnhunderteinundachtzig, und seitdem ist sie so etwas wie das Herz dieses Bürgerzentrums.
Dieser Ort kennt Stolz und Katastrophe. Im Jahr neunzehnhundertzweiundzwanzig richtete man hier ein Grab für den unbekannten Soldaten der Schlacht von Zborov ein, das jedoch im Jahr neunzehnhunderteinundvierzig auf strikten Befehl des hochrangigen Nazi-Funktionärs Karl Hermann Frank entfernt wurde. Während des Prager Aufstands im Mai neunzehnhundertfünfundvierzig diente das Rathaus dann als Hauptquartier des Widerstands. Am achten Mai, nur Stunden vor der offiziellen Kapitulation der deutschen Truppen, wurde es schwer beschossen. Ein gewaltiges Feuer zerstörte den neugotischen Ostflügel und vernichtete große Teile des Stadtarchivs. Die Hitze war so extrem, dass die alte Turmglocke von dreizehnhundertdreizehn abstürzte, zerbrach und teilweise schmolz. Verformte Bronzestücke liegen bis heute im Stadtmuseum… als ziemlich wortkarges Mahnmal.
Und der fehlende Flügel? Den hat man nicht einfach schnell ersetzt. Es gab Architekturwettbewerbe in neunzehnhundertsiebenundvierzig, neunzehnhundertdreiundsechzig und neunzehnhundertachtundachtzig. Jedes Mal ohne Ergebnis oder ohne Bau. Die Lücke blieb.
Zwischen zwei tausendsiebzehn und zwei tausendachtzehn investierte die Stadt achtundvierzig Millionen tschechische Kronen, um das erhaltene Mauerwerk und das Dach zu sichern. Dieses seltsame Patchwork hat überlebt… und erzählt ziemlich viel über die Leute, die es gebaut haben. Weiter geht’s.



