Schau ein kleines Stück nach rechts zur hohen Steinfront: Da hängt eine große Uhr mit zwei Zifferblättern, kräftigem Blau und Gold, und kleinen bunt bemalten Holzfiguren daneben. Du stehst direkt vor der Prager astronomischen Uhr, dem Orloj, und sie gehört hier ganz offiziell zum Altstädter Rathaus, über das wir eben gesprochen haben.
Um dieses mittelalterliche Schmuckstück rankte sich jahrhundertelang eine ziemlich deftige Legende. Man erzählte, der Meisteruhrmacher Hanus habe die Uhr im Jahr vierzehnhundertneunzig gebaut, und die Ratsherren hätten ihn aus Angst blenden lassen, damit er nicht irgendwo anders noch eine bessere Uhr baut. Laut Geschichte rächte sich der blinde Uhrmacher, tastete ins Werk und ruinierte es so gründlich, dass hundert Jahre lang niemand das wieder hinbekam. Klingt wie ein Drehbuch, oder? Nur leider: komplett falsch. Spätere Quellen zeigen, dass die Uhr viel früher entstand, im Jahr vierzehnhundertzehn, gebaut von dem Uhrmacher Mikulas von Kadan und dem Universitäts-Mathematikprofessor Jan Sindel.
Die Uhr hat im Grunde drei Hauptbereiche. Oben siehst du ein mechanisches Astrolabium. Das ist ein sehr altes astronomisches Messinstrument, mit dem man den Himmel „abbildet“ und die Positionen von Sonne, Mond und Sternen verfolgt. Stell dir dieses Zifferblatt wie ein frühes Planetarium vor, das den Zustand des Kosmos zeigt: In der Mitte steht die blaue Scheibe für die Erde, und darum bewegen sich die goldene Sonne und der halb versilberte Mond. Und dieser Mond ist ein kleines technisches Wunder: Seine Mondphasen-Anzeige wird komplett durch Schwerkraft angetrieben. Ein kleines Gewicht auf einer Schraubspindel dreht das System ganz langsam weiter, jeden Tag genau um zwei Zahnradzähne.
Wenn du zufällig genau zur vollen Stunde hier bist, erwischt du die berühmte Vorführung. Die vier Figuren neben dem oberen Zifferblatt stehen für Eigenschaften, die man im Mittelalter verachtete. Rechts ist das Skelett, der Tod. Zur Stunde zieht er an einer Schnur, eine Glocke läutet, und die drei anderen Figuren für Eitelkeit, Gier und Lust schütteln heftig den Kopf: noch nicht bereit. Über ihnen öffnen sich zwei kleine Fenster für den „Gang der Apostel“, eine Prozession aus Holzfiguren. Tragisch: Diese Figuren und auch die Häuser ringsum wurden während des Aufstands im Jahr neunzehnhundertfünfundvierzig schwer beschädigt, als Nazi-Panzerfahrzeuge auf den Platz feuerten. Erst bis neunzehnhundertachtundvierzig war die Uhr wieder richtig in Gang.
Unten sitzt die Kalenderscheibe: Sie zeigt die Tage des Jahres und Allegorien zu den Monaten. Das Original malte Josef Manes im Jahr achtzehnhundertsechsundsechzig, aber heute hängt dort eine Kopie, damit das Original geschont wird. Und ja, selbst so eine Uhr liefert noch frischen Klatsch: Im Jahr zweitausendzweiundzwanzig stellte eine lokale Denkmalschutzgruppe fest, dass ein beauftragter Restaurator bei der Kopie die Gesichter, Altersstufen und sogar die Geschlechter der Figuren verändert hatte. Er hatte offenbar seine Freunde hineingemalt … vielleicht als seltsamen Scherz. Der Stadtrat nannte das Ergebnis eine amateurhafte Katastrophe. Sechshundert Jahre alt, und immer noch drama-tauglich.
Wenn du bereit bist, gehen wir weiter und schauen uns die Ursprünge von Praha an.


