Schau mal nach rechts: Vor dir zieht sich ein breiter, leicht abfallender Boulevard wie ein riesiges Rechteck in die Länge. Ganz oben schließt er mit einem wuchtigen Steingebäude ab und davor thront eine hohe Bronzegruppe: ein Mann zu Pferd.
Willkommen auf dem Wenzelsplatz, oder wie die Prager meistens sagen: Václavák. Der Platz ist ungefähr siebenhundertfünfzig Meter lang und rund sechzig Meter breit und fällt sanft vom Nationalmuseum hinunter. Und ja, das ist so ein Ort, an dem Prag seine großen Momente gern öffentlich verhandelt hat: Trotz, Tragik, Jubel... alles schon dagewesen.
Als König Karl der Vierte im Jahr dreizehnhundertachtundvierzig die Prager Neustadt gründete, wurde dieser Bereich als zentraler Pferdemarkt geplant. Über Jahrhunderte war das hier eine unbefestigte, staubige und ziemlich laute Fläche, mit einem kleinen Bach, der mitten hindurchlief. Stell dir Händler vor, die über Vieh, Waffen und Getreide feilschen. Erst im späten neunzehnten Jahrhundert bekam der Platz Pflastersteine und elektrisches Licht... und aus einem Markt wurde eine großstädtische Prachtachse.
Die Bronzefigur dort oben zeigt den heiligen Wenzel, den geistlichen Schutzpatron der böhmischen Länder, flankiert von vier weiteren Heiligen. Unten am Sockel steht sinngemäß: Heiliger Wenzel, Herzog des böhmischen Landes, unser Fürst, lass uns und unsere Nachkommen nicht zugrunde gehen. Ein ziemlich schweres Gebet. Die Prager haben dafür eine pragmatische Übersetzung in den Alltag gefunden: Wenn man sich hier verabredet, heißt es oft, man trifft sich „unter dem Schwanz“... also direkt unterm bronzenen Hinterteil des Pferdes. Romantik kann man lernen.
Geschichte klebt an diesem Asphalt. Im August neunzehnhundertachtundsechzig rollten Panzer des Warschauer Pakts hier hinauf. Die Soldaten beschossen das Nationalmuseum mit Maschinengewehren, weil sie das verzierte Gebäude fälschlich für den Sitz des Rundfunks hielten. Ein Jahr später setzte sich der Student Jan Palach in der Nähe des Museums aus Protest gegen die Besatzung selbst in Brand.
Nur wenige Monate danach schlug die tschechoslowakische Eishockeynationalmannschaft die Sowjetunion bei der Weltmeisterschaft. Zehntausende feierten hier, als wäre das ein sportlicher Racheakt. Dabei verwüsteten Provokateure das Büro der sowjetischen Fluglinie Aeroflot. Das Regime nutzte das als Vorwand für ein hartes Durchgreifen und leitete die sogenannte „Normalisierung“ ein, eine Phase strenger politischer Kontrolle.
Aus Angst vor Menschenmengen wurde der Platz Anfang der achtziger Jahre umgebaut: Straßenbahnschienen weg, dafür dichte Reihen sechseckiger Betonpflanzkübel rund um das Denkmal. Dazwischen Ketten mit nach oben gerichteten Spitzen, damit man weder bequem sitzen noch Mahnwachen abhalten konnte. Die Prager nannten das spöttisch Štrougals Obstgärten, nach einem prominenten Kommunisten.
Doch selbst Stacheln in Ketten halten Geschichte nicht auf. Im November neunzehnhundertneunundachtzig standen hier während der Samtenen Revolution über hunderttausend Menschen und beendeten friedlich Jahrzehnte autoritärer Herrschaft.
Vom mittelalterlichen Pferdehandel über Panzer bis zum Eishockeyjubel... dieser Platz hat wirklich alles gesehen. Komm, wir gehen weiter zur nächsten Station.



