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Prager Audiotour: Zeitlose Legenden von Türmen zu Stein

Audioguide17 Stopps

Ein winziges Wachskind hinter Glas in Prag zog einst Kaiser und verzweifelte Eltern an, während steinerne Riesen der Prager Burg zusahen, wie sich Rebellionen zu Geschichte verhärteten. Dies ist eine selbstgeführte Audiotour, die sich durch die Altstadt und hinauf zu den Burganhöhen schlängelt und politische Schlachten, Hofskandale, geheime Abmachungen und vergessene Momente enthüllt, an denen die meisten Besucher vorbeigehen. Was passiert, wenn eine Stadt ihr Schicksal so präzise bestimmt, dass ein einziger Fehler Panik an der Prager astronomischen Uhr auslösen könnte? Welches verborgene Gelübde und geflüsterte Wunder machten das Prager Jesulein zu einem Symbol, das Menschen mit dem Leben verteidigen würden? Warum misst ein Burgkorridor immer noch Schritte in einer seltsam spezifischen Anzahl, bevor eine Tür niemals geöffnet werden sollte? Bewegen Sie sich von schattigen Kapellen zu sonnigen Plätzen, steigen Sie hinauf, drehen Sie sich um und lauschen Sie, wie Prag von Postkartenidylle zu großem Drama wird. Drücken Sie auf Play und folgen Sie demselben Puls, der das Wachskind und die Uhr am Leben erhält.

Tourvorschau

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Über diese Tour

  • schedule
    Dauer 210–230 minsEigenes Tempo
  • straighten
    11.0 km FußwegDem geführten Pfad folgen
  • location_on
    StandortPrag, Tschechien
  • wifi_off
    Funktioniert offlineEinmal herunterladen, überall nutzen
  • all_inclusive
    Lebenslanger ZugriffJederzeit wiederholen, für immer
  • location_on
    Startet bei Woodrow-Wilson-Denkmal

Stopps auf dieser Tour

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  1. Woodrow Wilson Monument
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    Halten Sie Ausschau nach der dunkelbronzenen Figur: ein Mann steht da, der Arm nach vorn ausgestreckt, und das Ganze sitzt auf einem hohen, hellen, rechteckigen Steinpodest. Sie…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Halten Sie Ausschau nach der dunkelbronzenen Figur: ein Mann steht da, der Arm nach vorn ausgestreckt, und das Ganze sitzt auf einem hohen, hellen, rechteckigen Steinpodest. Sie stehen vor dem Woodrow Wilson Monument, direkt draußen am Praha hlavní nádraží, dem Prager Hauptbahnhof. Dass hier ausgerechnet der achtundzwanzigste Präsident der U-S-A geehrt wird, wirkt im Herzen Europas erstmal… leicht überraschend. Aber Wilson gilt in dieser Gegend tatsächlich als eine Art Nationalheld. Nach der Verwüstung des Ersten Weltkriegs setzte er sich in der Diplomatie vehement für das Prinzip der nationalen Selbstbestimmung ein. Damit ist gemeint: Völker sollten selbst entscheiden dürfen, zu welchem Staat sie gehören oder ob sie einen eigenen gründen. Genau dieses politische Gewicht war entscheidend für die Entstehung einer unabhängigen Tschechoslowakei. Wilson half mit, die Landkarte Europas neu zu ordnen, und unterstützte das Recht der Tschechen auf einen souveränen Staat. Das Denkmal wurde vom tschechisch-amerikanischen Bildhauer Albin Polasek geschaffen und im Oktober zweitausendelf enthüllt... als dauerhafte Erinnerung an diese Schlüsselrolle. Wenn Sie bereit sind, gehen wir weiter zur nächsten Station.

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  2. Wenn du nach links oben schaust, fällt dir ein silbrig glänzender Stahlturm auf, der aussieht, als hätte jemand drei riesige Zylinder aufgestellt, oben mit runden „Kapseln“…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Wenn du nach links oben schaust, fällt dir ein silbrig glänzender Stahlturm auf, der aussieht, als hätte jemand drei riesige Zylinder aufgestellt, oben mit runden „Kapseln“ bestückt und das Ganze mit einer rot-weiß gestreiften Antenne gekrönt. Das ist der Fernsehturm Žižkov: High-Tech-Architektur, also ein Stil, der Technik nicht versteckt, sondern demonstrativ nach außen trägt. Entworfen wurde er vom Architekten Václav Aulický und vom Ingenieur Jiří Kozák. Gebaut hat man ihn zwischen neunzehnhundertfünfundachtzig und neunzehnhundertzweiundneunzig. Er wiegt elf tausend achthundert Tonnen und ist zweihundertsechzehn Meter hoch. Die Konstruktion steht auf einem Dreieck: drei doppelwandige Stahlröhren, mit Beton gefüllt, tragen neun Funktionskapseln. Gekostet hat das Projekt neunzehn Millionen Dollar. So ein metallischer „Raketenstart“ im historischen Prag hat natürlich Ärger gemacht... und der Streit ging weit über Geschmack hinaus. Das Fundament wurde ausgerechnet durch einen jahrhundertealten jüdischen Friedhof gegraben. Schwere Maschinen zerdrückten Grabsteine, menschliche Überreste landeten auf einer Deponie. Offiziell kritisieren konnte man damals kaum, also wurde eben inoffiziell gelästert. „Baikonur“ nannte man den Turm, nach dem sowjetischen Weltraumbahnhof, oder „Jakeš’ Finger“ - ein Seitenhieb auf den Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Mit den Jahren wurde das Verhältnis der Stadt zu diesem Koloss etwas entspannter, auch wegen einer herrlich schrägen Ergänzung: An den Pfeilern krabbeln riesige Babys hoch. Die Fiberglas-Skulpturen stammen vom tschechischen Künstler David Černý, entstanden im Jahr zwei tausend. Eigentlich nur vorübergehend... aber die Leute mochten sie so sehr, dass sie seit zwei tausend eins dauerhaft blieben. Die Figuren, die du jetzt siehst, sind exakte Duplikate, installiert im Jahr zwei tausend neunzehn, nachdem die Originale statisch ersetzt werden mussten. Und ja, der Turm kann mehr als senden: Es gibt ein meteorologisches Observatorium, ein Restaurant und sogar ein luxuriöses Einzimmer-Hotel, seit zwei tausend dreizehn, inklusive frei stehender Badewanne mit Stadtblick. Vom Woodrow-Wilson-Denkmal kamen wir aus der Diplomatie des frühen zwanzigsten Jahrhunderts... hier stehst du vor einem Denkmal spätkommunistischer Ambition. Faszinierende Ingenieurskunst, mit ordentlich komplizierter Vergangenheit. Weiter geht’s zur nächsten Station.

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    Wenn du nach links schaust, stehst du am Nervenzentrum des Prager Aufstands. Vorhin ging es noch um die ultramoderne Silhouette des Žižkov-Fernsehturms... und hier landet man mit…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Wenn du nach links schaust, stehst du am Nervenzentrum des Prager Aufstands. Vorhin ging es noch um die ultramoderne Silhouette des Žižkov-Fernsehturms... und hier landet man mit beiden Füßen in einem Kampf, der im Mai neunzehnhundertfünfundvierzig zur Frage des nackten Überlebens wurde. Sechs Jahre deutsche Besatzung hatten sich aufgestaut wie Dampf im Kessel. Der Funke sprang am fünften Mai über: Mitarbeitende des Tschechischen Rundfunks begannen, auf Tschechisch zu senden. Klingt harmlos, war aber streng verboten. Und genau dieser kleine Akt Trotz breitete sich in Windeseile aus. Menschen strömten auf die Straßen, rissen deutsche Schilder herunter und steckten versteckte tschechoslowakische Fähnchen ans Revers. Straßenbahnfahrer weigerten sich, die Besatzungswährung, die Reichsmark, anzunehmen oder Haltestellen auf Deutsch anzusagen. Als bewaffnete deutsche Patrouillen die Menge auseinandertreiben wollten, schlug die Stadt zurück... erst mit bloßen Händen, dann mit erbeuteten Waffen. Lokale Garnisonen wurden überrannt, und alles, was nach Gewehr oder Panzerabwehr aussah, wechselte den Besitzer. Allen war klar: Die Vergeltung würde kommen. Also arbeiteten Zehntausende praktisch durch die Nacht. Straßen wurden aufgerissen, schwere Möbel aus Wohnungen gezerrt, und bis zum nächsten Morgen standen mehr als eintausendsechshundert Barrikaden. Die deutsche Gegenoffensive war brutal. Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner schickte die Waffen-SS, die bewaffnete Parteitruppe der Nationalsozialisten, fanatisch, schwer ausgerüstet, mit Panzern und Artillerie gegen schlecht bewaffnete Zivilisten. Besonders grausam war es am Masaryk-Bahnhof: S-S-Leute ermordeten Dutzende Widerstandskämpfer, die sich bereits ergeben hatten. Deutsche Einheiten missbrauchten tschechische Zivilisten als menschliche Schutzschilde, um Barrikaden zu durchbrechen, und die Luftwaffe warf Brandbomben direkt auf Wohnhäuser. Über den Rundfunk flehten die Tschechen die Alliierten um Hilfe an. Der amerikanische General George S. Patton mit seiner Dritten Armee war in der Nähe, aber Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower hielt ihn zurück: keine amerikanischen Verluste riskieren, und die Befreiung war politisch bereits Stalin zugesagt. Unerwartet kam kurzfristige Unterstützung von der Russischen Befreiungsarmee: sowjetische Kriegsgefangene, die zunächst für Deutschland gekämpft hatten und nun die Seiten wechselten. Weil sie weiterhin deutsche Uniformen trugen, führten sie weiß-blau-rote Fahnen, um nicht versehentlich beschossen zu werden. Sie entwaffneten Tausende deutsche Soldaten und zogen sich dann wieder zurück. Improvisation als Kriegsstrategie. Offiziell endete der Aufstand, als die sowjetische Rote Armee am neunten Mai in die Stadt einrückte. Doch das Blutvergießen hörte nicht auf. Die Exilregierung hatte aus London zu blutiger Rache aufgerufen, und die Befreiung kippte in wilde Selbstjustiz: vermeintliche Kollaborateure und deutsche Zivilisten wurden misshandelt, in provisorische Lager gesteckt oder auf offener Straße getötet. Am Ende wurden etwa drei Millionen Deutsche aus dem Land zwangsweise vertrieben. Dass die Westalliierten nicht halfen, hinterließ Bitterkeit. Die nutzte die sowjetgestützte Kommunistische Partei, um nur drei Jahre später die volle Kontrolle zu übernehmen. Wenn du bereit bist, gehen wir weiter Richtung Wenzelsplatz.

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  1. Schau mal nach rechts: Vor dir zieht sich ein breiter, leicht abfallender Boulevard wie ein riesiges Rechteck in die Länge. Ganz oben schließt er mit einem wuchtigen Steingebäude…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Schau mal nach rechts: Vor dir zieht sich ein breiter, leicht abfallender Boulevard wie ein riesiges Rechteck in die Länge. Ganz oben schließt er mit einem wuchtigen Steingebäude ab und davor thront eine hohe Bronzegruppe: ein Mann zu Pferd. Willkommen auf dem Wenzelsplatz, oder wie die Prager meistens sagen: Václavák. Der Platz ist ungefähr siebenhundertfünfzig Meter lang und rund sechzig Meter breit und fällt sanft vom Nationalmuseum hinunter. Und ja, das ist so ein Ort, an dem Prag seine großen Momente gern öffentlich verhandelt hat: Trotz, Tragik, Jubel... alles schon dagewesen. Als König Karl der Vierte im Jahr dreizehnhundertachtundvierzig die Prager Neustadt gründete, wurde dieser Bereich als zentraler Pferdemarkt geplant. Über Jahrhunderte war das hier eine unbefestigte, staubige und ziemlich laute Fläche, mit einem kleinen Bach, der mitten hindurchlief. Stell dir Händler vor, die über Vieh, Waffen und Getreide feilschen. Erst im späten neunzehnten Jahrhundert bekam der Platz Pflastersteine und elektrisches Licht... und aus einem Markt wurde eine großstädtische Prachtachse. Die Bronzefigur dort oben zeigt den heiligen Wenzel, den geistlichen Schutzpatron der böhmischen Länder, flankiert von vier weiteren Heiligen. Unten am Sockel steht sinngemäß: Heiliger Wenzel, Herzog des böhmischen Landes, unser Fürst, lass uns und unsere Nachkommen nicht zugrunde gehen. Ein ziemlich schweres Gebet. Die Prager haben dafür eine pragmatische Übersetzung in den Alltag gefunden: Wenn man sich hier verabredet, heißt es oft, man trifft sich „unter dem Schwanz“... also direkt unterm bronzenen Hinterteil des Pferdes. Romantik kann man lernen. Geschichte klebt an diesem Asphalt. Im August neunzehnhundertachtundsechzig rollten Panzer des Warschauer Pakts hier hinauf. Die Soldaten beschossen das Nationalmuseum mit Maschinengewehren, weil sie das verzierte Gebäude fälschlich für den Sitz des Rundfunks hielten. Ein Jahr später setzte sich der Student Jan Palach in der Nähe des Museums aus Protest gegen die Besatzung selbst in Brand. Nur wenige Monate danach schlug die tschechoslowakische Eishockeynationalmannschaft die Sowjetunion bei der Weltmeisterschaft. Zehntausende feierten hier, als wäre das ein sportlicher Racheakt. Dabei verwüsteten Provokateure das Büro der sowjetischen Fluglinie Aeroflot. Das Regime nutzte das als Vorwand für ein hartes Durchgreifen und leitete die sogenannte „Normalisierung“ ein, eine Phase strenger politischer Kontrolle. Aus Angst vor Menschenmengen wurde der Platz Anfang der achtziger Jahre umgebaut: Straßenbahnschienen weg, dafür dichte Reihen sechseckiger Betonpflanzkübel rund um das Denkmal. Dazwischen Ketten mit nach oben gerichteten Spitzen, damit man weder bequem sitzen noch Mahnwachen abhalten konnte. Die Prager nannten das spöttisch Štrougals Obstgärten, nach einem prominenten Kommunisten. Doch selbst Stacheln in Ketten halten Geschichte nicht auf. Im November neunzehnhundertneunundachtzig standen hier während der Samtenen Revolution über hunderttausend Menschen und beendeten friedlich Jahrzehnte autoritärer Herrschaft. Vom mittelalterlichen Pferdehandel über Panzer bis zum Eishockeyjubel... dieser Platz hat wirklich alles gesehen. Komm, wir gehen weiter zur nächsten Station.

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  2. Schauen Sie nach rechts: ein wuchtiger, quadratischer Turm aus grob behauenem Stein, oben drauf ein dunkler, spitzer Helm. Direkt daneben klebt ein auffällig rosafarbenes Gebäude…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Schauen Sie nach rechts: ein wuchtiger, quadratischer Turm aus grob behauenem Stein, oben drauf ein dunkler, spitzer Helm. Direkt daneben klebt ein auffällig rosafarbenes Gebäude am Turm wie ein Anbau, der nie gefragt hat, ob er willkommen ist. Nach den breiten Achsen des Wenzelsplatzes wirkt das hier fast wie ein Sprung in eine andere Stadt. Das ist das Altstädter Rathaus. Und wenn es eher wie mehrere zusammengewürfelte Häuser aussieht, die man irgendwie miteinander verheiratet hat: Genau so ist es. Im Jahr dreizehnhundertachtunddreißig erlaubte König Johann von Böhmen den Prager Bürgern, einen eigenen Stadtrat zu gründen, das erste Rathaus dieser Art in der Region. Statt ein repräsentatives Neubauschloss zu planen, machten die Leute etwas sehr Pragerisches: Sie legten Geld aus dem Ungelt zusammen, einem erfolgreichen Handels- und Zollhof, und kauften einfach einen bereits bestehenden steinernen Turmwohnsitz. Der gehörte einem reichen Kaufmann namens Wolflin von Kamen. Und dann wuchs das Rathaus… sehr pragmatisch. Immer wenn über die Jahrhunderte mehr Platz gebraucht wurde, kaufte man das Nachbarhaus. Erst kam ein angrenzendes Kaufmannshaus dazu, als Ratssaal. Später vermachte eine Kürschnerwitwe namens Kačka der Stadt im Jahr vierzehnhundertachtundfünfzig ein weiteres Haus. Dazu kamen schließlich das Haus Zum Hahn im Jahr achtzehnhundertfünfunddreißig und das Haus Zur Minute im Jahr achtzehnhundertsechsundneunzig. Man brach Türen durch die gemeinsamen Wände und nähte so Schritt für Schritt einen ganzen Häuserblock zu einem einzigen Verwaltungs-Komplex zusammen. Blicken Sie am fast siebzig Meter hohen Turm nach oben: Dort sehen Sie einen sogenannten Erker, das ist ein vorspringender Fenstervorbau, wie ein kleines Zimmerchen, das über der Straße zu schweben scheint. Er gehört zur gotischen Rathauskapelle. Gotik erkennt man an Spitzbögen und sehr fein ausgearbeiteten, hochstrebenden Steinformen. Geweiht wurde die Kapelle im Jahr dreizehnhunderteinundachtzig, und seitdem ist sie so etwas wie das Herz dieses Bürgerzentrums. Dieser Ort kennt Stolz und Katastrophe. Im Jahr neunzehnhundertzweiundzwanzig richtete man hier ein Grab für den unbekannten Soldaten der Schlacht von Zborov ein, das jedoch im Jahr neunzehnhunderteinundvierzig auf strikten Befehl des hochrangigen Nazi-Funktionärs Karl Hermann Frank entfernt wurde. Während des Prager Aufstands im Mai neunzehnhundertfünfundvierzig diente das Rathaus dann als Hauptquartier des Widerstands. Am achten Mai, nur Stunden vor der offiziellen Kapitulation der deutschen Truppen, wurde es schwer beschossen. Ein gewaltiges Feuer zerstörte den neugotischen Ostflügel und vernichtete große Teile des Stadtarchivs. Die Hitze war so extrem, dass die alte Turmglocke von dreizehnhundertdreizehn abstürzte, zerbrach und teilweise schmolz. Verformte Bronzestücke liegen bis heute im Stadtmuseum… als ziemlich wortkarges Mahnmal. Und der fehlende Flügel? Den hat man nicht einfach schnell ersetzt. Es gab Architekturwettbewerbe in neunzehnhundertsiebenundvierzig, neunzehnhundertdreiundsechzig und neunzehnhundertachtundachtzig. Jedes Mal ohne Ergebnis oder ohne Bau. Die Lücke blieb. Zwischen zwei tausendsiebzehn und zwei tausendachtzehn investierte die Stadt achtundvierzig Millionen tschechische Kronen, um das erhaltene Mauerwerk und das Dach zu sichern. Dieses seltsame Patchwork hat überlebt… und erzählt ziemlich viel über die Leute, die es gebaut haben. Weiter geht’s.

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  3. Schau ein kleines Stück nach rechts zur hohen Steinfront: Da hängt eine große Uhr mit zwei Zifferblättern, kräftigem Blau und Gold, und kleinen bunt bemalten Holzfiguren daneben.…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Schau ein kleines Stück nach rechts zur hohen Steinfront: Da hängt eine große Uhr mit zwei Zifferblättern, kräftigem Blau und Gold, und kleinen bunt bemalten Holzfiguren daneben. Du stehst direkt vor der Prager astronomischen Uhr, dem Orloj, und sie gehört hier ganz offiziell zum Altstädter Rathaus, über das wir eben gesprochen haben. Um dieses mittelalterliche Schmuckstück rankte sich jahrhundertelang eine ziemlich deftige Legende. Man erzählte, der Meisteruhrmacher Hanus habe die Uhr im Jahr vierzehnhundertneunzig gebaut, und die Ratsherren hätten ihn aus Angst blenden lassen, damit er nicht irgendwo anders noch eine bessere Uhr baut. Laut Geschichte rächte sich der blinde Uhrmacher, tastete ins Werk und ruinierte es so gründlich, dass hundert Jahre lang niemand das wieder hinbekam. Klingt wie ein Drehbuch, oder? Nur leider: komplett falsch. Spätere Quellen zeigen, dass die Uhr viel früher entstand, im Jahr vierzehnhundertzehn, gebaut von dem Uhrmacher Mikulas von Kadan und dem Universitäts-Mathematikprofessor Jan Sindel. Die Uhr hat im Grunde drei Hauptbereiche. Oben siehst du ein mechanisches Astrolabium. Das ist ein sehr altes astronomisches Messinstrument, mit dem man den Himmel „abbildet“ und die Positionen von Sonne, Mond und Sternen verfolgt. Stell dir dieses Zifferblatt wie ein frühes Planetarium vor, das den Zustand des Kosmos zeigt: In der Mitte steht die blaue Scheibe für die Erde, und darum bewegen sich die goldene Sonne und der halb versilberte Mond. Und dieser Mond ist ein kleines technisches Wunder: Seine Mondphasen-Anzeige wird komplett durch Schwerkraft angetrieben. Ein kleines Gewicht auf einer Schraubspindel dreht das System ganz langsam weiter, jeden Tag genau um zwei Zahnradzähne. Wenn du zufällig genau zur vollen Stunde hier bist, erwischt du die berühmte Vorführung. Die vier Figuren neben dem oberen Zifferblatt stehen für Eigenschaften, die man im Mittelalter verachtete. Rechts ist das Skelett, der Tod. Zur Stunde zieht er an einer Schnur, eine Glocke läutet, und die drei anderen Figuren für Eitelkeit, Gier und Lust schütteln heftig den Kopf: noch nicht bereit. Über ihnen öffnen sich zwei kleine Fenster für den „Gang der Apostel“, eine Prozession aus Holzfiguren. Tragisch: Diese Figuren und auch die Häuser ringsum wurden während des Aufstands im Jahr neunzehnhundertfünfundvierzig schwer beschädigt, als Nazi-Panzerfahrzeuge auf den Platz feuerten. Erst bis neunzehnhundertachtundvierzig war die Uhr wieder richtig in Gang. Unten sitzt die Kalenderscheibe: Sie zeigt die Tage des Jahres und Allegorien zu den Monaten. Das Original malte Josef Manes im Jahr achtzehnhundertsechsundsechzig, aber heute hängt dort eine Kopie, damit das Original geschont wird. Und ja, selbst so eine Uhr liefert noch frischen Klatsch: Im Jahr zweitausendzweiundzwanzig stellte eine lokale Denkmalschutzgruppe fest, dass ein beauftragter Restaurator bei der Kopie die Gesichter, Altersstufen und sogar die Geschlechter der Figuren verändert hatte. Er hatte offenbar seine Freunde hineingemalt … vielleicht als seltsamen Scherz. Der Stadtrat nannte das Ergebnis eine amateurhafte Katastrophe. Sechshundert Jahre alt, und immer noch drama-tauglich. Wenn du bereit bist, gehen wir weiter und schauen uns die Ursprünge von Praha an.

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  4. Prag
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    Schau mal rechts nach der massiven Steinsäule … oben sitzt ein dunkles Bronze-Wappen mit den typischen, torartig geschlossenen Türmen der Stadt. Gerade eben waren wir noch bei den…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Schau mal rechts nach der massiven Steinsäule … oben sitzt ein dunkles Bronze-Wappen mit den typischen, torartig geschlossenen Türmen der Stadt. Gerade eben waren wir noch bei den hypnotischen Zahnrädern der astronomischen Uhr. Die wirkt wirklich wie das mechanische Herz dieser ziemlich weit ausgreifenden Metropole. Aber hier lohnt sich ein kurzer Halt, um das große Ganze zu sortieren: Wie ist Prag, also Praha, eigentlich zu dem geworden, was es ist? Der Name ist nämlich ein kleines Rätsel. Ein früher Chronist hat eine berühmte Legende aufgeschrieben: von der mythischen Fürstin und Seherin Libuse. Sie soll hoch über der Moldau, auf einem Felsen, in Trance geraten sein und verkündet haben, sie sehe eine große Stadt, deren Ruhm bis zu den Sternen reiche. Dann befahl sie, eine Burg zu bauen … und zwar dort, wo man einen Mann findet, der gerade eine hölzerne Schwelle für ein Haus zurechthackt. Auf Tschechisch heißt Schwelle prah. Und daraus wurde dann Praha. Dramatisch, poetisch, sehr gut erzählbar. Historiker sind allerdings meist etwas weniger begeistert von Trancen. Sie verweisen auf eine bodenständigere Erklärung: prah könnte auch die „Steinschwellen“ im Fluss meinen, also Stromschnellen und flache, steinige Stellen in der Moldau, die es gab, bevor moderne Staudämme das Wasser beruhigten. Diese natürlichen Stufen schufen sichere Furten, also Stellen, an denen Händler den Fluss vergleichsweise gefahrlos durchqueren konnten. Und wo Händler bequem rüberkommen, wächst früher oder später ein Handelszentrum. So funktioniert Zivilisation. Im vierzehnten Jahrhundert ging dann alles ziemlich schnell. Unter König Karl dem Vierten wurde Prag zur Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches … einem riesigen, politisch einflussreichen Machtgebilde in Europa. Karl hatte große Pläne: Er gründete die Neustadt, plante gewaltige Plätze und finanzierte hoch aufragende gotische Kirchen. Sein Ziel war klar: Prag sollte mit Rom und Florenz mithalten. An den Reichtum der italienischen Stadtstaaten kam man nicht sofort heran, aber flächenmäßig wurde Prag rasch zur drittgrößten Stadt im Reich. Spannend ist auch: „Prag“ war lange gar keine einzelne Stadt, sondern mehrere eigenständige, ziemlich konkurrenzfreudige Städte: Altstadt, Neustadt, Kleinseite und Hradschin, also das Burgviertel. Erst im Jahr siebzehn vierundachtzig wurden sie offiziell zu einer Verwaltungseinheit. Im neunzehnten Jahrhundert bekam Prag dann den Beinamen „Stadt der hundert Türme“. Ein Historiker prägte ihn … aber ein Mathematiker hat tatsächlich nachgezählt: einhundertdrei Türme, und dabei nicht einmal Privathäuser oder Wassertürme mitgerechnet. Manche Menschen entspannen eben anders. Heute ist Prag ein modernes Schwergewicht: die dreizehntbevölkerungsreichste Stadt der Europäischen Union. Rund ein Komma vier Millionen Menschen leben in diesen verwinkelten Gassen. Und als charmante Randnotiz: Über einundachtzigtausend Hunde gehören zu den Einwohnern … was den Parks eine ziemlich eigene Dynamik verpasst. Wirtschaftlich ist die Region ebenfalls stark: gemessen an der Kaufkraft ist Prag die drittreichste Region Europas. Und trotzdem hat die Stadt ihre mittelalterliche Seele nicht verloren. Hinter jeder Ecke wartet die nächste Geschichtsschicht. Wenn du bereit bist … gehen wir weiter.

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  5. Schau mal nach links: Da steht dieser wuchtige Bau aus dunklem, unverputztem Stein, mit zwei ungleichen Türmen, die vor lauter spitzen Fialen fast ein bisschen übermotiviert…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Schau mal nach links: Da steht dieser wuchtige Bau aus dunklem, unverputztem Stein, mit zwei ungleichen Türmen, die vor lauter spitzen Fialen fast ein bisschen übermotiviert wirken. Dazwischen, im Giebel, glänzt eine goldene Figur. Das ist die Teynkirche, offiziell die Kirche Unserer Lieben Frau vor dem Teyn. Und ja, die dominiert die Silhouette hier schon seit dem vierzehnten Jahrhundert. Architektonisch ist das Hochgotik vom Feinsten: gebaut vor allem aus Sandstein und „Opuka“... das ist ein weiches, lokales Mergelgestein, das man gern als Füllmaterial in den Mauern verwendet hat. Dass die Kirche heute so rau und düster aussieht, ist übrigens kein mittelalterlicher Stilwille, sondern ein Ergebnis einer Renovierung im neunzehnten Jahrhundert. Damals hat man den ursprünglichen Putz entfernt. Gute Idee, wenn man auf „dramatisch“ abzielte. Inhaltlich steckt in dem Gebäude jede Menge religiöser Zündstoff. Im fünfzehnten Jahrhundert wurde die Kirche zur Hauptkirche der Hussiten, also früher böhmischer Reformbewegter, die sich von der katholischen Kirche absetzten. Ein Kernpunkt: Beim Abendmahl sollten auch normale Gläubige aus dem Kelch Wein trinken dürfen, nicht nur Priester. Als Symbol dafür hing man vorne am Giebel einen riesigen goldenen Kelch auf. Nur: Eine Großkirche inmitten einer religiösen Revolution fertigzubauen ist… sagen wir… kompliziert. Im Jahr vierzehnhundertsiebenunddreißig wurde das Holz für den Dachstuhl kurzerhand vom Kaiser beschlagnahmt. Und nein, es ging nicht in den Bau. Daraus wurden Galgen gezimmert, um den hussitischen Rebellenhauptmann Jan Roháč und fünfzig seiner Männer hinzurichten. Das Dach bekam die Kirche erst zwanzig Jahre später. Spätestens sechzehnhunderteinundzwanzig drehte sich der Wind brutal: Nach einem großen katholischen Sieg wurden die Hussiten vertrieben. In einer Nachtaktion rissen katholische Helfer den goldenen Kelch und die Statue des hussitischen Königs herunter. Und der Kelch? Der wurde eingeschmolzen und zum goldenen Heiligenschein der Jungfrau Maria umgegossen, genau dort, wo vorher das Rebellensymbol hing. Die Türme selbst sind etwa achtzig Meter hoch. Es gibt eine frei erfundene Legende über einen Glöckner, der sein Pferd die Treppen im Nordturm hinaufgeritten haben soll. Deutlich realer, und ziemlich riskant: In den neunzehnhundertsiebziger und achtziger Jahren stand die Kirche lange eingerüstet. Das lockte Hunderte von Waghalsigen an, die illegal außen hochkletterten, bis ganz zu den Spitzen. Oben im Südturm führten sie sogar ein geheimes Gipfelbuch. Und dieser Südturm hat seit neunzehnhundertsechsundneunzig noch ein modernes Geheimnis: einen der ältesten Mobilfunk-Sender des Landes, geschickt im mittelalterlichen Stein versteckt. Drinnen wartet dann ein ganzer Kunstschatz, unter anderem der schön gearbeitete Grabstein von Tycho Brahe, dem berühmten dänischen Astronomen des sechzehnten Jahrhunderts. Ein Ort, der Streit, Glanz und leisen Eigensinn über Jahrhunderte eingesammelt hat. Wenn du soweit bist, gehen wir weiter zur Basilika Sankt Jakob.

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  6. Da vorne: die helle, hohe Steinfront. Auf einer Seite ragt ein einzelner Turm hoch, und direkt über dem Eingang drücken sich wuchtige Heiligenfiguren fast schon aus der Wand…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Da vorne: die helle, hohe Steinfront. Auf einer Seite ragt ein einzelner Turm hoch, und direkt über dem Eingang drücken sich wuchtige Heiligenfiguren fast schon aus der Wand heraus. Du stehst vor der Basilika St. Jakobus der Ältere, einer der größten Kirchen Prags … und eine, die erstaunlich viele Schichten Geschichte in sich stapelt. Vorhin war da die Teynkirche, ganz großer Auftritt. Diese Basilika hat aber ihren eigenen, leicht eigenwilligen Charakter. Gegründet wurde sie im dreizehnten Jahrhundert für die Minoriten, also einen Bettelorden. Das heißt: Die Mönche lebten wirklich von Spenden. Praktisch, wenn man Nachbarn hat, die notfalls handfest werden. Gleich um die Ecke saß die Metzgerzunft. Wenn plündernde Truppen oder religiöse Aufstände drohten, marschierten die Metzger mit ihren Hackmessern an und verteidigten die Kirche … sagen wir mal: sehr überzeugend. Und das ist nicht nur Folklore: In der Kirchenmauer steckt bis heute eine Steintafel aus dem Jahr sechzehnhundertfünfzehn. Die Botschaft ist klar: Wer hier raubt, wird von den Metzgern in Stücke gehackt. Herzlich willkommen. Trotz dieser Art von Sicherheitsdienst war gegen das große Feuer von sechzehnhundertneunundachtzig kein Kraut gewachsen. Politische Brandstifter legten es während eines europäischen Thronfolgekonflikts. Das gotische Dach stürzte ein und riss einen Großteil des Innenraums mit. Beim Wiederaufbau bekam die Kirche ihr barockes Gesicht: eine riesige Tonnenwölbung, also eine Decke wie ein halbierter Tunnel, und dazu „Lünetten“ … das sind halbkreisförmige Einschnitte im Gewölbe, durch die Licht in das Mittelschiff fällt, den langen Hauptgang der Kirche. Drinnen stehen zweiundzwanzig reich verzierte Altäre, und außerdem die größte Orgel der Tschechischen Republik mit über achttausend Pfeifen. Ja, das ist eine Menge Luft in Bewegung. Und dann sind da die Geschichten, für die St. Jakobus berüchtigt ist. Gleich beim Eingang hängt hoch oben an einem Fleischerhaken ein verschrumpelter, mumifizierter menschlicher Arm. Die Legende: Ein Dieb versteckte sich nach dem Zuschließen, um Schmuck von einer hölzernen Marienfigur zu stehlen. Als er zugriff, soll die Statue lebendig geworden sein, sein Handgelenk gepackt haben und nicht mehr losgelassen haben. Am nächsten Morgen konnte niemand die Holzfinger lösen … also rief man die Metzger. Die amputierten den Arm. Der hängt dort seit über vierhundert Jahren als ziemlich drastische Erinnerung an die Zehn Gebote. Manche Kirchen arbeiten eben mit klaren Ansagen. Nicht weniger unheimlich ist der Fall des Grafen Vratislav von Mitrovice, Kanzler und Besitzer eines prächtigen Marmorsarkophags hier in der Basilika. Er litt an Taphophobie, der lähmenden Angst, lebendig begraben zu werden. Als er Anfang des achtzehnten Jahrhunderts starb, legte man ihn in einen Holzsarg und verschloss ihn unter einer schweren Marmorplatte. Einige Tage später hörten Leute gedämpftes, panisches Klopfen aus dem Grab. Die Priester hielten es für ruhelose Geister und gossen Weihwasser über den Stein. Jahrzehnte später, als man die Gruft für die Beisetzung seines Sohnes öffnete, kam das Grauen ans Licht: Der Sarg war von innen zertrümmert, und die Knochen lagen in einer verzweifelten, zusammengekauerten Haltung direkt unter der unbeweglichen Platte. Er war tatsächlich aufgewacht … und konnte nicht mehr heraus. Hier gehen große Kunst und dunkle Geschichten Hand in Hand. Wenn du soweit bist, gehen wir weiter.

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  7. Rechts von Ihnen steht die Franz-Kafka-Statue: eine wuchtige Skulptur aus dunkel patinierter Bronze. Man sieht einen kleineren Mann, der ziemlich lässig auf den Schultern eines…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Rechts von Ihnen steht die Franz-Kafka-Statue: eine wuchtige Skulptur aus dunkel patinierter Bronze. Man sieht einen kleineren Mann, der ziemlich lässig auf den Schultern eines riesigen, kopflosen, leeren Anzugs sitzt. Ja, ein Anzug ohne Kopf... und ohne Körper. Willkommen in Kafkas gedanklichem Wohnzimmer. Die Figur wurde im Dezember zweitausenddrei hier in der Vězeňská-Straße im jüdischen Viertel aufgestellt. Geschaffen hat sie Jaroslav Róna, und sie trifft diesen Prager Autor ziemlich genau: surreal, ein bisschen verstörend, und trotzdem irgendwie folgerichtig. Von der Sankt-Jakobus-Basilika, die wir vorhin gesehen haben, ist es nur ein kurzer Weg, aber künstlerisch sind wir plötzlich in einer ganz anderen Welt. Die Statue steht außerdem nahe der Spanischen Synagoge. Und falls Sie sich fragen, warum Kafka hier auf einem enthaupteten Riesen „mitfährt“: Das ist eine direkte Anspielung auf seine Erzählung aus dem Jahr neunzehnhundertzwölf, Beschreibung eines Kampfes. Darin springt der Erzähler buchstäblich auf die Schultern eines Bekannten, um durch die Straßen zu kommen. Herrlich praktisch... und maximal kafkaesk. Schauen Sie ruhig noch einen Moment hoch in dieses dunkle Metall. Dann gehen wir weiter Richtung Stalin-Denkmal.

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  8. Wenn du nach links schaust, hinauf zur Betonfläche auf dem Letná-Hügel, siehst du ein riesiges Metronom, das unermüdlich hin und her tickt. Der Sockel darunter wirkt wie ein…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Wenn du nach links schaust, hinauf zur Betonfläche auf dem Letná-Hügel, siehst du ein riesiges Metronom, das unermüdlich hin und her tickt. Der Sockel darunter wirkt wie ein harmloser Aussichtspunkt … war aber ursprünglich für etwas deutlich Düstereres gebaut: Hier stand früher das Stalin-Denkmal. Nachdem die Kommunistische Partei im Jahr neunzehnhundertachtundvierzig die Macht übernommen hatte, bestellte sie eine Statue, die zur größten Darstellung von Josef Stalin weltweit werden sollte. Propaganda in Übergröße, sozusagen, mit Blick über die Innenstadt. Das Monument war etwa fünfzehn Meter hoch, rund zweiundzwanzig Meter lang und wog siebzehn Millionen Kilogramm. So ein Koloss entsteht nicht ohne Kosten. Im Jahr zweitausendeinundzwanzig fanden Archäologinnen und Archäologen hier im Park die Fundamente eines Zwangsarbeiterlagers. Zwangsarbeit heißt: Menschen müssen unter Druck und ohne echte Wahl arbeiten. In Akten ist von drei Holzbaracken die Rede, voll mit Soldaten und Personen, die das Regime als politisch unzuverlässig einstufte. Acht Leute pro Zimmer, kaum Ausstattung. Und trotzdem bekam die Statue bei der Enthüllung am ersten Mai neunzehnhundertfünfundfünfzig den offiziell erstaunlich freundlichen Titel: „Ein Denkmal der Liebe und Freundschaft“. Klingt fast gemütlich. Von Anfang an lag ein Schatten über dem Projekt. Der Bildhauer Otakar Švec nahm sich nur wenige Tage vor der großen Einweihung das Leben. Und politisch war das Timing ebenfalls katastrophal: Stalin war schon im März neunzehnhundertdreiundfünfzig gestorben. Kurz darauf begann in der Sowjetunion die Entstalinisierung, also der Versuch, seine Politik zurückzudrehen und Abstand zu seinem brutalen Erbe zu gewinnen. Das größte Stalin-Denkmal der Welt wurde damit zum Problem. Ende neunzehnhundertzweiundsechzig sprengte die Regierung es heimlich mit rund achthundertsechzehn Kilogramm Sprengstoff. Die zerborstenen Granitreste liegen bis heute in den unterirdischen Kammern unter dem Sockel. Diese Bunker bekamen später ein seltsames zweites Leben: Nach dem Ende des Kommunismus sendete dort neunzehnhundertneunzig ein Piratensender namens Radio Stalin, danach zog Prags erster Rockclub ein. Und im Jahr neunzehnhundertsechsundneunzig stand hier kurzzeitig sogar eine etwa elf Meter hohe Michael-Jackson-Statue als Werbegag für eine Welttournee. Heute gehören die flachen Steinflächen vor allem den Skaterinnen und Skatern. Ganz schöner Wandel für einen Ort, der mal von einem Diktator dominiert wurde. Wenn du bereit bist, gehen wir weiter Richtung Karlsbrücke.

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  9. Links vorne siehst du eine gewaltige Steinbrücke, die sich in einem sanften Bogen über die Moldau spannt. Am Eingang steht ein dunkles, hoch aufragendes gotisches Tor wie ein…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Links vorne siehst du eine gewaltige Steinbrücke, die sich in einem sanften Bogen über die Moldau spannt. Am Eingang steht ein dunkles, hoch aufragendes gotisches Tor wie ein Türsteher aus dem Mittelalter. Das ist die Karlsbrücke. Wenn du ungefähr zwanzig Meter zurückbleibst, wirkt sie am eindrucksvollsten, weil man ihre ganze Breite und Länge auf einmal begreift. Und ja, das ist schon ein ziemlicher Stilwechsel zu dem wuchtigen, modernen Raum beim Stalin Denkmal, das wir vorhin hatten. Prag kann Kontraste. Die Karlsbrücke ist ein echter Überlebenskünstler. Der Bau begann im Jahr dreizehnhundertsiebenundfünfzig unter König Karl dem Vierten. Er ließ sie errichten, um die ältere Judithbrücke zu ersetzen, die eine katastrophale Flut weggerissen hatte. Karl war nicht nur König, sondern auch begeisterter Numerologe. Numerologie bedeutet: Man glaubt, dass Zahlen eine geheimnisvolle, fast magische Bedeutung haben. Der Legende nach wartete er für den ersten Stein auf einen ganz bestimmten astrologischen Moment: im Jahr dreizehnhundertsiebenundfünfzig, am neunten Tag des siebten Monats, um fünf Uhr einunddreißig am Morgen. Als Zahlenfolge ergibt das ein perfektes Palindrom: eins drei fünf sieben neun sieben fünf drei eins. Der Kaiser war überzeugt, diese Reihenfolge mache die Brücke unzerstörbar. Eine Art mittelalterliches Qualitätssiegel. Getestet wurde das genug. Über Jahrhunderte war dies der einzige Übergang über die Moldau: eine Schlüsselstelle für den Handel zwischen Ost und West und Teil der Krönungsroute böhmischer Könige. Aber wer wichtig ist, wird auch angegriffen. Schau zum Altstädter Brückenturm am Eingang. Im Jahr sechzehnhunderteinundzwanzig, nach einem gescheiterten Aufstand gegen die Habsburger, hängte man die abgetrennten Köpfe von siebenundzwanzig Rebellenführern an den Turm. Grausam, aber als Abschreckung leider sehr wirksam. Später, im Jahr sechzehnhundertachtundvierzig, versuchten schwedische Truppen, genau hier überzusetzen. Die Kämpfe waren so heftig, dass fast der gesamte ursprüngliche gotische Schmuck von der zum Fluss gerichteten Turmseite heruntergerissen wurde. Die Brücke ist über fünfhundert Meter lang. Entlang der Strecke steht eine Art Stein-Allee aus dreißig Statuen. Die meisten zeigen Schutzheilige im Barockstil, also mit viel Drama, starken Gesten und detailverliebter Oberfläche. Um das Jahr siebzehnhundert entstanden sie durch Bildhauer wie Matthias Braun und die Familie Brokoff. Was du hier siehst, sind allerdings Kopien: Seit dem Jahr neunzehnhundertfünfundsechzig hat man die Originale nach und nach in ein Museum gebracht, um sie zu schützen. Auch die Brücke selbst brauchte Schutz. Sie ruht auf sechzehn Bögen, und davor sitzen Eisbrecher, das sind spitze Steinvorsprünge, die treibende Eisplatten auseinanderdrücken sollen. Trotzdem kam die große Flut im September achtzehnhundertneunzig: Tausende treibende Baumstämme und Flöße verkeilten sich, der Druck wurde enorm, drei Bögen stürzten ein, und zwei Statuen fielen in die Fluten. Kaum vorstellbar, wenn man weiß, dass bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts sogar Pferdestraßenbahnen und Busse hier entlangfuhren. Erst eine große Restaurierung in den neunzehnhundertsiebziger Jahren hat den Verkehr endgültig verbannt. Jetzt gehört die Karlsbrücke den Fußgängern... und den Heiligen aus Stein. Nimm den Blick über die Moldau mit, und wenn du bereit bist, gehen wir weiter.

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  10. Schauen Sie nach rechts... da steht ein wuchtiges, dunkelsteinernes Monument auf einem schweren, gestuften Sockel, dazwischen rosige Steinplatten. Und vorne: eine ganze kleine…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Schauen Sie nach rechts... da steht ein wuchtiges, dunkelsteinernes Monument auf einem schweren, gestuften Sockel, dazwischen rosige Steinplatten. Und vorne: eine ganze kleine Bühne aus Figuren, darunter ein Engel, der ein großes rundes Schild umklammert. Subtil ist anders. Nachdem wir die Karlsbrücke hinter uns gelassen haben, sind wir jetzt in Malá Strana, der sogenannten Kleinseite, hier auf dem Maltézské náměstí, also dem Malteserplatz. Vor Ihnen steht die Statue des Johannes des Täufers, auf Tschechisch Sousoší svatého Jana Křtitele. Geschaffen hat sie Ferdinand Maxmilián Brokoff, ein echter Könner der Barockzeit. Barock, das ist ein Stil aus dem siebzehnten Jahrhundert, der gern groß auftritt: viel Drama, starke Gefühle, theatralische Gesten. Und genau das macht Brokoff hier... aus hartem Stein werden plötzlich weich wirkende, flatternde Gewänder. Wenn man’s nicht besser wüsste, würde man meinen, die Figuren seien mitten in einer angespannten Unterhaltung eingefroren worden. Gehen Sie ruhig einmal ein paar Schritte drum herum und schauen Sie sich die verwitterten Details aus verschiedenen Blickwinkeln an. Wenn Sie so weit sind, gehen wir weiter zum Denkmal für die Opfer des Kommunismus.

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  11. Rechts sehen Sie eine breite Betontreppe, die den Hang hinaufführt. Auf den Stufen stehen Bronzefiguren von Menschen... und je weiter oben, desto stärker wirken sie beschädigt,…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Rechts sehen Sie eine breite Betontreppe, die den Hang hinaufführt. Auf den Stufen stehen Bronzefiguren von Menschen... und je weiter oben, desto stärker wirken sie beschädigt, fast auseinanderfallend. Nach den eher klassischen Statuen am Maltézské Platz geht es hier in ein deutlich düsteres Kapitel der tschechischen Geschichte: das Denkmal für die Opfer des Kommunismus. Es erinnert an die Menschen, die unter dem totalitären Regime von neunzehn achtundvierzig bis neunzehn neunundachtzig gelitten haben. Enthüllt wurde es im Jahr zwei tausend zwei. Geschaffen hat es der tschechische Bildhauer Olbram Zoubek. Es sind sechs Figuren, aber sie stehen für ein und dieselbe Person. Wenn Sie die Treppe hinaufblicken, sehen Sie, wie der Körper zerfällt: Gliedmaßen fehlen, der Oberkörper reißt auf. So wird die körperliche und seelische Zerstörung politischer Gefangener sichtbar... und trotzdem stehen alle noch aufrecht. Ein stiller Hinweis darauf, dass Widerstand nicht immer laut sein muss. Achten Sie auf den bronzenen Streifen in der Mitte: eingraviert sind Zahlen, die einen schlucken lassen... über zweihunderttausend Verhaftete, hundert siebzigtausend ins Exil Getriebene, und Tausende Tote oder Hingerichtete. Eine Tafel widmet den Ort auch denen, deren Leben durch Despotismus aus der Bahn geriet. Und ja, selbst die Enthüllung blieb nicht frei von Politik: Václav Havel stand zunächst nicht auf der Gästeliste. Zwei Tage vorher bekam er doch noch eine Einladung... und entschied sich lieber für einen privaten Besuch am Vortag, zusammen mit dem Künstler. Später überstand das Denkmal sogar zwei nicht aufgeklärte Bombenexplosionen im Jahr zwei tausend drei. Wenn Sie bereit sind, gehen wir weiter zum Prager Jesuskind.

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  12. Links von Ihnen steht die Kirche Maria vom Siege... und sie ist die Heimat einer der berühmtesten kleinen Berühmtheiten Prags: des Prager Jesuleins. Wenn Sie hineingehen,…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Links von Ihnen steht die Kirche Maria vom Siege... und sie ist die Heimat einer der berühmtesten kleinen Berühmtheiten Prags: des Prager Jesuleins. Wenn Sie hineingehen, entdecken Sie eine etwa neunzehn Zoll hohe Holzfigur des Jesuskindes. Ziemlich zierlich, wenn man bedenkt, welche Karriere sie gemacht hat. Die Figur ist aus Holz geschnitzt, in Leinen gewickelt und mit farbigem Wachs überzogen. Damit dieses empfindliche Wachs nicht gleich bei der kleinsten Berührung leidet, steckt die untere Hälfte tatsächlich in einer Silberfassung. In der linken Hand hält das Kind einen Globus cruciger... das ist eine goldene Kugel mit einem Kreuz obendrauf. Ein klassisches christliches Zeichen: Christus herrscht über die Welt. Die rechte Hand ist zum Segen erhoben. Die Geschichte beginnt in Spanien, doch nach Böhmen kam die Figur im Jahr fünfzehnhundertsechsundfünfzig... als Hochzeitsgeschenk. Der Legende nach gehörte sie zuvor der berühmten Mystikerin, der heiligen Teresa von Ávila. Und dann, im Jahr sechzehnhundertachtundzwanzig, übergab eine Adelige namens Prinzessin Polyxena von Lobkowicz dieses kostbarste Familienerbstück den Karmeliten vor Ort, genauer: den Unbeschuhten Karmeliten. „Unbeschuht“ heißt hier nicht „vergesslich beim Schuheanziehen“... sondern wörtlich: Sie gingen barfuß oder trugen nur einfache Sandalen. Der Orden lebte streng und in großer Armut. Die Prinzessin soll gesagt haben: Ehrt dieses Bild, und ihr werdet nie arm sein. Anscheinend hat es funktioniert: Kaiser Ferdinand der Zweite hörte von ihrer Verehrung und schickte ihnen zweitausend Florin... ein Vermögen, heute grob mit zigtausend Dollar vergleichbar... plus eine monatliche Unterstützung. Doch das Glück hielt nicht. Im Jahr sechzehnhunderteinunddreißig, mitten im Dreißigjährigen Krieg, eroberten schwedische Truppen Prag. Sie plünderten das Kloster, warfen die kleine Figur hinter dem Altar auf einen Müllhaufen, und dabei brachen die Hände ab. Sieben Jahre lang lag sie vergessen im Dreck. Erst dann kehrte ein Pater Cyrillus in die zerstörte Kirche zurück und fand sie. Beim Gebet, so berichtete er, habe die Figur zu ihm gesprochen: Hab Mitleid mit mir, und ich werde Mitleid mit dir haben. Gib mir meine Hände, und ich werde dir Frieden geben. Je mehr du mich ehrst, desto mehr werde ich dich segnen. Die Hände wurden repariert... und seitdem wird das Jesulein behandelt wie ein Mitglied der königlichen Familie. Karmelitinnen kleiden die Figur in maßgeschneiderte, kostbare Gewänder, passend zum Kirchenjahr: Violett in der Fastenzeit, Königsblau zum Fest Mariä Himmelfahrt, Gold oder Rot zu Weihnachten. Über hundert Roben gibt es, teils gestiftet von Kaisern und Kaiserinnen, reich mit Gold bestickt und mit Edelsteinen besetzt. Und ja: eine goldene Krone trägt es auch, mit Perlen und Granaten... gespendet von Papst Benedikt dem Sechzehnten im Jahr zweitausendneun. Heute reicht die Verehrung um die ganze Welt. In Irland gibt es zum Beispiel den Brauch, dass Bräute für gutes Wetter am Hochzeitstag eine Nachbildung der Figur vors Haus stellen... oder im Garten vergraben. Ein hübscher Beweis dafür, wie weit der Einfluss dieser kleinen Figur getragen hat. Wenn Sie so weit sind... gehen wir weiter und beginnen den Aufstieg zur Prager Burg.

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  13. Zu Ihrer rechten Seite zieht sich ein riesiger Stein-Komplex über den Kamm entlang... eine lange, helle, ziemlich gleichmäßige Fassade als Basis, und mitten daraus schießen diese…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Zu Ihrer rechten Seite zieht sich ein riesiger Stein-Komplex über den Kamm entlang... eine lange, helle, ziemlich gleichmäßige Fassade als Basis, und mitten daraus schießen diese dunklen, gotischen Spitzen in die Höhe. Ein bisschen so, als hätte jemand eine Kathedrale direkt in eine Festung hineingesteckt. Willkommen auf der Prager Burg, dem Prazsky hrad. Und ja, „Burg“ klingt fast niedlich. Laut dem Guinness-Buch der Rekorde gilt sie als die größte alte Burganlage der Welt. Sie nimmt fast siebzigtausend Quadratmeter ein und misst in der Länge ungefähr fünfhundertsiebzig Meter. Seit über tausend Jahren ist das hier der ultimative Macht-Sitz in Böhmen. So sehr, dass „die Burg“, also einfach „Hrad“, für Einheimische oft schlicht den Präsidenten und seinen Stab meint... ähnlich wie man in Deutschland „das Kanzleramt“ sagt. Angefangen hat dieses monumentale Ganze erstaunlich bescheiden: im Jahr achthundertsiebzig mit einem einzigen ummauerten Bau, der Marienkirche. Und dann ging es los: Jahrhunderte lang haben Könige, Kaiser und später Präsidenten jeweils ihren Stempel aufgedrückt. Karl der Vierte ließ den Königspalast im hoch aufragenden gotischen Stil umbauen, mit spitzen Bögen und gewaltigen Gewölben. Gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts kam der riesige Vladislavsaal dazu, berühmt für seine spektakulären, verdrehten Steinrippen, die sich über die Decke ziehen. Im Grunde war die Anlage permanent eine Baustelle, die einen verheerenden Brand im Jahr eintausendfünfhunderteinundvierzig, Plünderungen durch schwedische Truppen und zahllose politische Erschütterungen überstanden hat. Apropos Erschütterung: Genau hier fand im Jahr sechzehnhundertachtzehn die dritte Prager Fenstersturz-Affäre statt. „Fenstersturz“, oder fachlich „Defenestration“, bedeutet ganz wörtlich: jemanden aus dem Fenster werfen. Wütende protestantische Adlige beförderten drei katholische Amtsträger aus einem Burgfenster... und lösten damit direkt den Böhmischen Aufstand aus, der dann in den Dreißigjährigen Krieg mündete. Und dann gibt es noch die dunklere, modernere Legende: Irgendwo in diesen dicken Mauern soll ein geheimer Raum liegen, in dem die unbezahlbaren böhmischen Kronjuwelen verwahrt werden. Während der nationalsozialistischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde die Burg zum Hauptquartier von Reinhard Heydrich, einem berüchtigt brutalen Machtmenschen. Der lokalen Überlieferung nach setzte er sich heimlich die alte böhmische Krone auf. Alte Mythen warnen allerdings: Wer sie unrechtmäßig trägt, stirbt innerhalb eines Jahres. Und tatsächlich... weniger als ein Jahr später wurde Heydrich bei der Operation Anthropoid von in Großbritannien ausgebildeten tschechischen und slowakischen Widerstandskämpfern überfallen. Er starb eine Woche später an infizierten Wunden, und sein ältester Sohn verunglückte im Jahr darauf bei einem Verkehrsunfall. Unheimlich passend. Nach Krieg und kommunistischer Ära bekam die Burg neues Leben. Wie schon der erste Präsident der Tschechoslowakei, Tomas Masaryk, im Jahr neunzehnhundertachtzehn, holte auch der postkommunistische Präsident Vaclav Havel einen zeitgenössischen Architekten, um den historischen Räumen einen nötigen Frischekick zu geben. Von romanischen Kapellen bis zu weiten Renaissance-Sälen liegt hier Geschichte in Schichten übereinander. Nehmen Sie sich ruhig einen Moment für die Dimensionen... und wenn Sie bereit sind, gehen wir weiter in Richtung der dunklen, hohen Spitzen. Nächster Halt: der Veitsdom.

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  14. Schau nach links: Da steht der dunkle Steinriese des Veitsdoms, mit zwei spitzen gotischen Türmen wie Nadeln und dazwischen diesem riesigen runden Rosenfenster, so fein…Mehr lesenWeniger anzeigen

    Schau nach links: Da steht der dunkle Steinriese des Veitsdoms, mit zwei spitzen gotischen Türmen wie Nadeln und dazwischen diesem riesigen runden Rosenfenster, so fein geschnitzt, dass man fast vergisst, wie schwer das alles ist. Und nachdem wir gerade durch die äußeren Höfe der Prager Burg gekommen sind, passt es ziemlich gut, hier zu enden: vor der größten und wichtigsten Kirche des Landes. Offiziell heißt sie Metropolitankathedrale der Heiligen Veit, Wenzel und Adalbert. Die Geschichte beginnt schon im Jahr neunhundertdreißig, als Herzog Wenzel genau hier eine frühe Rotunde bauen ließ, also einen rundlichen Steinbau. Der Auslöser war ein ziemlich spezielles Mitbringsel: Er hatte vom Kaiser eine Reliquie bekommen, den Arm des heiligen Veit. Und ja... das war auch Politik. Der Name Svatý Vít klang für tschechische Ohren fast wie der heidnische Sonnengott Svantevit. Wenzel wusste: Wenn zwei Namen fast gleich klingen, klappt die Umstellung im Kopf oft schneller. Missionieren mit sprachlichem Trick. Der gotische Bau, der heute über dir aufragt, wurde im Jahr dreizehnhundertvierundvierzig unter König Karl dem Vierten begonnen. Er wollte eine Krönungskirche, eine Schatzkammer und eine Familiengruft in einem. Der erste Baumeister, der Franzose Matthias von Arras, brachte strenge französische Gotik mit. Dazu gehören Strebebögen: diese elegant geschwungenen Steinbögen außen, die die Wände abstützen, damit innen die Decken spektakulär hoch werden können. Dann starb Matthias früh. Im Jahr dreizehnhundertzweiundfünfzig übernahm der dreiundzwanzigjährige Bildhauer Peter Parler. Weil er nicht nur Pläne zeichnete, sondern Formen „fühlte“, behandelte er den Dom wie eine Riesenskulptur. Er erfand sogar ein neues Deckensystem, das Netzgewölbe: Statt zwei Kreuzrippen laufen doppelte diagonale Steinrippen in einem verflochtenen Zickzack über die Decke... stabiler und ziemlich hypnotisch. Mathematik, die hübsch aussieht. Nur: Meisterwerke brauchen Zeit. Der Bau stockte über Jahrhunderte wegen der Hussitenkriege im fünfzehnten Jahrhundert, eines verheerenden Feuers im Jahr fünfzehnhunderteinundvierzig und chronischem Geldmangel. Lange stand der Dom halb fertig da, mit einem provisorischen Holzdach über dem Langhaus, also der langen Haupthalle für die Gemeinde. Drinnen, der Öffentlichkeit entzogen, aber durch die Türen zu erahnen, liegt die Wenzelskapelle. Parler gestaltete sie, und in den unteren Wänden stecken über eintausenddreihundert Halbedelsteine. In der südwestlichen Ecke ist eine kleine, unscheinbare Tür mit sieben Schlössern. Dahinter: die Kronkammer mit den böhmischen Krönungsinsignien, so streng bewacht, dass man sie nur ungefähr alle fünf Jahre zeigt. Erst im Jahr achtzehnhundertvierundvierzig setzte eine engagierte Baugesellschaft die Vollendung durch. Mit Restaurierung und neugotischen Ergänzungen, darunter ein beeindruckendes Fenster von Alfons Mucha, wurde der Dom im Jahr neunzehnhundertneunundzwanzig offiziell fertig... fast sechshundert Jahre nach dem ersten Stein. Und dann, nach der Samtenen Revolution, stritten Staat und Kirche vor Gericht um das Eigentum. Im Jahr zweitausendzehn beschlossen Erzbischof und Präsident, den Kleinkrieg zu beenden, und verwalten das Gebäude seitdem gemeinsam in einem Gremium. Nach Jahrhunderten aus Baustellen, Bränden, Kriegen und Klagen hat dieser Dom... endlich seine Ruhe. Verdient hat er sie.

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